7. Runde Stadtliga A

Union Eimsbüttel II vs. SV Diagonale Harburg I 4 : 4

Trotz globaler Ankündigung dieses Schachhighlights auf Facebook hatten die Fanscharen den Weg in den Doormannsweg gestern nicht gefunden. Ich vermute stark, dass sie den Wettkampf auf Sky Chess verfolgt haben. Martens Hinweis auf diesen innovativen Sender hatte ich zunächst als Scherz aufgefasst. Zu Unrecht, eine andere Erklärung für die leeren Zuschauerränge habe ich jedenfalls nicht. Die füllten sich allerdings gegen 10 noch auf besonders attraktive Weise.

Nun gut, wie ihr wisst, beginne ich Berichte gerne mit einer kleinen Anekdote, sozusagen zur Auflockerung. Schach soll ja auch etwas Spaß machen. Soll doch keiner denken, da sitzen nur verbissene alte Herren, die schlecht frisiert sind und mürrisch über ihren nächsten Zug grübeln. Nein, Schach ist ein fröhliches Spiel; das muss man sich manchmal sagen, um die nicht ganz so glücklichen Abende, also die Abende, bei denen man den Gewinn nicht gefunden hat, doch noch zu einem Gewinn werden zu lassen.

Vor der Saison, wir haben das schon ein oder zwei Mal betont, hätten wir sofort eingeschlagen, wenn uns jemand den Klassenerhalt angeboten hätte. Oder Union ein 4:4. Sicher hätten wir zu unseren Saisonaussichten nicht wie Wilhelm Steinitz geantwortet, der einmal während eines Wettkampfes gefragt wurde, wie er denn seine Chance sehe, dieses Turnier zu gewinnen:

”Wir haben die besten Aussichten, die Staffel zu gewinnen - denn jeder muss gegen Diagonale spielen, nur wir nicht!”

Nun neigt sich die Saison dem Ende zu, und der Klassenerhalt ist etwas, was wir vermeiden möchten. Mit zwei Mannschaftspunkten Vorsprung fühlen wir uns derzeit ganz wohl an der Tabellenspitze. Drei Wettkämpfe vor uns. Die direkten Konkurrenten haben wir bereits geschlagen oder ihnen ein Remis abgenommen. Die müssen zum Teil auch noch gegeneinander antreten und wir haben nur noch Fallobst. Was soviel heißt wie: Mannschaften, die vielleicht nur gleich stark oder etwas besser sind wie und als wir. Darf man „wie“ und „als“ so in einem Satz miteinander verbinden? Mal sehen, was das Lektorat daraus macht.

Ich schulde noch die Aufstellung: Florian und Dave konnten nicht mitspielen. Dafür Marcel und Finki. Sonst gab es keinen Grund für Auswechslungen.

Gegen 19 Uhr haben sich Martin und ich also durch das Hamburg-Haus in Eimsbüttel gekämpft, genauer gesagt durch die Massen an Rentnern, die dort offenbar ebenfalls einen Termin hatten. Ich habe nicht herausgefunden, welchen. Oh doch, soeben wird mir zugerufen, es habe sich um einen Theaterabend gehandelt. Aber welches Stück? Muss etwas sehr Klassisches gewesen sein. Beim Anpfiff stellten wir fest, dass Andrei und Christian fehlen. Aber zu sechst waren wir ja immerhin schon spielberechtigt. Und der Gegner war auch noch nicht ganz vollzählig. Andrei trudelte dann auch bald ein, nur Christian ließ noch etwas auf sich warten. Noch kein Grund zur Beunruhigung.

Schauen wir einmal auf die Partien: Die Ehre des Berichteschreibens trifft mich nicht ohne Grund. Der Tradition folgend darf derjenige kritzeln, der seine Partie als erster beendet hat. Gestern war das ganz gegen meine Gewohnheit also ich.

Kirsch (1905) vs. Hoppe-Jänisch (1834)

Mein Gegner Dr. Thomas Kirsch hatte in dieser Saison bislang vor allem durch Konstanz überzeugt, so lese ich jedenfalls die Ergebnisse. 5 Mal remis gegen einen DWZ-Schnitt von 1982 klang für mich nach sehr solidem Spiel. Ich wollte meine kleine Serie von 4/4 natürlich verlängern. An fünf Langpartie-Siege in Folge kann ich mich nämlich in meiner überschaubaren Schachkarriere nicht entsinnen. Dr. Kirsch hatte etwas dagegen und begann ganz vertrauensvoll mit 1. d4. Dann ging alles sehr schnell. Nach wenigen Zügen gingen die Damen vom Brett und Weiß musste sich um eine ruinierte Bauernstellung am Damenflügel mit einem Doppelisolani auf c3 und c4 kümmern. Nicht ganz einfach. Für mich war es das angestrebte Spiel auf zwei Ergebnisse und wahrscheinlich hätte jemand, der richtig Schach spielen kann, aus der schwarzen Stellung auch mehr gemacht. Nun ja, irgendeinen Grund muss es ja geben, dass ich in der Stammaufstellung an Brett 5 spiele. Jedenfalls hielt mein Gegner den Laden irgendwie und doch noch recht solide zusammen, während ich nicht den richtigen Plan fand und auf einmal war es remis. So richtig remis. Nach 23 Zügen. Generalabtausch, Läuferendspiel, mein guter gegen seinen schlechten, aber kein Einbruchsfeld für den König. Hat mir nicht so gut gefallen. Aber abweichen konnte ich auch nicht ohne Nachteil.

Halb so schlimm, denn die anderen Bretter standen ausgeglichen bis gut, auch Christian, der inzwischen eingetroffen war. Zunächst aber einmal zu Finki, der zum ersten Mal als Ersatzmann bei uns zum Einsatz kam und seine Sache mit Schwarz super machte. Soviel darf ich vorwegnehmen.

Göttsche (1789) vs. Finkhäuser (1667)

Finki ist in der zweiten Mannschaft in diesem Jahr unersetzlich. 3 aus 5 bei einer Performance von fast 1900 und keine Niederlage. Noch etwas Mut zugesprochen vor der Partie und los ging es auch schon. Finkis Gegner hatte in dieser Saison noch nicht so viel geholt, da sollte etwas drin sein. Und fast so schnell wie bei mir war die Partie auch bei Finki vorbei. Jens Göttsche hatte in einer anfangs aktiv wirkenden weißen Stellung die Rochade und einen Bauern vergessen, Finki stand sicher mit einem schwarzen Mehrbauern, der noch dazu ein Freibauer war, wenn ich es richtig gesehen habe. Teilweise konnte ich nämlich nichts sehen, weil ich mich draußen befand, vor dem Hamburg-Haus, um dort die Spannung besser zu ertragen. Ich geriet allerdings wieder in eine Rentnermenge. Mitbekommen habe ich jedenfalls, dass Finki eher ein Stratege ist als ein Taktiker. Denn mit einer kleinen Taktik (indirekte Deckung nennt sich das, und wenn der Gegner den Bauern wegnimmt, gibt’s Abzugsschach und der Turm ist weg …) wäre der Gewinn wohl sicher gewesen. Schade und auch wieder nicht, oder wie soll man sagen. Unglück im Glück? Na ja, gut gespielt, prima Leistung von Finki, nur am Ende fehlte vielleicht etwas der Glaube, dass in der Stellung der Gewinn stecken muss. Den haben wir Finki aber für das nächste Mal eingeimpft.

Voigt (1856) vs. Holst (1748)

Der Landesturnierleiter hatte sich mit Detlev Voigt auseinanderzusetzen, behauptete aber nach dem Spiel, er habe heute keine Partie gespielt. Ich kann das bestätigen. Nach Martens Angaben stand er erst schlecht, dann gut, opferte dann in einer Stellung, die auf meinen ersten Blick so ein Opfer gar nicht nötig hatte. Marten hatte dabei leider vergessen, dass das Opfer in einer Stellung korrekt gewesen wäre, die er vorher mal berechnet hatte. Den Umkehrschluss kann jeder selber leicht bilden. Und er trifft hier auch zu. Ich will Marten nicht quälen, so eine Partie kann jedem mal passieren. Und ehrlich gesagt wäre Marten nicht Marten, wenn er nicht auch einmal einen Bock einschieben würde. In dieser Saison hatte er mit zuvor 4.5/6 und einer Performance von ca. 2100 schon eine ganze Menge geholt, indem er mit kreativem Spiel Böcke der Gegner provoziert hat, da durfte er mal aussetzen. Wäre aber schöner gewesen, wenn er es ein anderes Mal getan hätte. Dummerweise haben gegen Union einige von uns nämlich parallel ausgesetzt.

Macht nix, Kopf hoch, weitermachen! Die anderen Bretter stehen ja immer noch gut genug. 1:2 lässt sich aufholen. War schon aufgeholt, merkte ich dann, denn auf Marcels Brett sah ich die Grundstellung, nur der weiße König hielt sich auf e4 auf. Was war da passiert?

Heymuth (1781) vs. Schoenenberg (1830)

Marcel war stark erkältet, ich korrigiere: brüllgeschädigt vom CL-Halbfinale, und hatte deshalb heute nur leise Sprüche im Gepäck. War eigentlich ganz angenehm, wobei wir natürlich hoffen, dass er bald wieder richtig fit ist. In dieser Saison hat er sich bis jetzt etwas zurückgehalten, mit einer Niederlage gegen Jörg Müller und einem Sieg gegen Matthias Weiß. Ansonsten hat er sich schonen dürfen. Und es hat etwas gebracht, zumindest im Ergebnis. Sein Gegner Hellmut Schoenenberg, sagen wir einmal so, hatte mit bis dato 2,5/6 leicht unter den Erwartungen gespielt, aber wirklich nur ganz leicht. Gegen Marcel zog er es vor, quasi gar nicht zu spielen. Oder seine Uhr war defekt. Und da Zeit und Stellung auch im Normalschach eine Einheit bilden, hatte er gegen zehn verloren. Die Stellung war zwar vielleicht noch haltbar. Aber die Zeit war matt. Und das in etwa schon im 30. Zug. Was mich wiederum in dem Glauben bestärkt, dass Marcel seine Partien nicht auf herkömmliche Weise gewinnt. Ich habe noch nicht herausgefunden, wie er es anstellt. Gegen Matthias Weiß steht er aus völlig ausgeglichener Stellung heraus binnen weniger Züge auf Gewinn, Hellmut Schoenenberg schläft am Brett ein. Wahrscheinlich Hypnose oder Voodoo. Aber wieso hat er das nicht gegen Jörg Müller versucht? Bis ich Genaueres weiß, nenne ich Marcel einfach das Phantom. Gewonnen ist gewonnen. Da fragt keiner, wie es dazu kam. Und dass Weiß zwischendurch einmal etwas zweifelhaft stand, wollte ich dann auch in der Analyse gar nicht mehr so genau wissen. Zwischenstand 2:2.

Cotaru (1787) vs. Gehn (1804)

Andrei hatte mit einem heldenhaften Sieg gegen HSK VI, der sicher noch einmal in der Dia-Rundschau analysiert werden wird, in der letzten Runde endlich den ersten Saisonsieg eingefahren. Nun ging es gegen Roland Gehn, der zwar leichtes DWZ-Plus aber starken Nachzugsnachteil hatte. Das ist gegen Andrei nicht leicht auszugleichen, habe ich selbst bei einer Vereinsmeisterschaft schon mal erfahren dürfen.

Jedenfalls gar nicht gut ist es, gegen einen so findigen Angreifer wie Andrei mit seinen Figuren auf die 9. und 10. Reihe auszuweichen, wie es Roland Gehn versuchte. Zumindest war das mein Eindruck, vielleicht handelte es sich auch um eine sogenannte Sprungfederstellung. Es sprang jedenfalls nichts. Andrei konnte nach Belieben mit einem starken Bauernpaar auf d4 und c4 operieren, Türme auf der dritten Reihe hin- und herspielen, Batterien gegen g7 aufbauen. Was man sich so wünscht als Weißer. Schwarz hingegen quälte sich mit einem abgemeldeten Springer auf c7 oder irgendwo dort im Hinterland und einer Dame, die von h7 aus ganz allein g7 verteidigte. Nun gut, der schwarze König war daran auch beteiligt, aber das war wohl eher von Nachteil. Kurz gesagt: Wenn Andrei das nicht gewinnt, dann, ja dann, ich weiß auch nicht. Muss ich auch nicht. Denn Andrei gewann. Zunächst eine Qualität, so dass nur noch Dame + Turm gegen Dame + eine Art Springer auf c7 ohne Felder verblieben, bei gleicher Bauernanzahl. Kurz darauf sah Roland Gehn ein, dass weiterer Widerstand keinen Spaß macht. 3:2 für uns. Dachte ich. Aber kurz zuvor hatte schon Martin verloren.

Becker (1849) vs. Vehar (1897)

Martin, unser Mannschaftskapitän, kümmert sich in diesem Jahr ganz besonders um uns, das muss man schon sagen. Er organisiert die Trainingsabende mit Jonathan, der übrigens mittlerweile auch eingetroffen war, die Punktspiele, die Vorbereitung auf die Gegner. Das einzige, was nicht klappt, ist „aufm Brett“. Woran das liegt, haben wir leider noch nicht herausgefunden. Zu viele Schwarzpartien? Zu viel Stress auf der Arbeit und zu viel um die Ohren? Einfach nur Pech? Gegen Union sollte sich das ändern. Martin hatte wieder einmal die weißen Steinchen. Trotzdem wurde es ein schwarzer Abend. Um es kurz zu machen: Weiß steht solide bis gut, auch wenn’s nicht ganz nach meinem Geschmack war. Eine strategische Fehlentscheidung gibt dem Gegner die Chance zu Vorteil, die nutzt dieser nicht konsequent, nur um kurz darauf mit einem Opfer in die Königsstellung, das Martin nicht gesehen oder unterschätzt hatte, den ganzen Punkt heimzufahren. Der Capitano braucht nun Aufmunterung. Nach einer grandiosen Bezirksligasaison 2011 kann er die letzten beiden Kämpfe nutzen, um sein Ergebnis in der Stadtliga noch halbwegs gerade zu rücken. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass er das hinkriegt.

Bleiben noch die beiden ersten Bretter. Bei einem Zwischenstand von 3:3.

Nielsen (2004) vs. Wasmuth (2047)

Auch Matthias spielt bislang eine sehr gute Saison. 4 aus 5 und ein kampfloser Punkt gegen Heinz. Da kann man nicht meckern. Also ich jedenfalls nicht, zumal ich in dieser Saison bei Matthias noch keine Partie gesehen habe, in der ich Angst um ihn hatte. Gegen Joerg Nielsen war das erstmals etwas anders. Die schwarze Eröffnung sah für meine naiven Augen etwas experimentell aus, aber Mr. Nielsen behandelte die Partie dann doch recht schnell so zahm, dass sich meine Nerven entspannten. Es entspann sich eine Art sizilianisches Mittelspiel mit reduziertem Figurensatz, das für Schwarz nicht wirklich schlechter sein konnte. Allerdings passierte dann nicht mehr viel, alles blockiert und verkeilt und vielleicht ein kleiner Vorteil für Schwarz als beide ein völlig gerechtfertigtes Remis unterschrieben. Da glaubten wir ja auch noch an den Gewinn am ersten Brett. 3,5:3,5 und Christian mit einem gesunden Mehrbauern.

Zacharias (2229) vs. Jung (2056)

Durch sein Zuspätkommen, wie ich im Nachhinein erfuhr nach einer Autobahntour aus Bamberg nach Hamburg und unfreiwillig langem Aufenthalt im Elbtunnel und auch noch gesundheitlich nicht auf dem Posten, hatte sich Christian leider von Beginn an einen Rückstand auf der Uhr von circa einer halben Stunde eingehandelt, den er nicht so schnell wieder aufholen sollte. Mit 3,5/5 bislang in dieser Saison lag Christian ungefähr auf Kurs. Angesichts des DWZ-Vorsprungs gegenüber Thomas Jung und dem Weißvorteil sollte an Brett 1 ein Sieg her. Aber gesund, ausgeruht und rechtzeitig wäre die Ausgangsposition sicher noch besser gewesen.

Nun ja, an seinem Brett sah es dennoch erst einmal gar nicht so schlecht aus. Schwarz stellte sich aus meiner Sicht doch sehr langsam und recht passiv auf, aber beide machten den Eindruck als glaubten sie, dass die schwarze Stellung das irgendwie aushält. Ich hätte mich wahrscheinlich schon nach 10 Zügen kaum mit Isolani-Durchbrüchen zurückhalten können, was sicherlich Unfug gewesen wäre, aber irgendwie schien mir die schwarze Stellung abschussreif. Christian ging es solider an, gewann irgendwo einen Bauern auf Kosten einer verhunzten Königsflügelbauernstellung, was in dem dann entstandenen Endspiel aber keine Rolle spielen sollte. Meinte ich. Also die Bauernstellung. Aber ich hab’s auch nur mit einem halben Auge gesehen und von Endspielen schon mal gar keine Ahnung.

Irgendwann kam es, wie es kommen musste. Das Turmendspiel war vorteilhaft, aber nicht ganz trivial gewonnen, die Zeit wurde knapp, und mir wurde warm. Ich wusste nicht, ob Christian irgendwann noch einmal ziehen würde. Und nach 120 min + 30 min gibt’s ja bekanntlich keinen Nachschlag mehr. Kurz vor Schluss ging es dann doch ein bisschen schneller voran, und gerade als die Partie für Christian entschieden schien, lief sein König einfach auf das falsche Feld. Kd7 hätte dem c-Bauern Chancen für den Weg nach c8 eingebracht. Und uns womöglich den viereinhalbten Punkt.

So war es kurz vor 12 mit einem 4:4 geschafft. Und um die Ecke gab es nach Mitternacht Croques und Beck’s aus Tassen. Da soll sich die Sportsbar am Harburger Ring mal ein Beispiel nehmen. Wieso hat eigentlich keiner ein Foto gemacht? Tassenbier gibt's ja nun wirklich nicht täglich.


Fazit

An Martins, Martens, Christians und meinem Brett war mehr drin. An Marcels und Matthias (zwischendurch) vielleicht auch mal weniger. Eher ein verlorener Punkt als ein gewonnener, aber Barcelona hatte gegen Chelsea sicherlich mehr Pech als wir gegen Union. Wenn auch nicht viel mehr.

Noch zwei Runden gegen den Klassenerhalt. Wir haben es weiterhin in unserer Hand. Zwei Siege gegen Königsspringer und Blankenese sind nun aber wohl Pflicht.

[Daniel]

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