Bombenabschluss


Es war der letzte Spieltag und für beide Mannschaften ging es um nichts mehr. Lustiger Weise war unser heutiger Gegner Blankenese ja der erste, dessen Klassenzugehörigkeit feststand - noch vor dem ersten Aufsteiger und Absteiger war klar, dass sie auch nächste Saison Stadtligisten sein werden. Mittlerweile war ja auch unser Schicksal besiegelt (und begossen), sodass einem klassischen Sommerschach der Abteilung "8 schnelle Remisen und ein Bier in der Sonne trinken" nichts mehr im Wege stand. Außer vielleicht dem Mangel an Sonne. Also spielten wir Schach.
Wir, das waren zunächst einmal ersatzgestärkte Diagonalesen. Ohne Daniel und Florian (schon lange verhindert), ohne Dave (kurzfristig beruflich gefordert) und letztlich auch ohne Marten (der, bzw. ich, aus Metagründen aussetzen wollte - hätte es nicht gereicht für 8 Spieler, so hätte ich doch gespielt). Statt dessen kamen Armin, Gerd und Rainer J. zu ihren Stadtligadebüts seit Anno Dunnemals. Wir, das waren aber auch ersatzgestärkte Blankeneser - auch dort fehlte einiges an Spielern, einer auch kurzfristig, sodass ein Kampf auf Augenhöhe stattfinden sollte. Dennoch war unser Ziel klar definiert, auch der letzte Kampf sollte mehr als ordentlich absolviert werden, der momentane Schwung sollte in die Sommerpause übergreifen.


Fast Forward, 19 Uhr: Anwesend sind 4 Blankeneser (kennen wir das nicht von Königsspringer?) aber gerade einmal 2 Diagonalenser. Matthias und Marten. Und ich sollte ja nicht spielen, aber ich konnte schon einmal die Mannschaftsaufstellung auf die von Blankenese bereitgestellte Saisonabschlussspezialmannschaftskarte krakeln. Dann warf der zufällig anwesende Landesturnierleiter die Uhren in Gang und die Party begann ohne Party. Jedoch kam die diagonale Heerschar kurz darauf, und wenig später wurde an 8 Brettern geschacht. Den Start nutzte ich zunächst einmal, um einen Geocache zu heben und im nahe gelegenen EEZ einige Einkäufe zu erledigen. Als ich zurückkehrte bot sich ein optimistisch stimmendes Bild: Ralf Urban (2036) hatte gegen Christian an 1 im Schotten gerade einen Turm für Angriff geopfert. Der Angriff schien letztlich aber sehr suspekt, ein ganzer Punkt hier würde mich nicht überraschen. Matthias an 2 hatte gegen Wolfgang Engelhardt (1885) wie so oft auf seine Endspielstärke gesetzt - schon einiges Material kam abhanden und die h-Linie schien zwar nicht egal aber immerhin ausgeglichen belegbar. Martin an 3 stand gegen Stefan Wolff, einen Spieler, der neu in der Hamburger Schachszene auftauchte und von dem wir zuvor nie gehört hatten, für den zugegeben unbeteiligten Beobachter ganz angenehm. Andrei an 4 war gegen Slobodan Obreht (1904) in einem langsamen Sizilianer ebenso remis verdächtig. Brett 5 sah Marcel gegen Holm Schröder (1828) in einer Stellung, die nach Angriff und Opfer und Allesistgenial schrie. (Dieses wäre an und für sich mein Brett gewesen, aber es war gut, dass ich nicht spielte - mein Vater ist Stammgast in dem von Holm betriebenen Restaurant - achten Sie auch in diesem Beitrag auf Schleichwerbung - in Neuenkirchen bei Zarrentin am Schaalsee, und wer weiß, was ihm sonst bei der nächsten Suppe rein gemischt worden wäre.) Ab Brett 6 dann die reservistierenden Spieler: Armin hatte es mit einem starken Angriff gegen den Punkt f7 zu tun (gegen Volker Schilling, 1700). Was heißen soll, dass Weiß den f7 entspannt amputierte und Armin einfach nur schlecht stand, so mit Wenigerbauern und Wenigerstellung. An 7 hatte dafür Gerd das geforderte Spiel auf zwei Ergebnisse gegen Valeriya Kotyk (1713) - es war zwar nicht viel los, und man musste aufpassen, dennoch drohte er im Zweifel, nach Rückgewinn eines gerdtypisch ein geopferten Bauern, eher zu gewinnen denn zu verlieren. An Brett 8 hatte Rainer J es mit Dr. Bernhard Berking (1506) zu tun, und letzterer probierte es mit dem Schottischen Gambit, doch Rainer war der Meinung "Ein Bauer ist ein Bauer, zeig mir mal, was Du dafür hast" - und es schien nicht genug, was Weiß hatte. In der Summe eher 4½ für uns.


Diese Zeit nutzte Ralf Urban, um uns Bier aus Tassen anzubieten - man fragt sich ja, wie er auf eine solche Idee auch nur kommen kann, wer tut denn so was? Dennoch ein Wendepunkt im Kampf. Einige Zeit weiter herrschte Konsternierung ob des doppelten Wasmuthremis. Nicht so sehr ob der Ergebnisse - sowohl Matthias als auch Gerd standen eben remislich - als mehr ob der Tatsache, dass diese Partien beendet waren, bevor Brett 1 zu einem Ergebnis kam, obwohl Ralf Urban bereits ankündigte, auf dem Acker zu stehen und gegen Christian zu spielen, als ob der kein 2200 sondern ein 1200 sei. Aber so lange dauerte das auch nicht mehr, und dann gewann Christian zum 2:1 für die Diagonale - es waren halt inzwischen 2 Türme mehr und das bisschen Angriff lässt sich dann leicht verschieben.
Schauen wir uns die Restbretter mal an: Martin schien einiges von seinem (eventuell nur scheinbaren) Vorteil eingebüßt zu haben, Andrei ließ leider eine gegnerischen Stellung des Typs "ich weiß zwar nicht, ob was los ist, aber Weiß steht einfach nur bequem" zu, Armin stand einfach nur auf dem Acker während Rainers Mehrbauer immer weniger Gegenkompensation ausgleichen musste. Spannend war hingegen Marcel - eine von beiden Seiten scharf gespielte Partie schrie nach weißem Überfall, aber wann und wie teuer, das waren halt die Fragen.
Etwa hier kamen zur Unterstützung auch Daniel und die 22-Uhr-Motivationsmaid (sorry, aber damit hat Daniel selber angefangen, macht das unter Euch aus). Aber so richtig Glück konnten sie nicht mehr bringen. Martin hatte auf einmal einen gegnerischen Mehrbauern zu bekämpfen, was nicht gelang, Andrei stand weiter schlecht, Marcel veropfterte sich mit dem falschen Springer und fiel auseinander, Armin stand weiterhin breit, lediglich Rainer konnte noch einmal einen Höhepunkt setzen - nachdem sein Gegner die Problematik sah, gab er lieber eine Figur für etwas Initiative, als sich völlig plätten zu lassen, Rainer wehrte die Initiative ab und schlug gnadenlos zu mit seiner Mehrfigur im Endspiel. Leider endete der Rest ebenfalls gnadenlos zu unseren Ungunsten. Ein 3:5 also. Tabellarisch egal, aber weh tut es schon, wir wollten das, bei zugegebenermaßen manchem Kompromiss, schon lieber gewinnen. Statt dessen erinnern uns die Blankeneser mit unserer ersten Niederlage seit damals gegen Königsspringer daran, dass eben nicht immer und nicht alles läuft und wir vielleicht einfach besseres Schach spielen müssen.
Ach ja, der Bombenabschluss: nachdem Marcel mich (durch einige Umwege, es waren einige Straßen gesperrt) nach Hause fuhr, stellte sich heraus, warum einige Straßen gesperrt waren: es wurde eine Bombe entdeckt, und zwar bei den Umbauarbeiten am ehemaligen Altenheim an der Rennkoppel. Der eine oder andere wird sich erinnern - dort spielten wir bis Anfang/Mitte der 2000er selber Schach. Leider war meine Wohnung genau 3m hinter der Absperrlinie, sodass ich dann noch 2h in der gegenüberliegenden Kirche warten durfte, bis endlich die Entschärfung passierte und ich wieder nach Hause konnte. War zwar nur ein Bombenabschluss für einen, der noch nicht einmal gespielt hatte, aber immerhinque.

[Marten]

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