Keine Atempause, Geschichte wird gemacht.

So sang die Gruppe Fehlfarben in ihrem Lied "Ein Jahr (es geht voran)". Und in der Tat ist es vorangegangen in den letzten zwei Jahren - und auf einmal spielen wir zwei Ligen höher als gewohnt. Das brachte einiges an Veränderungen mit sich. Zum einen musste ein neues Spiellokal zumindest für die Sonntagsspiele her - irgendwie will die Kirche Sonntags ihr Gemeindehaus selber nutzen. Haben die da irgendwelche Termine? - zum anderen benötigten wir einen neuen Trainer, da Meistertrainer Jonathan uns nicht gegen "seinen" Verein trainieren will. Aber auf Empfehlung haben wir gleich einen neuen bekommen in Jens-Ove Fries-Nielsen, und anders als Johnny kann der sogar für uns spielen. Und hat auch Familie - und vielleicht mag die auch mal spielen. Und auf einmal ist sogar der Klassenerhalt möglich?! Denn wie schon Judith Holofernes und ihre Helden sangen:

Wir gehen nicht, aber wenn wir gehen,
dann gehen wir in Scheiben
Entschuldigung, aber ich sagte:
wir sind gekommen um zu bleiben.

Aber nein, wir wollen nicht träumen, bevor wir nicht wirklich begonnen haben. Unser erster Gegner war Bille, und in erwarteter Stammbesetzung prognostizierte mein kleines Tool uns als 4,54:3,46-Sieger (und uns insgesamt auf Platz 5, BSC auf 9). Aber wie das so ist mit erwarteter Stammbesetzung... Bille kam in Astbesetzung, ohne Andreas Bigot, ihr Brett 1. Wir mussten hingegen mehrere Ausfälle kompensieren, zuletzt den eines erkrankten Daniel Hopps. So kam auch ich zu meinem ersten Einsatz. Also bestenfalls Zweigbesetzung.

Also begann der erste Landesligakampf in der Geschichte (deswegen wird sie ja auch gemacht, siehe Überschrift) des SV Diagonale-Harburg von 1926 e.V. am 14. Oktober 2012 um 11:00h MESZ in folgender Schlachtordnung: Brett 1: Jens-Ove gegen Andreas Bertram (ELO 2199, DWZ 2163), Christian gegen Hans-Jörg Jantzen (2175, 2067), Esmat gegen Martin Kopisch (2120, 2042), Matthias gegen Philipp Prasse (1991, 1954), Florian aus Berlin gegen Olaf Döre (2042, 1964), Martin aus Lüneburg gegen Rainer Jess (2091, 1974), Andrei aus dem Urlaub gegen Norbert Kraft (-, 1914) und ich (Marten) aus der Reserve gegen Christopher Deutschbein (2025, 1860). Schiedsrichter dieses denkwürdigen Tages war Stanislaw Frackowiak vom HSK. Nur damit die Chronik zum 100jährigen Vereinsjubiläum alles zusammen hat.

Und der Schiedsrichter war als erstes gefragt - die neu eingeführte Bedenkzeitregelung war unklar. In der Ausschreibung an die Vereine war sie korrekt von Jürgen und Stefan ausgeschrieben, im (auf einmal viel helleren) blauen Heft stand nichts, auf der Internetpräsenz des Deutschen Schachbundes gar noch die alte Bedenkzeit. Und den Schiedsrichtern hat niemand was gesagt. Es ist wirklich allerhöchste Zeit, dass Hamburg einen neuen Landesturnierleiter bekommt, damit das Chaos mal aufhört. Aber zum Glück waren mit Martin Kopisch und mir zwei spielausschüssige vor Ort, sodass zumindest in Harburg alles gemäß TO angepfiffen werden konnte.

Und so begannen wir mit 8 gegen 6 - zwei Billenser (Billianer? Billonen? Billiarden? Billderberger?) hatten im Internet unsere Adresse recherchiert und fanden den Eigenheimweg auch Problemlos. Später allerdings auch die alte Forst, sodass wir einen vollen Kampf bekamen.

Ich selber bekam einen Larsen mit e5 und d5 auf das Brett und musste nach einigen Zügen erst einmal in tiefes Nachdenken versinken. Denn es ergab sich eine Stellung, in der ich mittels eines taktischen Motivs einen Bauern einnehmen konnte - nur geht das in einer sehr ähnlichen Stellung überhaupt nicht. Und da ich das seit 20 Jahren weiß und das Motiv in der anderen Stellung auslasse, habe ich nicht mehr den Hauch einer Ahnung, warum das eigentlich nicht ging. Also schauen, ob es nicht in dieser, leicht anderen Stellung, geht. Ich fand nichts dagegen, also zog ich es einfach - ich spiele nur einmal Landesliga, da muss man ja nicht 170 Züge strategisch schieben, da kann man auch Spaß haben. Nun musste mein Gegner nachdenken und ich hatte Zeit, mir die Situation anzusehen:

An 1 hatte Jens-Ove ein wenig Entwicklung geopfert um einen Mehrbauern zu haben. Bei diesem Stellungstyp wirkte der einfach wie ein Mehrbauer. An 2 hatte Christian auch einen Landwirt über und vor allem die schwarze Bauernstruktur ziemlich zerpflückt. Der leichte schwarze Raum- und Entwicklungsvorteil dürfte eigentlich nicht ansatzweise kompensieren - vielleicht für den Bauern, aber nicht für die Struktur. An drei bei Esmat und an vier bei Matthias wurde langfristig strategisch gedacht, davon habe ich keine Ahnung, deswegen behaupte ich einmal, es war nichts besonderes los. Florian an fünf machte mir hingegen Sorgen. Klar, es mangelt ihm etwas an Spielpraxis, aber so sehr, dass er spielt wie ein Anfänger? Erst mal entwickeln und rochieren? Seit wann machst Du sowas Florian, das verliert doch... Martin an 6 reiht sich bei Esmat und Matthias als dritter "wir spielen durch bis morgen früh" ein. Andrei an 7 stand schon arg bedrückt, die weißen Figuren hatten viel Raum, ich an 8 war wieder am Zug.

Mal sehen. Oh. Jetzt wird das hier aber wirklich scharf. Das muss gefühlt eigentlich gut sein für mich, aber beide dürfen ab jetzt bitte genau aufpassen, die Partie kann schnell vorbei sein. Mein ursprünglicher Plan geht jedenfalls nicht. Oder doch? Muss ich mal später analysieren, erst mal mit dem Turm auf g7 rausnehmen. Und dann wogte es hin und her, weswegen Entwicklungsupdates der anderen Bretter im Moment fehlen. Auf jeden Fall stehe ich trotz diverser erst einmal logisch scheinender Züge auf einmal auf dem Acker zwischen den Kartoffeln - ich habe zwar meinen Mehrbauern, muss aber eine Qualle spucken und bin unterentwickelt am Damenflügel. Wenn's eh vorbei ist, kann ich ja doch mal die anderen Bretter wieder abklappern.

Jens-Ove steht immer noch schön. Christian steht noch schöner, inzwischen Fígur gegen Bauern mehr, das sollte doch reichen?! Bei Esmat ist es weiterhin ausgeglichen, nur die asymmetrische Bauernstruktur könnte im Endspiel entscheidend sein. Matthias hat irgendwie einen a-Bauern eingestellt - und er hatte doch nur den einen a-Bauern. Das war schon bergauf schwimmen. Florian stand weiterhin unspektakulär, es tobte der Kampf um die offene Linie und Läufer gegen Springer, vielleicht einen Hauch (0,00023 Bauerneinheiten nach erster grober Schätzung) angenehmer? Martin stand dafür unangenehmer - nichts wirklich schlimmes, aber bedrückt, und es drohte, dass Schwarz ihn in Zugzwang bringen kann, unangenehm trotz Läufer- gegen Springerpaar (aber in sonst geschlossenem Stellungstyp). Andrei stand ähnlich vertrauenerweckend wie weiland gegen HSK VI, wo er uns ja mehr oder weniger den Aufstieg klarschoss, und keiner wusste wieso. Und ich habe eine Figur eingestellt, was mein Gegner zum Glück nicht sah, sein h-Bauer der ungestört losmarschierte war aber ärgerlich genug. Zwischenbilanz: alles ist drin, aber eher 3½ gegen uns. Also ab in den Abstiegskampf, jetzt sind Einsatz, Kämpferherz und Teamgeist gefragt.

Apropos Teamgeist: wenn Christian schon mal eine Mehrfigur hat, dann steht es schnell 1:0. Und wenn man Jens-Ove einen Bauern vorgibt, hat er auch eine Chance, 2:0. Wobei Andrei sein HSK (HusarenStücK) aus der letzten Saison nicht wiederholen konnte, 2:1. Bei Matthias war es auf einmal Figur gegen zwei Bauern, aber was für Bauern - gedeckte, verbundene, marschierende Freibauern. Da braucht man jetzt Taktik. Martin stand wie befürchtet kurz vor Zugzwang und der Gegner drang in die Stellung ein. Esmat und Martin Kopisch schoben weiter Klötzchen hin und her. Florian tauschte alles ab und spielte remis - 2½:1½. Mein Gegner leistete sich zwei Ungenauigkeiten, eine erlaubte mir, den marschierenden h-Bauern auf g zu ziehen, wo er wesentlich leichter zu blockieren war, die andere erlaubte mir, einen unwichtigen Bauern zu amputieren - und letztlich ist ein Bauer irgendwann einfach ein Bauer, jetzt zwei gegen die Qualle, aber ein Monsterfreibauer und mein K ist abgeschnitten.

Rainer Jessens Stellungseindringer erwies sich allerdings zu unserem Glück als Bumerang. Martin konnte alles schwere vom Brett tauschen, der Druck war weg, und mit der Drohung eines entfernten a-Freibauern stand Martin am Ende vielleicht sogar einen Hauch besser, aber besser das Moment mitnehmen und 3:2 als überdehnen. Vor allem, da Matthias jetzt das Motiv entwickelte, seinen Springer für die gegnerischen Freibauern zu opfern und sich nach zwischenzeitlicher Grottenstellung ins Remis zu retten.

Und da eine gute Nachricht nicht reicht, konnte auch ich mich aus der zwischenzeitlichen Grottenstellung befreien. Zwar stand ich immer noch bedrängt, aber alle schwarzen Figuren waren an die Verteidigung des Freibauern gebunden, und wenn er den König heranholt, lasse ich doch noch meinen Freibauern auf a loslaufen. Die beiden sind zwar tauschbar, aber dann habe ich 2 Bauern für die Qualität und eine solide Stellung. Und wenn mein Gegner nichts macht und den König am Damenflügel zur Verteidigung lässt, dann ziehe ich einfach meinen Läufer hin und her. Und so kam es dann auch, dass ich nach einigen Lc5-d4-c5-d4 die Uhr anhielt um bei Schiri Frackowiak dreimalige Stellungswiederholung beantragte, was nach Überprüfung im Nebenraum auch korrekt war. 3½:2½.

Und Matthias machte dann auch seine Drohung wahr, glich das Material durch Springeropfer aus, und es war nichts mehr los. 4:3, der erste Landesligamannschaftspunkt der Vereinsgeschichte war unter Dach und Fach. Es blieb Esmat, bei der ich ja penetrant behauptete, dass alles so ausgeglichen sei. Nun, die asymmetrischen Bauern führten zu einem gedeckten Freibauern des Gegners, gewinnen würde sie wohl nicht mehr. Aber wie soll Martin Kopisch selbst vorwärts kommen? Völlig unklar. Ihm wohl auch und irgendwann sah er es ein und machte das remis. 4½:3½.

Der Auftakt der Diagonale in die Landesliga ist also geglückt. Gut, Bille ist eine nach Zahl in der Liga leicht unterdurchschnittliche Mannschaft, und wir haben sehr viel Glück gehabt - Matthias und ich hätten verlieren müssen, Martin hätte gut verlieren können - aber immerhin haben wir Jonathans Gedanken aus dem letzten Jahr verinnerlicht - wenn man schon nicht mehr gewinnen kann, dann soll man wenigstens den Rasen kaputttreten. Äh, den Gegner ärgern. Und das taten wir und wurden belohnt.

Das mag sich ja auf Dauer alles Ändern, aber im Moment ist in der Lali noch alles lila. Oder, wie schon Vivi Bach und Dietmar Schönherr sangen (und ich nutze dieses Wort im weitesten Sinne seiner Bedeutungsmöglichkeiten), "Das Leben meint es gut mit Dänen und mit denen, denen Dänen nahestehen."

Gekommen um zu bleiben
Wir gehen nicht mehr weg
Gekommen um zu bleiben
Wie ein perfekter Fleck

[Marten]

Fotos...

Homepage