Der nächste Absturz muss warten

Wie schon im letzten Jahr erwischte die Diagonale bei der großen Lotterie den Startplatz 1 der Liga - was, wie langjährige Schachspieler wissen werden, bedeutete, dass die Landesliga-Auswärtspremiere der Diagonale bis zu Runde drei warten musste. Aber heute war es endlich soweit, mit drei Bussen wurden die Schlachtenbummler eingesammelt, die LAB-Arena des SC Diogenes sollte für unsere Groundhopper der erste Haken auf der überregionalen Landkarte werden. Und die bekamen einiges geboten. Zum einen einen Oberligakampf zwischen Diogenes I und einer Vertretung des HSK, zum anderen aber das Highlight der Woche, einen leichten orkanartigen Wind mit ordentlich Regen, der justamente losging, als Markus Hochgräfe (von Diogenes I) die Tür öffnete, um etwas Luft reinzulassen. Sonst war eigentlich nichts los.

Das heißt, doch, irgendwas war da noch... ach ja, die Landesliga-Auswärtspremiere des SV Dänagonale-Harüneburg von 1926, 1971 und 1989 e.V. - In der Tat ist Christian der einzige heute gewesen, der noch in Harburg wohnt. Neben Christian spielten zwei Dänen, drei Lüneburger, ein Bergedorfer und ein Berliner. Wobei natürlich, bis auf Jens Ove und Niels Jørgen, alle ihre Wurzeln hier haben. Im Einzelnen die Aufstellungen. Im Tor mit der Nummer 1 Jens Ove (Gegenspieler Fabian Schulenburg, Elo 2189/DWZ 2178), Innenverteidigung Niels Jørgen (Christian Laqua, 2139/2078), Außenverteidigung Christian Zacharias (Torben Schulenburg, 2067/2102), Libero Matthias Wasmuth (Wolfgang Hohlfeld, 2119/2011), Defensives Mittelfeld Daniel Hoppe-Jänisch (Michael Neumann, 2148/2043), Offensives Mittelfeld Florian Jürgens (inklusive eigenem Edelfan nahm er es mit Kai Schoenwolff, 2077/2023, auf), Außenbahn Michael Hohlbein (Ruidi Xin, 1873/1862) und Mittelstürmer Martin Becker (Alexander Gorbach, -/1834). Also waren wir mal wieder nicht die einzige Mannschaft mit Brüdern.

Der Berichterstatter kam einiges zu spät im Spiellokal an. Dieses war zunächst der Tatsache geschuldet, dass ich eh nicht mit einem pünktlichen Start rechnete, irgendwelche unserer undisziplinierten Ultra-Hools würden sich doch ein Vorbild am HSV nehmen und Transparente mit Bengalos anzünden. Wie sich aber zeigte, hatten die Ordner in Hamm ganze Arbeit geleistet, sodass nur sehr wenige mitgereiste Fans im Stadionrund waren. (Die Kernaussage dieses Satzes ist übrigens, dass nur sehr wenige mitgereiste Fans im Stadion waren, ich zählte 3, und die sind das auch nur, wenn ich selber überhaupt etwas zähle. Neben den genannten kam später noch Andrei. Kriegen wir das nochmal hoch?). Zum anderen wollte ich nicht an jedem Wochenendtag den Wecker all zu früh stellen, in der Eröffnungsphase würde ich ja nichts verpassen?! Oder doch?

Als ich also nach etwas über einer Stunde Spielzeit vor Ort war, kam mir zunächst Daniel entgegen, der auf dem Weg zur Frischluftzufuhr war. Er sah nicht glücklich aus. Gar nicht (Indiz 1). Und er nickte mir nur zu und sagte nichts (okay, konzentriert. Bei Marcel wären das Indizien 2 bis 193 gewesen). Ooops. Heute waren wir doch wirklich favorisiert, ist doch Diogenes II als zweiter der Stadtliga nur nachgerückt, weil irgend eine Mannschaft in der Oberliga dem Abstieg noch von der Schippe gehüpft war und es somit eben einen Nachrücker geben würde. Welche Mannschaft war das noch? Ach ja, Diogenes I. Also verdient. Und in der Tat war Diogenes II nach aufgebotener Zahl unser bislang stärkster Gegner. Also schauen wir uns den Zwischenstand im Abkürzungsderby Dio-Dia mal an (wenn es auch Nord-Süd-Derbys und Clubderbys und Werkselfderbys gibt, warum nicht auch Abkürzungsderbys? Dichter als wir beiden ist niemand zusammen, speziell nicht in Martins Handschrift).

An Brett 1 hatte Jens Ove klar die Initiative. Mit einem bereits beim Training am Sonnabend besprochenen Vorstoß g4 gegen den gegnerischen Königsflügel und ein paar anderen Figuren, die dorthin schielten, musste Fabian gut zusammenhalten - gleichzeitig drohte er einiges taktische am Damenflügel und hielt Jens Oves König im Zentrum gefangen. An Brett 2 bei Niels Jørgen standen seine Figuren zwar defensiv, aber es sah sprungfedrig aus. Jedenfalls hatte er im gegnerischen Isolani auf der halboffenen b-Linie einen klaren Angriffspunkt und die Schwerfiguren waren gut im Rennen. An drei war es Christian, dessen Stellung raumgreifend aussah, allerdings standen Torbens Figuren sehr koordiniert, man sah zwar, wo man angreifen konnte, aber nicht, wie das klappen könnte. Matthias an vier konnte in der Eröffnung durch eine kleine Taktik einen Bauern gewinnen und stand trotz leichten Eröffnungsrückstands sorgenfrei. An fünf stand Daniel noch sorgenfreier - die gegnerische Bauernstruktur war Käse, die schwarzen Leichtfiguren hatten alle einen faulen Tag erwischt und wirkten unbeweglich. Florian an 6 hatte seine schwarzen Streitkräfte am Damenflügel aufgefahren und mehr Raum, musste aber seinen rückständigen e6 im Auge behalten, Michael an 7 stand fein und hatte alles unter Kontrolle, Schritt für Schritt wurde Ruidi zu kleinen aber sich addierenden positionellen Zugeständnissen aufgefordert. Martin an 8 spielte diesmal schnell d5 - dafür war dieses Mal der e-Bauer nicht in den Quark gekommen, aber wenn der sich doch Mal fortbewegen würde, wäre mit einem (zugegeben durch die Bauern blockierten und daher nicht so extrem wirkungsvollen) Läuferpaar alles zumindest in guter Margarine. Also Daniel, wieso das traurige Gesicht?

Aber vielleicht ist Daniel ja auch so eine Art Mayakalenderredakteur und weiß, was in der zweiten Jahreshälfte 2012 passieren wird, auch schon bevor es passiert ist? Nicht nur der Weltuntergang drohte, der ließe sich ja noch verschmerzen, sondern auf einmal kippelte so einiges. Daniel selbst begann, indem er, den Vorbildern der Initiativspieler weiter vorne folgend, zum Angriff blies, und einfach mal einen Läufer auf h7 in die Vorverrentung schickte. Eine dieser Stellungen, bei denen Houdini oder Rybka oder Quazar sofort "Matt in 23", "-12,73" oder eben "+ 0,00" (Dauerschach) sagen würde. Was genau sie aber sagen würden, mir war es unklar. Was allen anwesenden Maya aber klar war und besprochen wurde - egal wie, es würde wohl die erste beendete Partie werden. Aber das ruhige Spiel in guter Stellung auf zwei Ergebnisse, es wäre eine Alternative gewesen.

Auch ins Eiern kam es bei Florian - die Figuren am Damenflügel tauschten sich ab, und es verblieb ein Rücksteher auf der halboffenen e-Linie. Auch eine Form, auf zwei Ergebnisse zu spielen, aber nicht die vorher besprochene. Ebenfalls ins Eiern kam es bei Matthias, der etwas zu verknotet komplex dachte und aus etwas passiverer Stellung eine viel passivere Stellung machte, und um wieder zu einer etwas passiveren Stellung zurückkehren zu dürfen, den Mehrbauern zurückgab. Zum Ausgleich war es bei Martin endlich zu e5 gekommen, und eine neue Partie ohne übermäßige Sorgen konnte beginnen. Okay, der Bauer auf g6 war eine Gurke, aber es gab durchaus auch positive Aspekte. Und bei Daniel hatte Schwarz mal wieder die Möglichkeit, mit f5 in ein Dauerschach zu gehen oder vielleicht sogar zu versuchen, den König auf einem langen Weg zum Damenflügel zu bringen (in der Hoffnung, dass der alte das überlebt) um mit Mehrfigur gegen Bauern irgendwann selbst initiativ zu werden.

In der Summe: Die gefühlt erwarteten Brettpunkte sind mal eben um 2 bis 3 abgestürzt. Das musste ich erst einmal verkraften und ging raus - von wo ich sah, dass bei Matthias am Brett die Figuren zusammengeschoben wurden. Der waagerechte Daumen deutete subtil ein Remis an, also ½:½ um 13:35h. Sehr gut, ein wichtiger Schritt zum vielleicht möglichen Mannschaftserfolg. Als nächster folgte vierzig Minuten später Christian, der später meinte, sein taktisches Hauptziel sei gewesen, nicht all zu sehr durchscheinen zu lassen, wie wenig Plan er von der Stellung hatte. Scheint gelungen, 1:1.

Aber die nicht so erfreulichen Entwicklungen für das Gefühl rissen nicht ab. Jens Ove stand zwar wohl objektiv betrachtet weiterhin gut, aber irgendwie holte Fabian im Zentrum Initiative heraus - und, wir erinnern uns, Jens Oves König stand da noch. Torben, Fabians Bruder, meinte gar eine bessere Stellung für den Diogenesen zu erkennen. Und Martin war im eigenen Vorwärtsdrang etwas zu ungestüm und vernachlässigte den g6, so dass der traurig vom Brett marschierte. Das war zwar nur eine Gurke, aber jetzt hatte Martin eben eine Gurke weniger auf dem Brett. Zum Ausgleich war Michael seit einiger Zeit einem Lehrspruch Tartakowers folgend zugange, dass es stets besser sei, die Figuren des Gegners zu opfern. Nachdem er mit Mattmotiven überall und Mehrbauern ausgestattet war, startete Ruidi einen verzweifelten Gegenangriff, der ihn zunächst einen geopferten Turm, später noch einen Turm kostete, während Michael sich sicher hinstellte. Als es irgendwann dann aber wirklich kurz vor Matt war, gab Ruidi schließlich doch noch auf, 2:1 für die Guten. Wobei, nur noch 2:2 für die Guten, denn auch Daniel gab auf, nachdem noch einiges an Drohungen für seinen Gegner abzuwehren war, was aber letztlich gelang, und dann war es nur noch eine Wenigerfigur aus unserer Sicht.

Halbzeit also, schauen wir uns die Situation mal an. Martin hatte immer noch etwas weniger, was man aber nicht mehr als "einen Bauern" bezeichnen sollte, denn zwei verbundene gegnerische Freibauern rannten los, da war wohl Hopfen und Malz verloren. Florian erlaubte Kai, einen Bauern durch Abtausch nach e5 zu stellen, womit e6 nicht mehr angreifbar war, und gewann gar selber einen Bauern, der solide mehr war, allerdings war es für beide Seiten schwer, Fortschritte zu machen. Niels Jørgen spielte schon wie gegen Jade souverän, wobei er diesesmal erst mehr Material hatte (einen Bauern) und erst später klar war, dass er unaufhaltsam gewinnen würde, nicht wie gegen den HSK umgekehrt. Und bei Jens Ove schwankte das Gefühl etwas, wobei es immer im Rahmen des "er muss doch besser stehen, aber irgendwie kann das auch gewaltig in die Hose gehen" blieb. Zwischenzeitlich eine Qualle mehr, aber die dann zurückgegeben, bis es sich auf ein materiell zwar ausgeglichenes aber strukturell für Jens Ove besseres Endspiel reduzierabtauschte - Freibauern gegen Doppelbauern. Martin und Niels Jørgen eingerechnet also 3:3 und zwei bessere Endspiele. Schon mal besser als vor 3 Jahren beim HSK in der Bezirksliga, wo unsere Aufstiegsambitionen bei 2½:3½ und zwei allerdings noch viel besserereren Endspielen zertrümmert wurden, weil Florian und Matthias diese damals nicht umsetzen konnten. (Ich erwähne diesen uralten Mannschaftskampf auch nur, um darauf hinzuweisen, dass ich damals mit einem schönen, wenngleich nicht all zu komplexen Damenopfer gewinnen konnte.) Um das ganze nicht all zu theoretisch zu gestalten, beendeten Martin und Niels Jørgen ihre Partien dann auch in dieser Reihenfolge mit den erwarteten Ergebnissen.

Und letztlich: Jens Ove, der noch etwas aufpassen musste, schob seinen f-Bauern vor und vorer und irgendwann war klar, das wird gewonnen. Und bei Florian konnte nichts mehr anbrennen. Es war zwar nicht klar, wie genau er Fortschritte machen konnte, aber Kai konnte definitiv keine machen, wenn Florian sich einfach nur hinstellt und Kg7-g6 oder ähnliche Killerzüge einstreut. Somit kam es - mal wieder - zu einem 4½:3½. Nachdem ich beim letzten Mal aber darauf hingewiesen wurde, dass in einem Bericht von einem "glücklichen" Sieg zu schreiben und dann drei souveräne unzweifelhafte Siege aufzuzählen widersprüchliche Elemente in sich trägt, sage ich dieses Mal, dass es zwar teilweise knapp war, aber letztlich mehr Potenzial nach oben als nach unten. Martin hätte erneut nicht zwingend verlieren müssen, Matthias und vor allem Daniel standen einfach bequem besser.

Immerhin lagen die Vor-Ort-Maya zwei Mal falsch (wir gewannen, Daniel war nicht als erster fertig), was mir Hoffnung für den Weltuntergang gibt, sodass es sich vielleicht doch lohnt, auf den weiteren Saisonverlauf zu blicken. Königsspringer und Marmstorf gewannen beide ebenfalls, sodass wir zu dritt an der Tabellenspitze mit 6:0 Punkten stehen, der Rest verteilt sich die Punkte zwischen 0 und 3, sodass wir auch nach dem vierten Spieltag noch mindestens dritter sein werden. Auch mein Prognosetool sieht auf einmal realistische Chancen, dass wir am Saisonende ganz oben dabei sein können. Allerdings sollten wir den Blick nach unten noch lange nicht vergessen - 6 Punkte reicht meist nicht, und anders als im Vorjahr hatten wir dieses Mal drei der vier nach DWZ schlechteren Mannschaften zu Beginn. Das sind zwar Big Points gegen den Abstieg, aber da wir hier stets nur knapp gewannen, wissen wir, dass da noch einiges kommen kann. Und wenn ich mein Tool darauf hinweise, dass Großhansdorf die Doppelzange Gara-Heyken ausgepackt hat, die ich vor der Saison nicht eingerechnet hatte, stürzen wir auch um einiges ab. Klare Aufstiegsfavoriten bleiben also Marmstorf und Königsspringer - das Saisonziel Klassenerhalt sollte aber geschafft werden. Wenn sich die Mayas nicht neue obskure Szenarien ausdenken. Aber die gibt es ja nicht mehr.

[Marten]

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