Welcome to Punxsutawney

Vierte Runde der Landesliga, wieder ging es in die Alte Forst, die steilste Straße Hamburgs, um den SV Diagonale, den steilsten Aufsteiger Hamburgs, spielen zu sehen. Am heutigen 9.12.2012 sollte Großhansdorf unser Gast sein, die bei Einbruch des Schnees die zweitweiteste Reise der Landesliga zu uns unternehmen durften, und die Indizien deuteten stark auf eine historische Partie hin.

Zunächst einmal ist es nicht völlig unwahrscheinlich, dass diese beiden Vereine erstmals im normalen Ligenbetrieb aufeinandergetroffen sind, gilt doch bis inklusive Stadtliga eine geografische Einteilung in Südwest und Nordost, und während nordöstlicher als Großhansdorf nicht geht, sind wir, wenn wir mal ehrlich zu uns selbst sind, eben doch eher im Süden angesiedelt, so gesamthamburgisch betrachtet. Dann ist erstmalig in dieser Saison die Diagonale als Zahlenaußenseiter ins Rennen gegangen, denn obwohl die Frage, gegen welches Großhansdorf wir spielen würden, mit "Kleinhansdorf" beantwortet wurde, also ohne Enno Heyken und Anita Gara und auch sonst mit eher hinteren Brettern, kam da keiner unter 2000 zu uns. Dennoch schön verteilt, wir an den vorderen vier Brettern besser, die Holsteiner an den hinteren vieren.

Kommen wir zur also Aufstellung, wenn wir eh schon bei der Aufstellung sind: Es spielte Jens Ove gegen Dirk Grote (2130), Niels Jørgen gegen Roland Storm (2081), Christian gegen Ernst-Helmuth Varain (2023), Matthias gegen Ulrich Spindel (2062), Florian gegen Joachim Felten (2034), Martin gegen Anatolij Paul (2030), Andrei gegen Siegfried Weiss (2006) und Dave, der aus zweitmannschaftstaktischen Gründen den Vorzug bekommen hatte, gegen Ex-SV-Harburger Thomas Cording (2028).

Fangen wir also an. Und während ich mich kräftig, aber erfolgreich, zurückhalten musste, nicht vom "Gastvarain" zu schreiben, oder dass im Winter "Weiss" kam, so muss ich doch off topic beginnen. Denn der Schachspieler an sich bedarf der Nahrung, um seine Energien aufzutanken, speziell des Koffeins. Und deswegen kam, als ich etwa eine halbe Stunde nach Partiebeginn eintraf, auch ein verzweifelter Stanislaw Frackowiak (Schiedsrichter) auf mich zu, ob ich Kaffee kochen könne. Was ich auch tat. Aber Leute, da ist wirklich eine Kaffeemaschine, und alle Ingredienzien waren vorhanden. Einfach oben Wasser rein, in die Mitte einen Filter mit Kaffeepulver, Kanne runterstellen, Knopf drücken... immerhin konnte ich so das Gefühl entwickeln, auch heute wichtig zu sein.

Aber nun wirklich zum Schach, denn um Florian J. (Name aus personenschutzrechtlichen Gründen unkenntlich gemacht) zu zitieren: "Entscheidend ist auf'm Brett - und das Brett ist eckig und ein Spiel dauert 90 Minuten. Plus 30 Minuten nach den ersten 40 Zügen und 30 Sekunden pro Zug, und das alles natürlich pro Spieler." Irgendwie klang das bei Sepp damals knackiger. Aber angesichts dieser Eckdaten ist es wenig verwunderlich, dass um 11:30h noch nicht wirklich viel entschieden war. So weit ich es beurteilen kann, denn hier gilt das übliche Caveat, heute verstärkt durch die Tatsache, dass ich merkte, dass Andrei wohl in seiner Vorbereitung war - bis ich merkte, dass Andreis Vorbereitung auf Französisch lief und er einen Bauern auf e7 stehen hatte, er also wohl doch nicht in der Vorbereitung war...

Wobei tatsächlich sich auch in der weiteren Zeit nichts entscheidendes entwickelte. Aber Kleinigkeiten. Jens Ove, gewohnt konfus unterwegs, versuchte entweder mit Schauspielerei seinen Gegner zu irritieren, oder er hat kein Pokerface und war unzufrieden mit seiner Stellung, die anfing, auf taktische Klimmzüge zu setzen. Auch Florian, Andrei und David standen eher defensiv, aber nicht zwingend schlecht. Anders als gegen Diogenes gab es hingegen zunächst kaum eine Partie, bei der die Initiative auf unserer Seite lag, am Ehesten noch bei Matthias. Martin hingegen freute sich, endlich einmal innerlich auf "einfach Schach spielen" statt Ergebnisorientierung eingestellt zu sein.

Und in der Tat ging es dann als erstes bei Jens Ove ab. Mehr getrieben durch den Fluss des Spieles als wirklich geplant wirkend, schob er seine Figuren in die weiße Königsstellung, einen Springer auf f6 stehenlassend. Also ein Opfer, aber eben für Angriff - und wie schon letzte Runde bei Daniels Partie, so würde auch hier Houdinybka sicher wissen, was Sache ist, aber ich nicht. Anders als bei Daniel ging es hier aber schnell zu Ende - beiden Seiten war das Verlassen einer Dauerschachschaukel nicht geheuer, Jens Ove hatte einen Springer weniger, aber Dirk musste aufpassen, bei Königsfluchtversuchen auch alle seine Damen auf dem Brett zu halten. Also nach zweidreiviertel Stunden ½:½. Und inzwischen konnte man auch den anderen Stellungen einiges ansehen:

Niels Jørgen an zwei hatte ein Damen-Springer-Endspiel mit etwas mehr Initiative, tauschte dann die Damen für die bessere Bauernstruktur. Klar war, dass nur er hier einen ganzen einfahren könnte, unklar aber, wie das gehen sollte. Christian hatte zwei Bauern gegeben, um einen taktischen Gegenschlag vorzubereiten, der am Ende zu netto Qualle gegen Bauern zu seinen Gunsten führte, in der Summe besser, aber noch ein laaaanger Weg. Matthias war vom Typ her Niels Jørgens Partie aus Runde 2 gar nicht so unverwandt, der schwarze Damenflügel war unterentwickelt und er begann, sich im Zentrum gut aufzubauen, allerdings eben weniger zwingend als NJ damals gegen den HSK. Florian hingegen geriet gewaltig unter Druck und musste einige Verrenkungen hinnehmen um Figurenverlust zu vermeiden, unter anderem fiel ein Bauer um - der aber nicht umfiel, ein Aspekt der Stellung, den ich auch später nicht begreifen sollte. Martin stand hingegen inzwischen einfach angenehm, mit Mehrbauern, und freute sich, einfach nur Schach zu spielen. Andrei hingegen stand unangenehm, Weiss begann, in seine Stellung einzudringen, und die Figuren standen zunehmend unnatürlich. Und bei Daves Landesligadebut war eigentlich alles relevante sehr symmetrieähnlich, mit jeweiligen Springervorpostenfeldern auf c5 bzw. c4. Sah doch gar nicht so schlimm aus, aber noch war nicht viel aus der Remisbreite ausgetreten.

Apropos ausgetreten, nachdem ich einmal selbiges war, kam Niels Jørgen fluchend, er habe einen sofortigen Gewinn ausgelassen, während Christian gewonnen hatte - letzteres für alle etwas überraschend. Klar stand er besser, aber eben mal wieder nur im Sinne, dass wenn einer gewinnt, dann er. Aufgabereif war das für Ernst-Helmuth Varain meiner Meinung nach noch nicht, aber dem geschenkten Score hält man das nicht vor. Kurz darauf machte Martin einen halben, vielleicht etwas zu früh, denn nach einfach Spielen wäre mit Mehrbauern und aktiverer Stellung auch "einfach noch mehr spielen" drin gewesen (oder natürlich etwas zuvor der später vom Gegner aufgezeigte Gewinnweg), aber eine runde Partie bekommt eine eckige Wertung. Aber bevor der geeignete Diagonalenser zu optimistisch wird, gibt es erst einmal Kuchen und Brötchen von Rainer J., moralische Unterstützung von Gerd (der sich von seiner Frau vorbeifahren ließ, um wieder wegzukommen, falls er sich im Termin geirrt hätte), womit wir wieder einmal unglaubliche drei Nichtzahlende Zuschauer hatten. Ach ja, und die Meldung, dass bei Dave irgendwas schief lief. Statt seinen Springer zur fortgesetzten Symmetrie umzugruppieren, fiel ein Zentrumsbauer, sodass er sich mit einem Wenigergedecktfreibauern herumschlagen durfte, und Andreis Stellung, während noch alle wichtigen Felder überdeckend, auch immer künstlicher aussah. Ach ja, Florian hatte immer noch keinen Wenigerbauern, und ich weiß immer noch nicht, warum. Aber schön aussehen tat das dennoch nicht.

Bevor der geneigte Diagonalenser aber zu pessimistisch wird, sei erwähnt, dass Matthias inzwischen so aktiv stand, dass doch irgendwann ein Bauer abfallen musste. Plumps, da fiel er. Ach ja, und Niels Jørgen gewann natürlich souverän, 3:1. Aber an den verbliebenen vier Brettern war eben nur ein halber Punkt sicher (Matthias). Alle hatten noch eine Chance auf je einen halben mehr als Minimum, aber alles waren jetzt Spiele auf zwei Ergebnisse und die zu vergebenden halben waren eben alle eher auf Großhansdorfer Seite. Wobei einmal 0,7 und drei Mal 0,2 zu einem 4,3:3,7 reichen würde.

Und nun bekam Florian ein Remisangebot. Denn inzwischen hatte er zwar einen Bauern Weniger, aber zwei Türme auf der siebten (bzw. zweiten) Reihe und drohte mit Dauerschachmotiven. Da es auf Joachim Feltens Zug kam, bat er um einen Zug, das kostete ihn noch einen Bauern, und fing an, etwas Zeit für die Entwicklung an den anderen Brettern verstreichen zu lassen. Die war nicht nur positiv, aber auch nicht nur negativ: Dave kam mit seinem Turm hinter die gegnerischen Bauern, aber ein Zwischenbauernopfer vernichtete seine solide Struktur, sodass Schwarz drohte, einfach mit zwei verbundenen Freibauern loszumarschieren. Eher 0,1 als 0,2 inzwischen. Matthias spielte sicherlich nicht optimal, aber zielgerichtet. Dennoch blieb der Mehrbauer im gleichfarbigen Läuferentspiel in seiner Verwertung sehr unklar, die beiden Experten Fries und Nielsen zeigten sich eher pessimistisch, also eher 0,6 als 0,7. Und Andreis Brett, nun, also, hier gibt es keine Wertung. Siegfried Weiss holte eine Keule in Form eines heftigen Läuferopfers heraus, was unbeantwortbar schien, bis Andrei ein ebenso heftiges Gegenspringeropfer fand. Hier hing alles. Die Gesamtstruktur wirkte eher so, als ob Weiss sich eher würde konsolidieren können, aber ganz so einfach war es nicht, weswegen er auch noch mal einen zweiten Läufer opferte, worauf Andrei seinen Springer zum zweiten Mal, jetzt woanders, zurückgab (die ersten Opfer wurden beide nicht angenommen). Gefühlt eine Null, aber dennoch inzwischen wieder ein Spiel auf zweikommafünf Ergebnisse.

Hiervon beeindruckt lehnte Florian zum Entsetzen seiner Mannschaftskameraden das Remis ab. Das wollte er doch nicht wirklich auf Gewinn spielen? Gut, er hat einen entfernten Freibauern, aber Weiß hat auch einige Bauern... Mit Remisannahme wären doch wenigstens die vier Brettpunkte sicher, und Spatz-Hand-Taube-Dach? Nein, zum Glück nicht - das Dauerschach lief nicht mehr weg, und eine Chance, sich mattsetzen zu lassen, hatte sein Gegner noch - die ließ er aus, dann war es halt remis. 3½:1½. Aber David stand irgendwie doch nicht mehr so richtig gegenchancenüberzeugend, Matthias nicht mehr so fürchancenüberzeugend, jetzt, wo einer seiner Bauern umzufallen drohte und Schwarz nur noch den richtigen Zeitpunkt zum Schlagen abpassen musste, und bei Andrei schwankte es zwar zwischen "klar verloren" und "oh, das ist noch ein Motiv, völlig unklar", aber wirklich wetten würde niemand wollen. Martin war aber schon Mal zufrieden mit den 7 Mannschaftspunkten. Ich ob des Matchverlaufes eher weniger.

Und in der Tat musste sich nun erst David einem gegnerischen Wanderbauern, dann Andrei einer letzten Taktik in einer hochtaktischen Partie geschlagen geben, und beim Stand von 3½:3½ standen alles um Matthias' Brett mit dem gleichfarbigen Läuferendspiel mit praktisch 2 gegen 2 Bauern. Wobei, was heißt praktisch 2 gegen 2 Bauern? Der richtige Zeitpunkt, den hängenden h-Bauern einzusammeln kam wegen Königseindringmotiven lange nicht, und auf einmal war Schwarz im Zugzwang - konnmusste den Bauern zwar nehmen, dafür fiel der f5. Und mit b und g gegen a konnte Matthias zum Damenflügel laufen, es erforderte noch einige Tricks (darunter das sehr schöne Motiv, den König mit Kc3! zu dezentralisieren, um Lc2 mit Läufertausch zu ermöglichen), aber schlussendlich stand KB-K, und das in einer Stellung, die zu gewinnen uns schon in der dritten Stunde im Anfängerlehrgang beigebracht wurde. Also wieder einmal 4½:3½. Ein weiterer Sieg. Und wie gegen Diogenes war es vielleicht knapp und teilweise gefährdet, aber dennoch hätte es auch gut mehr sein können, ohne dass es dem Spielverlauf widersprochen hätte.

Das Murmeltier hat also seinen Schwanz gesehen, und die Diagonale wird, mit nunmehr 8 Punkten, auch die nächsten 7 Wochen auf einem Nichtabstiegsplatz stehen. Tatsächlich aber sollten die 8 Punkte auch reichen, um auch am Saisonende nicht abzusteigen, denn was alles rechnerisch möglich ist, wird praktisch wohl nicht eintreffen. Wir können nun also den Rest der Saison befreit aufspielen. Was wir als designierter Absteiger eh schon die ganze Zeit tun konnten. Und das ist auch schon heute das erfreulichste gewesen. Auch wenn die Punkte eher vorne gemacht wurden, so wurde eben hinten auch Schach gespielt - nicht nur auf Ergebnis, sondern auch einfach mal Schach. Und das durchaus sehr schön und ideenreich und originell. Wenn wir das konservieren können, werden wir diese Saison - und zumindest auch noch die nächste - in der Landesliga noch viel Spaß haben.

[Marten]

Fotos...

Homepage