Das Maß ist noch lange nicht voll

Inzwischen spielen ja sogar "die da unten" schon Mannschaftskämpfe, da ist es doch für unsere Landesligatruppe eine Ehre, ebenfalls wieder anzutreten. Und nachdem das "Diagonale-Maß" von 4½:3½ ja dermaßen sprichwörtlich ist, dass es nicht nur bei Christian Zickelbein in seinen Berichten steht, sondern auch anderswo anzutreffen ist, und wir am Brett einige DWZ mehr aufwiesen, war es nicht unrealistisch, dass es so fortgeht.

Aber irgendetwas war heute anders (ominöse Vorankündigung). Es fing damit an, dass ich erst nach 90 Minuten vor Ort war, leicht verschnupft. Nicht wegen meiner Nichtberücksichtigung in der Mannschaft, wir rotieren ja die Reservespieler um Festspielprobleme zu minimieren und den "Aufsteigern" auch etwas Einsatzzeit zu gönnen, sodass Marcel als Ersatz für den kurzfristig abgesagten Michael schon seine Richtigkeit hat. Außerdem hatte er nach Donnerstag ja etwas wiedergutzumachen. Dann hatte ich zwar meine Kamera dabei, vergaß aber komplett, auch mal ein Bild zu schießen.

Aber die Tendenz zum Klassiker deutete sich schnell an. Jens Ove (gegen Andreas Kohtz, 2074) stand mal wieder etwas unorthodox, aber die beiden Türme auf den halboffenen g- und h-Linien gefielen mir. Auch wenn Schwarz lang rochiert stehen da nämlich immer noch Bauern, die man mal gewinnen kann. Sein Bruder Niels-Jørgen stand erneut, wie Niels-Jørgen eben so steht, dieses Mal gegen Thomas Wolloner (2075) - scheinbar passiv aber unaufgeregt, und ich meinte einen Angriffspunkt im weißen Bauern d4 zu entdecken, der das vorgerückte Zentrum stützte. Christian hatte gegen Sebastian Prosch (2022) einige Zweifel, ob er in der Eröffnung alles richtig gemacht habe, aber - Zitat - "hätte ich gewusst, dass er Sxb3 spielt, hätte ich nicht so lange nachgedacht", und es ergab sich Initiative gegen die zurückgebliebene schwarze Entwicklung. Bei Matthias gegen Swen Neander (2033) war wenig los, was ich als "abweichend von klassischem Manövrieren" empfunden hätte, während Florian gegen Breitensprotreferent Thomas Schüttler (1968) eine ähnliche Stellung hatte wie Jens Ove, nur besser - auch hier hatte schwarz lang rochiert, auch hier gab es zwei schöne Linien für die weißen Schwerfiguren, nur waren sie dieses Mal b und c, da muss Thomas schon aufpassen. Obendrein fiel auch noch ein solider Mehrbauer ab. Was sich bis hierhin sehr gut liest, lässt nun etwas nach, die Stellungen an 6 (Martin gegen Manfred Woynowski, 1881) 7 (Andrei gegen Michael Knaak, 1863) und 8 (Marcel gegen Jörg Dinckel, 1924) schienen mir zunehmend mit aufsteigender Brettnummer passiv zu sein. Während Martin noch im Rahmen "okay, aber das spiele ich lieber schon mit Weiß" stand, habe ich Marcels Stellung gleich beim ersten Blick schon mal als "Präventivnull" abgeschrieben. Andrei empfand ich als irgendwo dazwischen.

Nun denn, in der Summe kann das die 4,5 werden, wobei das immer voraussetzt, dass die vorderen drei "irgendwie angenehme" Stellungen auch vereinsen, keine Selbstverständlichkeit, denn die Gegner sind da ja durchaus auch in der Lage, legale Züge auszuführen. Ansonsten passierte erst einmal nicht so viel. Im Nachbarkampf HSK gegen St. Pauli I gab es einiges an Unruhe (Sonne blendet, Schrift nicht lesbar), bei uns wurde Schach gespielt. Ich nutzte die Zeit für einen kleinen Klönschnack mit HaJo im Nebenraum, er ging davon aus, dass unsere Serie nicht halten würde und wir 5 machen.

Und in der Tat, langsam wurde es konkreter. Christian drang mit seinem Turm auf die siebte Reihe ein, Jens Ove bekam die beiden gegnerischen Bauern auf g und h - zwar gegen die Qualität, aber mit eigenen Vorposten überall und einfach nur schön spielbarer Stellung. Und bei Florian war jedem klar, dass Schwarz in wenigen Zügen matt gehen muss oder massiv Material opfern. Nur mit der Frage "wie genau geht das jetzt am Besten?" Ein offensichtliches Qualitätsopfer auf c6 für Entfernung der schützenden Bauern war offensichtlich (Willkommen in der Redundanzabteilung für Redundanz), aber gleich - oder noch schnell den anderen Turm auch heranziehen. Mein Instinkt war "sofort reinhauen" und es wäre auch richtig gewesen, nach langem Bedenken entschied sich Florian dagegen, weil er die konkrete Fortsetzung nicht sah (Lc7+ wurde aber auch erst in der Analyse von Jens Ove entdeckt, einfach war der nicht), aber im Zweifel hätten die Bauern mehr als entschädigt, das Endspiel beim Totalabtausch (wenn sonst nichts gegangen wäre) wäre gewinnbar gewesen. So bekam Thomas noch etwas Luft - was nicht heißen soll, dass Florian nicht noch gut stand, aber c6 war erst einmal gesichert. In der Summe hoffte ich auf drei Punkte aus diesen drei Brettern, mit der Null bei Marcel wäre das ein 3:1, gute Grundlage. Andreis Gegner schien auch nicht richtig vorwärts zu kommen, er hatte zwar auf einmal gefährlich scheinende Freibauern, aber die waren auch angreifbar und hatten noch einige Schritte zu gehen, bei Martin blieb es unverändert - und bei Marcel kam der erste Sonnenstrahl am Horizont. Zwar war sein Königsflügel belagert wie sonstwas, aber wie so oft kann man so etwas gerade noch festhalten, und die Option schneller zum Damenflügel zu schwenken und dort zu gewinnen war Weiß abhanden gekommen, denn der war zu.

Und nun begannen auch langsam die ersten Ergebnisse einzutrudeln. Erster war Christian - er kam irgendwann nicht mehr richtig vorwärts und musste den halben Punkt behändeschütteln. Jens Ove unkte Christian danach zwar zum Remiskönig hoch, das ist so aber auch nicht ganz richtig - drei Remise haben andere auch, und manche brauchten keine 5 Partien dafür. Ärgerlicher schon, dass die Stellung wahrscheinlich zwischenzeitlich klar gewonnen war - ganz durchrechnen ließ es sich vor Ort nicht. Aber das jetzt als "vergebenen halben Punkt" zu werten in einem möglichen Resumé, das wäre jetzt auch nicht ganz richtig. Immerhin reden wir von einem Damenopfer (für zwei Figuren) ohne direkten taktischen Vorteil, einfach nur eine strategisch angenehme Stellung - und wenn man da einmal fehlgreift, war es eben auch umsonst. Christian sah es, entschied sich dagegen, und ich hätte es wohl sogar dann getan (mich dagegen entschieden), wenn ich die Abschlussstellung "garantiert" bekommen hätte. Wie auch all dem sei, ½:½. Und nach Jens Oves kurze Zeit später folgendem Sieg (einiges folgt jetzt "kurze Zeit später") und insbesondere der Tatsache, dass Marcel eine Stellungswiederholung gelang, da Weiß nicht mehr vorwärts kam, sah es gut aus. Nicht zuletzt, da Florian immer noch Angriff hatte, Andreis Gegner haben wollte und dafür Qualität und Bauern gab, und zwar ein Angriffchen bekam, aber eben nicht mehr, Matthias und Niels Jørgen die Initiative übernommen hatten und Martin jetzt auch remisieren konnte - 2½:1½ und keine schlechtere Stellung, das Diagonalemaß war ernstlich in Gefahr.

Aber offenkundig war die nächste halbe Stunde der eine oder andere in Panik geraten - bislang hatte uns immer unsere Koblenz ausgezeichnet, jedes Mal das gleiche Ergebnis, darauf konnte man sich verlassen. Wenn man jetzt am Ende mit 5 oder 6 gewänne - nein, das geht nicht. Und prompt passieren zwei Katastrophen: Florian verrechnet sich und muss eine Qualität "einfach so" geben und das meiste abtauschen. Kein Angriff mehr, dafür auf einmal weniger Material, und der schwarze "Mehrturm" dringt auch gleich mal auf die zweite Reihe. Und bei Andrei passierte die endgültige Katastrophe: inzwischen totale Gewinnstellung, nur noch schnell die angegriffene Dame wegziehen und nicht auf das eine Fluchtfeld, das der König braucht - und der Gegner unterzeichnet das Partieformular und ärgert sich, seine Stellung überdehnt zu haben. Andrei sah das alles, war gedanklich beim König - und fasste ihn an. Von +10 auf -7 in 0,3 Millisekunden. Da mir etwas ähnliches mal bei einer Vereinsmeisterschaft passiert ist, kenne ich das Gefühl nur zu gut. Das ist ganz schön Schei...benkleister. Florian musste kurz darauf auch aufgeben - und auf einmal stand es 2½:3½, und zwingend gewonnen wirkte keine der beiden verbleibenden Stellungen. Matthias etwas zentralisierter im Endspiel, Niels Jørgen mit Mehrbauern - aber bei ungleichen Läufern. Immerhin musste er sich wohlfühlen, für den Abtausch des letzten Restmaterials verwandte er keine 5 Sekunden Bedenkzeit. Und um es gleich zu sagen: natürlich gewann er das, auch wenn keiner der Zuseher sich da sicher war. Solche Dinge liegen ihm - wie immer eine solide Partie, die unscheinbar wirkte, aber wo wohl jeden Zug die Stellung um 0,01 bis 0,02 Bauern besser wurde, und irgendwann kippt das.

Nur nutzte das nichts mehr, weil Matthias bereits davor seine Gewinnversuche einstellen musste - ging nichts. Macht also Summa Summarum ein 4:4, das sich aber nicht anfühlte wie ein Unentschieden. Einerseits war es ein Sieg, weil nach dem Doppelkipper noch 1,5 Punkte aus nicht wirklich gewonnen wirkenden Stellungen kommen mussten. Andererseits aber eine ganz klare Niederlage, weil wir hier und heute hoch gewinnen hätten können, ja müssen, selbst wenn man Christians Punkt nicht zählt. Um so ärgerlicher für Florian und Andrei, die großartige Partien gespielt haben, nicht nur nicht belohnt zu werden, sondern auch, weil anderswo auch etwas schief lief, zählende Mannschaftspunkte eingestellt zu haben. Aber hatten wir letztes Jahr auch, gegen Union, als alle möglichen (anderen) gleichzeitig den Tag verschliefen und Gewinnstellungen wegratzten - Yours Truly zum Beispiel.

Dennoch, wie gesagt, wir haben gutes Schach gespielt, Partien, die wir vor zwei Jahren so nicht gespielt, so nicht angelegt hätten. Alleine dafür hat sich die Saison schon gelohnt. Und so konnten wir im Feuerstein nach der Partie auch schon wieder albern - besonderes Lob an Marcel, der sich als Butt Monkey für unsere Scherzereien freiwillig meldete ;). Und wer weiß? Bei den Blitzmeisterschaften verdaddeln wir auch immer wieder gegen Barmbek 2, nur um danach Barmbek 1 zu ärgern. Wir blitzen hier zwar nicht, aber Barmbek ist auch nicht St. Pauli. Obendrein habe ich gelernt, dass ich über Martin und sein Putensteak im Schweinske nicht so lästern wollte - meine wievielte "Pizza Helsinki mit Rhabarberschorle" in Folge war das hier?

Nur das mit dem Diagonale-Maß, das hat sich wohl erübrigt, das Pferd sprang zu niedrig und riss, das gibt Strafpunkte.


[Marten]

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