Abschied ist ein schweres Schaf

Denn Abschied nehmen hieß es heute - vorerst - von unserem Heimspiellokal. Das letzte echte Heimspiel (das gegen unseren Nachbarn aus Marmstorf liegt ja in der Abschlussrunde in der City Nord) sah es, und nach dem Kampf haben wir dann auch spontan gemerkt, wie man in der nächsten Saison die Kaffeemaschine weniger hörbar machen kann. L'esprit d'escalier, wie die Franzosen sagen. Aber wir haben ja keine Franzosen, also vergessen wir dieses und gehen direkt in Medias Res.

Im Spitzenduell Zweiter gegen Dritter kam es zu folgender Aufstellung der Partien: Christian an 1 gegen Maik Richter (2203), Matthias an 2 gegen Thorsten Stelting (2133), Florian an 3 gegen Exschrägianer Luis Divyam Martin-Sommerfeld (2072), Thomine an 4 gegen Bernd Wronn (2074), Martin an 5 gegen Andreas Mitscherling (2230), Andrei an 6 gegen Torsten David (2039), Dave an 7 gegen Gisbert Jacoby (2103) und Marcel an 8 gegen Patrick Stenner (2120). Der Eröffnungspoker ging also schon einmal klar zu unseren Gunsten aus - während sich die Gäste auf eine andere Spitze vorbereitet hatten, wussten wir schon seit Monaten, dass heute weder Jens noch Niels noch Ove noch Jørgen konnten. Den Dannebrog hielt dafür erstmals in dieser Saison Thomine hoch. Um diesen Nachteil auszugleichen, hat St. Pauli natürlich ein paar mehr DWZen am Brett.

Und während ich dieses schreibe, hat Marcel schon mal verloren. Gut, das liegt zum einen natürlich daran, dass ich den gesamten Bericht nachkämpflich verfasse. Zum anderen auch daran, dass es wirklich schnell ging. Bereits kurz nach Beginn der Partie stand Patrick in Marcels Rochade drin, gewann zwei Bauern, und während Marcel noch irgendwelche Figurengewinne herbeifatamorganisierte, spielte Patrick eh anders und nach knapp einer Stunde war es vorbei.

Gefühlt stand es zu diesem Zeitpunkt allerdings schon 1:1, denn Thomine hatte in einer ihr bekannten Variante des Caro-Kann (erinnert sich noch jemand der SCFEGler an Carolin Blaske und die ewige Frage, ob Caro Caro-Kann kann?) einen Bauern für Angriff geopfert, der schnell dafür sorgte, dass zwei Bauern fielen, also Mehrbauer und immer noch Angriff - die spätere Analyse zeigte zwar, dass alles nicht so klar war, wie es sich anfühlte, aber gut war es in jedem Fall. Christian griff derweilen bzw. schon vorher zu drakonischen Maßnahmen, auch als Drachen bekannt, Matthias kann seine Abstammung von Gerd nicht leugnen - verzweifelte Versuche, einen Bauern für Angriff zu opfern führten dazu, dass er einen Bauern weniger aber eine Angriffsstellung hatte, Florian hielt sich sehr symmetrisch auf, und bei Martin, Andrei und Dave gab es auch nicht allzuviel berichtenswertes.

Von daher berichten wir von anderen angenehmen Dingen, denn neben Thomine hielten sich auch noch weitere Damen zumindest teilweise zusehend auf, nämlich Silke und Yvonne, sowie Enna. Und wo Enna ist, ist Armin nicht weit, und auch Detlef schaute vorbei, während die Gästekurve durch Guntram Knecht besetzt wurde. Ein leichtes Auf gegenüber den letzten Kämpfen, nicht zuletzt da St. Pauli bekanntermaßen immer auch in unteren Ligen gerne eigene Leute mitbringt - Schach ist eben doch nur wie Fußball, nur mit Würfeln (frei nach Poldi).

Und während ich im Blitzen entspannt Patrick Stenner zusammenschob (alles gewonnen - okay, das gibt die Kräfteverhältnisse schief wieder, eine Partie mit Behumps in totaler Verluststellung war alles, aber erwähnen muss ich es ja mal) passierte doch ziemlich viel. Florian kam zum Beispiel eine Figur, dann eine Qualle und als Konsequenz die Partie abhanden, 0:2 um 13:40 Uhr. Christian, der schon vorher nicht gut stand und später zur allgemeinen Überraschung erklärte, seine Stellung nicht verstanden zu haben, wurde kurz darauf ins Remis entlassen. Thomine ließ einige ganz kurze Gewinnwege aus und nahm einen nur kurzen mit, bei 13 Stunden Bahnfahrt für gerade mal eine Partie will man die natürlich auch bissel auskosten, wir haben aber deutlich zu danken. 1½:2½. Wie sehen die anderen aus? Gut natürlich. Und ihre Stellungen? Matthias kam auch irgendwie eine Figur abhanden, sagen wir Einsteller, Martin stand zunehmend passiv, Andrei stand zunehmend passiv, bei Dave war es anders, er stand schon zugenommen mit dem Rücken zur Wand. Das wird eng.

Beziehungsweise auch nicht: Dave musste sich schnell geschlagen geben, bei Matthias war auch nichts mehr zu machen, schon war der Kampf um Kurz nach 2 verloren. Andreis Remisabwicklung und Martins Niederlage zum letztlichen 2:6 eine halbe Stunde später sorgten für einen zügig beendeten Kampf ohne großen Spannungsbogen.

Herauszuheben ist Thomines Traumpartie, die Christian zum Saisonmotto "Wir brauchen mehr Dänen" führte, die Tatsache, dass Andrei auch bei Silkeanwesenheit nicht immer gewinnt - Silke wies aber alle Schuld von sich und meinte, er solle "auch mal was selber machen" - er aber, wie auch Martin, Dave und Matthias, durchaus nicht so schlecht gespielt hat, wie die Ergebnisse wirken. Erwähnenswert ist aber leider auch die Tatsache, dass wir erstmalig uns über einen Spieler doch sehr ärgern mussten. Mag die herablassend wirkende Art, die der Schachfreund gegenüber dem Gegner an den Tag legte, noch Missverständnissen zuzuschreiben sein (obwohl ich persönlich daran zweifle), ist es mir doch noch nicht passiert, dass sich jemand weigert, Türen, die er öffnet, auch wieder zu schließen - hier die zwischen Analyseraum und Spielraum. Angeblich gehe es nicht. Marcels Demonstration (notgedrungen eine Analyse unterbrechend vom anderen Ende des Raumes kommend), dass es doch sehr wohl geht, oder die Tatsache, dass allgemein alle anderen Leute, Heim wie Gast, das zu schaffen in der Lage waren, bewegte ihn nur zu einer sehr unmutigen Grumpfäußerung Marcel und mir gegenüber. Aus dem Verhaltensmuster sind die meisten anderen zwar schon in der C-Jugend raus, aber es sind ja bekanntermaßen nicht alle Schachspieler sozialkompetent. Für einen Erwachsenen ist das aber in der Summe mehr als hochnotpeinlich.

All dessen ungeachtet aber bleibt festzuhalten, dass eine klare und verdiente Niederlage zu Buche steht, vielleicht etwas zu hoch, aber etwas drin war da nie. Und auch wenn zum Teil ordentliches Schach (für unsere Verhältnisse natürlich nur) die Bretter beglückte, sah auch das teils schon angenehmer und überzeugender aus. In der Tabelle wirft uns das auf den dritten Platz zurück, punktgleich mit St.Pauli aber deutlich schlechter bei den Brettpunkten, sodass der Favorit jetzt die Aufstiegs-Pole-Position innehat - zwar ist weiterhin Königsspringer an 1, aber es ist unwahrscheinlich, dass die erste den Platz in der Oberliga freimacht.


[Marten]

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