Die Frühaufsteher

Schrieb ich die letzten Male doch gelegentlich etwas von "später zum Kampf erschienen", so war heute einiges anders - schon um kurz nach 10 waren Daniel und ich vor Ort. Grund war die eher mittelsensationelle Anbindung Lüneburgs im öffentlichen Personennahverkehr, die mir beruflich auch wieder jeden Tag aufs Neue die Freude des Autofahrens in eben diese sehr schöne Mittelstadt verschafft, und da ich Daniel am Bahnhof aufsammeln und mitnehmen wollte, blieb halt nichts, als früh aufzustehen. Immerhin konnten wir so die Zeit vor Ort nutzen um mit den Platzwarten des dem Königsspringervereinshaus angeschlossenen Fußballplatzes die Hoffnung zu teilen, dass der Boden für unbespielbar erklärt würde (wurde er nicht, sollte aber keine Auswirkungen haben) und in einer nahe gelegenen Tankstelle noch einen Kaffee einzunehmen.

War ansonsten ganz praktisch, so früh da zu sein, sollte ich doch heute selber einmal wieder spielen - und gut eingestellt habe ich mich auch, extra am Sonntag morgen noch einen Zahn herausgebrochen, um noch furchteinflößender zu wirken, als ohnehin schon (wobei, wollten wir nicht einen Zahn zulegen statt ablegen?). Ging ja immerhin gegen die diese Saison doch ganz passable Ergebnisse erzielenden Königsspringer - nach all den Abstiegssorgen im letzten Jahr mit am Ende alles von einer Jens-Diekmann-Partie gegen Union abhängendem Nichtabstieg, sind 12:0 Mannschaftspunkte schon eine leichte Steigerung. Aber wir haben ja auch Leute, die Schach spielen können.

Das heutige Duell wurde in folgende 8 Einzelabschnitte zerlegt: Jens Ove war auch gut angeschlagen - Rippenbruch, zwei miese Open und ein sensationell schlechtes Schnellturnier am Vortag waren beste Voraussetzungen, um es mit Michael Wolter (2114) aufzunehmen. Niels Jørgen wirkte ausgeschlafen, war es aber nicht, würde das gegen Thomas Wiltafsky (2061) gutgehen? Christian war wie immer mit den Doppelgeschützen seiner Thermoskannen voll leckeren Tees bewaffnet - doch was würde Jochen Cremer (2084) trinken? Matthias an 4 musste den Verlust des Harburger Phoenixfamilienmeisters am Vortag verkraften, aber Clemens Harder (2082) abgefrühstückt und alles ist vergessen. Daniel plante schon den Abend mit einer holden jungen Dame, aber wie hold würde Steffen Dettman (2109) sein? Martin hatte seine Holde am Vortag schon gesehen, aber weiß Yvonne von seiner Partie gegen Karin Chin (2035)? Andrei, unser Youngster, spielte gegen Jakob Pfreundt, Königsspringers Youngster (14 Jahre, 1887), und ich durfte sehen, wie Markus Langmann (1968) sein diesjähriges Landesligadebut verpatzt.

Nach den einleitenden Worten des Schiedsrichters, die ihrerseits nach einigen Worten über Handschriften der Mannschaftsführer bei der Abgabe der Aufstellung fielen (dieser Satz erweckt einen inhaltlich völlig falschen Eindruck, ist aber faktisch nicht angreifbar, ich sollte vielleicht zu dem Blatt mit den vier Buchstaben gehen? Ach ne, da wäre er auch faktisch anzuzweifeln.), konnte also das nominelle Spitzenduell beginnen.

Für mich begann es damit, dass ich mich mit einem Schotten auseinandersetzen durfte, und da ich gerade mein Repertoire (ich habe mich mit Christian darauf geeinigt, dass im mathematischen Sinne auch eine Einzelvariante als "Repertoire" gelten kann) umstelle, musste ich erst einmal etwas denken. Da ich aber früh von den Hauptpfaden abwich, durfte dann auch mein Gegner einige Minuten in einige Züge investieren, sodass ich mir mal ansehen konnte, was die anderen so betreiben. Also außer entsetzt auf meine Stellung schauen, was mich verunsicherte (und tatsächlich war ich noch in der Theorie, keine Ahnung, warum sich alle so lange am Brett 8 aufhielten).

Jens Ove fing gerade an, eine Stellung unter Bauernopfer zu öffnen, in der Hoffnung, dass der gegnerische Zentrumskönig leide. Mir zwar völlig unklar, aber das soll wenig heißen. Niels Jørgen - nun, ich verweise den Leser auf frühere Berichte zu unspektakulär scheinenden Stellungen mit ebenfalls scheinbarer Passivität. Christians Position gefiel mir hingegen gut, ohne dass ich das konkret benennen könnte, Matthias hatte im Budapester etwas, was mir völlig okay erschien, Daniel hingegen sorgte erst einmal für einen schwarzen Doppelisolani, muss doch gut sein?! Bei Martin schien Karin völlig auf dem Acker zu stehen, eine wunderschöne Angriffsposition für unseren Fanschaftsführer. Andrei hingegen hatte etwas auf dem Brett, das ich aus keiner Theorie kenne. Wenn es gut geht, geht es gut, aber wenn nicht, meine Güte, geht das dann nicht gut... Und ich hab nach einigen wohl zweitbesten eine ziemlich passive Stellung aber noch ohne konkrete Katastrophe. In der Summe abgeschätzt: Königsspringer verliert gefühlt erstmals in dieser Saison, und das nicht einmal allzu knapp.

Aber da wir ja in der Landesliga anders als beim Alsteruferturnier oder beim Fußball (ja, ich weiß, die Parallele wiederholt sich) nicht nach 90 Minuten abschätzen, müssen wir wohl weiterspielen. Und da passierte dann doch einiges: Andreis Stellung ging nicht gut, und mit Wenigermaterial, Wenigerzeit und Wenigerstellung war es schwer, einen Hoffnungsschimmer herbeizufantasieren (obwohl, eins unserer Vereinsmitglieder hätte vielleicht gesehen, dass die schwarze Dame nie mehr von h1 wegkommt oder so). Ein Brett weiter oben stand Karin Chin nicht mehr auf dem Acker, sie verkroch sich darunter, erste Maulwürfe reichten Hausfriedensbruchsklagen ein. Matthias hatte inzwischen ein Schwerfigurenendspiel mit weißem Rücksteher auf halboffen, ich fand's gut - die beiden beteiligten Personen nicht so zwingend, wie sich später herausstellte, aber ICH fand's gut. Christian ausgeglichente herum - ich hätte ihn nach der Partie fragen sollen, wahrscheinlich hätte er mir gesagt, keinen Plan von der Stellung gehabt zu haben - zu Niels Jørgen verweise ich auf ältere Berichte, in denen was von "langsam vorwärtskommen in ein angenehmeres Endspiel" steht, und Jens Ove hatte schon längst gewonnen, während ich das hier schreibe - die schwarze Stellung war schwer genug zusammenzuhalten, eine taktische Ungenauigkeit vertrug sie dann nicht mehr. Aber um nicht nur positives zu berichten, Daniel geriet gewaltig unter Druck, es sah so aus, als ob sich ein Endspiel mit Wenigerbauern ankündigte. Dennoch in der Summe fein, drei gefühlt sichere Punkte (Fries, Nielsen, Becker) und einiges was halbbar war.

Okay, Andreis Stellung war nicht mehr halbbar, 1:1, und auch meine ging langsam bergab. Houdini fand das zwar später alles nicht so wild, wie ich am Brett, aber das psychologisch schlimme war halt, dass ich diverse Weißzüge als Motiv überhaupt nicht gesehen hatte, egal wie wenig wirklich schlimm sie gewesen sein mögen. Ich denke über eine Adoption durch Manfred nach, und nachdem ich dann auch noch ein taktisches Gewinnmotiv sah, das vorne, hinten, rechts, links, oben, unten, innen und außen nicht ging, blieb mit klarer Verluststellung nur noch der Behumpsversuch mit Pseudoangriff und der Hoffnung, dass ein 2-Minuten-für-20-Züge-Gegner irgendwo zu Unrecht nervös wird. Wurde er nicht, 1:2. Das Zahnopfer hat sich nicht gelohnt, im Nachhinein hätte ich ihn drinbehalten sollen.

Aber die anderen Bretter konnte ich mir jetzt mit 50% mehr Expertise ansehen (Null mal Einskommafünf). Zu Niels Jørgen verweise ich auf frühere Berichte, in denen etwas von "Gegner zurückdrängen und in Zugzwang bringen" stehen könnte. Bei Christian sah ich gar nichts - für mich wirkte das alles sehr remislich. Matthias hingegen hatte auf einmal einen weißen Turm in der Stellung, vielleicht sollte er mit Karins Maulwürfen Sammelklage erwägen? Ach nein, Karin hat gewonnen? Wie das? 1:3, aber wieso? Ganz mitbekommen habe ich es nicht, aber offenbar ließ Martin den entscheidenden Hebel am Damenflügel nach längerer Überlegung aus, und kam dann selber am Königsflügel unter die Räder der Türme (jeder, der einmal Battle Chess auf dem Amiga gespielt hat, weiß, dass Türme Räder haben). Wargslhnrglhmpfgnawurzenkräten. Und bei Daniel zeigte sich, dass ein Schwerfigurenendspiel mit Wenigerbauern kein Handwerker ist - es kündigt sich an, also kommt es auch.

Nun verging erst einmal einiges an Zeit, aber es passierte wenig massiv veränderndes. Matthias spielte zwischendurch Kb6-c7 oder auch Kc7-b6, und wenn man sowas öfters macht, wird es remis. Niels Jørgen, ich verweise auf frühere Berichte, in denen gestanden haben könnte, dass er souverän gewann. Aber Daniels Stellung war nicht mehr haltbar, sodass Christian keine Gewinnversuche auf Überdehnung unternehmen musste und das 3:5 amtlich wurde.

Und danach kam die große Wettfrustphase. Daniel war nur mit halbem Herzen dabei, aber auch angenagt, Andrei (Zitat "Die schlechteste Partie seit Jahren"), Martin mit seiner Niederlage nach übersehen (beziehungsweise auslassen) einiger nicht zu komplizierter digitaler Ausschalter, ich, der ich nichts gesehen habe und jeden Zug 0,2 Bauern an die Wand warf. Matthias und Christian waren persönlich nur halb so traurig, aber mannschaftlich war es in der Summe eher so ein ganz klein bisschen Riesenkuhdung. Wobei wir ja nicht erwarten konnten, dass die Landesliga leicht wird, aber 116 eingestellte DWZen tut nicht not Zahlen, mit denen vielleicht Dia III (-138) oder Dia II (-245) zufrieden sein könnten... aber irgendwie spielen wir, trotz des überraschenden Traumstarts der ersten und der passablen Tabellensituation der Dritten, doch gewaltig unter unseren Möglichkeiten, vor allem im "Altstamm". Und heute ist, mit Ausnahme zweier Friesen und einer halben Martinpartie, aber eben nur einer halben, auch nicht wirklich das Gefühl "Ergebnis stimmt nicht, aber wenigstens gut gespielt" aufgekommen.

Was aber alles nichts daran ändert, dass wir zwei Runden vor Schluss immer noch die Chance haben, aufzusteigen. Abgesehen davon, dass das schachlich lächerlich wäre, weil wir eben doch nur Bezirksligaspieler mit durch Training Stadtligapotenzial sind, da alle oben (außer Königsspringer, Diogenes und HSK) verloren haben, hat sich nur wenig geändert. Und die sind alle schon in der Oberliga. Theoretisch kann zwar noch KSH 1 auf- oder Dio 1 absteigen, wodurch die zweiten Mannschaften ihren Platz noch nutzen könnten, aber das ist nur wenig wahrscheinlich. Also bleibt St. Pauli theoretisch vorne und wir sind knapp dahinter, mit Marmstorf weiter gut im Rennen. Naja, was soll's, träumen darf man ja. Verdient hätten wir es zwar nicht, aber wenn ich nur das hätte, was ich verdiene, wäre ich schlanker. Und glauben tue ich es auch nicht mehr, die Fans auch nicht - heute kam erstmals genau gar keiner - aber sonst haben wir ja die Saison keine möglichen Ziele mehr, also erklären wir einfach Mal nach zwei Niederlagen und einem Remis gegen den Vorletzten den Aufstieg offiziell zum Ziel - mit einer allerdings sehr überschaubaren Enttäuschung, wenn es nichts wird.


[Marten]

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