Zweiter - für 24 Stunden - oder: das Beste kommt zum Schluss

Vor all dem Bohei, den wir im Moment um Diagonale 1 machen, könnte man fast vergessen, dass wir noch zwei weitere Mannschaften haben, die ebenfalls spielen und mit unterschiedlichen Saisonzielen im Kampf sind. Ach nein, die spielen ja nicht, da beginnt die Saison ja erst im Januar - also jetzt. Und zwar mit dem Nachbarschaftsduell gegen die Heimfelder von Schwarz-Weiß, die bei unserer zweiten gastierten. So viel sei schon im Vorfeld verraten, wie so oft, war auch dieses Mal die Athmosphäre eher frostig. Was aber nicht den Spielern geschuldet war, die kommen ja mittlerweile miteinander klar, sondern dem Januar - es unternullte. Ein Wintereinbruch im Januar. Naja, wir waren ja das Heimteam, sollen die doch sehen, wie sie aus Heimfeld nach Wilstorf kommen (im Zweifel mit dem 14er oder einem der 43er). Und sie kamen.

Aufstellungsmäßig waren beide Mannschaften fast gleich angetreten. Bei uns fehlte Brett 2 (ich, da ich Runde 1 ja Landesliga gespielt hatte), dafür holten wir einen hoffnungsvollen jungen Mann aus der dritten Mannschaft. Bei Schwarz-Weiß fehlte Brett 2, dafür holten sie einen hoffnungsvollen jungen Mann aus der dritten Mannschaft. Ansonsten beide Mannschaften in Bestbesetzung. Eine kleine Veränderung aber: während nach 1-8 Schwarz-Weiß nach Zahl leicht favorisiert gewesen wäre, waren wir es in dieser Konstellation. Was uns zu pass kam, ist unser Saisonziel doch "gute Saison spielen" - wahrscheinlich wird weder nach oben noch nach unten all zu viel gehen, ersteres eh nicht, letzteres sollte bei einer noch verstärkten (Dave, Leonardo, Marten) Durchschnittsmannschaft auch nicht passieren. Die Bürde des "ein Aufstieg pro Jahr" liegt in diesem Jahr klar bei Dia 3.

Und so reckten sich die folgenden Recken: Dave gegen Hans-Jürgen Steiner (1828), Marcel gegen Günter Schmidt (1880), Mannschaftsführer Rainer Ell gegen Frank-Peter Barghausen (1730), Leonardo in seiner ersten Partie für uns gegen Ante Filipovic (1797), Michael gegen Reinhard Decker (1814), Jens gegen Lothar Welsch (1801), Gerd gegen Guy Nguyen (1512) und Armin gegen Hartmut Langanke (1581).

Ich kam, da ich nicht spielte, wie immer etwas später (19:02), noch knapp vor Dave, aber es bahnte sich zu diesem Zeitpunkt, naja, seien wir ehrlich, noch gar nichts an. Also stellen wir die Uhr mal schnell eine Stunde vor, die komischen Zeitanzeigen mit "1:55" und so haben mich eh verwirrt - wie lange wollen die denn spielen? Ach, die haben keinen Bonus...

Und nach einer Stunde sah es doch schon so aus, als ob es nach etwas aussah. Dave stand etwas passiv aber normal. Marcel erinnerte sich an seine Lektionen aus dem Anfängerlehrgang - f7 ist der schwache Punkt bei schwarz, es kann so verkehrt nicht sein, den mal zu belagern. Schöne Position. Rainers Gegner tauschte das Läuferpaar weg, um einen stabilen Vorpostenspringer nach d5 zu bekommen, Rainers Gegner tauschte eh recht viel - gleich und gleich gesellt sich gern? Leonardo begann, am Königsflügel etwas Initiative aufzubauen und hatte sich eine bessere Bauernstruktur zum Frühstück gegönnt, bei Michael schien nicht viel los. Jens hingegen musste früh bergauf schwimmen, ein Tausch seines Rochadefianchettoläufers gegen einen Springer bescherte ein Loch in der Königsstellung, dass an Elbphilharmonie-Haushaltslöcher gemahnte. Gerd an 7 kam gut aus der Eröffnung, nachdem er zunächst bedrängt stand, und versuchte mal wieder, etwas zu tricksen. Materiell ausgeglichen war auch hier das Zauberwort "Bauernstruktur" - ein Doppelisolani auf halboffener Linie ist eine gute Angriffsfläche. Und Armin? Zitat Mannschaftsführer Rainer "20:00 Uhr, Armin gewinnt eine Qualle". In der Tat - ähnlich wie bei Jens war hier der weiße Fianchettoläufer getauscht, aber diesesmal gegen den Gegnerläufer, und nach Wiedernahme mit der Dame fehlte letztere daheim (ich weise ausdrücklich darauf hin, dass dieses kein Plädoyer für "Damen sollten zu Hause bleiben und für Ordnung sorgen" sein soll), um Sd5-e7+xTc8 zu verhindern.

In der Summe war ein 5:3 gut drin - noch nicht zwingend, aber bei der Prognose ist ja auch ein halbes Brettpünktli Bonus drin, um den leichten DWZ-Vorteil in die Tabelle zu retten. Um so mehr, als Marcel eine schöne Opferkombination aus der Hosentasche holte, die zwar nicht den erhofften schwarzen Totalzusammenbruck zur Folge hatte, aber vier Bauern reichen oft gegen die Qualle - wobei anzumerken wäre, dass eine andere Lektion des Anfängerlehrganges lautete, auch mal in die Stellung tiefer reinzuschauen. Und wo wir bei der Themenrunde "Qualle" sind, wollte Finki auch nicht nachstehen. Wie wir uns erinnern, lag er beim letzten Besuch mit dem Rücken auf dem Acker. Aber er reckte sich und streckte sich drinnen gegen die dünne Schale, die das Wasser von außen her weich gemacht... ach nein, das war im Märchen. Aber er wehrte sich und kam davon, nun aber mit dem Materialverhältnis 2 Bauern gegen die berüchtigte Qualle. Klares Urteil: unklar. Was besser war als das letzte klare Urteil zuvor. Rainer hatte jetzt gekontert und selber einen stabilen Vorpostenspringer auf d4. Vielleicht sogar 5½?

Beruhigt ob der stabilen Gesamtsituation blitzten Martin und ich nebenan drei Partien (2:1 für Martin, aber mein Matt war das schönste!), kamen zurück, und sahen: Hans-Jürgen Steiner hatte gegen Dave einen Springer geopfert. Der nur leider so wenig Opfer war, wie nur irgendwas, sondern einfach einen Zentrumsbauern gewann, und Daves passive Struktur in eine passive Nichtstruktur verwandelte. Marcel hat mindestens einen Zug zu schnell ausgeführt, und schwarz kam materialmäßig heran, die Stellung wurde auch nicht besser. Rainers veränderte Stellung mit gegnerischem Vorpostenfreibauer auf d5 statt des Springers gefiel mir gar nicht, Daniel aber schon. Leonardo konnte einen Springer auf h6 parken - es war zwar unklar, wie der da wieder weg wollte, aber angreifbar war er nicht wirklich und er schaute sich doch sehr gierig den Bauern f7 an, sodass Schwarz schon sehr aufpassen musste. Michael - äh - stand schlecht und hatte zwar irgenwie Bauern für die Qualle (habe ich das heute schon mal irgendwo gesehen?), aber kein Spiel. Bei Jens praktisch das gleiche. Gerd hingegen stand klar besser und hatte extrem aktives Spiel gegen die immer noch nicht harmonisierenden weißen Klötzchen. Zum Ausgleich gestaltete Armin das Spiel spannend - materiell immer noch eine Qualität mehr (statt wie überall sonst weniger, und nicht mal gegen Bauern), aber mehrere seiner Figuren standen im Abseits, es ist mir ein Rätsel, warum der Schiedsrichterassistent das nicht angezeigt hat. Und der Gegner konterte.

Beunruhigende Tendenz - eher 3½ als 4, aber noch war was drin. Ich blitzte ein bisschen gegen Daniel - das genaue Ergebnis wird der Nachwelt nicht überliefert, da man nicht angeben kann, wie viel mal mehr Siege als ich er hatte. Dann wieder kiebitzen. Dave stand noch schlechter - alle seine Figuren waren auf die Ausgangsfelder zurückgekehrt. Die Bauern auch. Denn Dave ist wohlerzogen und weiß, dass man nach Beendigung einer Partie, zum Beispiel durch Aufgabe, die Grundstellung wieder aufbaut. Und so stand nur der weiße König falsch, nämlich auf e4 statt auf e1 - 0:1 um 21:10h. Bei Rainer war die Stellung inzwischen eindeutiger - er stand schlecht. Auch Marcel musste mittlerweile ums Remis kämpfen - sein Wunderzug Te1 wäre vorher irgendwann mal einer gewesen, jetzt nicht mehr. Michaels Partie war eher -0,5 als +0,5. Jens dito. Armin musste inzwischen aufpassen, nicht mattgesetzt zu werden. Wenigstens Gerd hatte einen Mehrbauern und Leonardo immer noch eine Mehrposition, allerdings war die Stellung geschlossen, so dass unklar war, wie die Artillerie zum tödlichen Schlag ansetzen will - irgendwo muss man da aufmachen, nur wo?

Nachdem bei jedem Blick in den Turniersaal 1 bis 1,5 Brettpunkte weniger gefühlt wurden, stellten sich zwei Fragen: wird es am Ende gar ein 0:8? Oder sollten wir es einfach lassen, auf Kosten der Brettpunkte zu gucken? Die erste beantwortete Gerd schon mal mit "nein". Nachdem der Mehrbauer fiel, wurde es schnell remis, ½:1½ um 21:40h. Schade, da war viel mehr drin. Die zweite beantworteten wir mit "nein", Neugier siegte über Vereinsräson. Und so erlebten wir, wie es binnen einer Viertelstunde schlag auf Schlag ging: Marcel stellte eine Qualle ein und wollte nicht mehr. Jens stellte eine Partie ein und wollte nicht mehr. Rainer als Mannschaftsführer war es vergönnt, alles klar zu machen, er wollte auch nicht mehr. Bei ½:4½ wurde dann auch dem größten Optimisten klar, dass heute wohl kein Sieg mehr drin war.

Aber bei Armin wurde es zum Ausgleich konfus. Nachdem sein Gegner einen eventuell durchschlagenden Angriff ausließ, konnte er kontern, indem er selber einen eventuell durchschlagenden Angriff ausließ. Das ließ das Feuer aus der Partie aus, und nach einigen Umstrukturierungen des Materials hatte Armin zwei Mehrbauern bei noch Dame und Turm. Schnell alle Schwerfiguren ausgetauscht und das Bauernendspiel mit Minus zwei wollte sich Hartmut Langanke nicht mehr zeigen lassen - insbesondere bei einem schwarzen König auf h7 und weißem Bauerndurchbruch am Damenflügel mit Königsunterstützung. Immerhin ein Sieg. Michael spielte danach auch nicht mehr lange - er stand schlecht, und das wurde nicht besser, sodass er dem Trend der Diagonalen folgte.

Es verblieb Leonardo. Er entschloss sich, die schwarze Königsstellung durch Öffnung der g-Linie anzugehen, Ante Filipovic konterte im Zentrum. Und opferte plötzlich die Dame. Durfte Leonardo das Opfer annehmen? Er tat es, aber war es richtig? Entscheidet selbst:

Antwort: Sicher nicht die Stellung, die er beim Schwenk auf den Königsflügel erhofft hatte, aber ja, er durfte auf g7 nehmen - einer von drei Zügen, die die Stellung in der Balance halten (vulgo: bei denen Schwarz Dauerschach erreicht), neben Ke1 und Txe4. Alles andere verliert bereits. Aber ab jetzt immer mit der Chance, vielleicht sogar noch durch einen Fehler zu verlieren. Schwarz muss einfach Tdxd3+ spielen und gibt Schachs auf der dritten Reihe. Aber ein Gewinnversuch von Schwarz, es folgte Tbxd3+ und nun wurde der König gejagt, immer auf der Suche nach dem Nichtmatt. Bis zu folgender Stellung, Weiß hat nur drei legale Züge, doch welcher ist der Beste? Nur Daniel sah es.

Leonardo entkorkte 45. Tc5!! - nach 45. Kd2 geht Weiß beinahe sofort matt (nach 45. ... Tc2+ 46. Ke3 ist schwarz der ungedeckte Läufer egal, denn 46. ... Tb3+ 47. Kxe4 Tc4# hat positionelle Nachteile), nach 45. Kd4 kann man sich noch retten, indem man nach dem Weg Kd4-e3-f2-f1 die Dame auf e1 zurückgibt, das nachfolgende Endspiel ist aber verloren. Nun aber bekommt man das lebenswichtige Luftloch auf e5, das man entweder für einen Fluchtversuch nach f6 (mit sofortiger Mattdrohung) nutzen kann, oder um den Le4 zu schlagen ohne mattgesetzt zu werden und sich dann am Königsflügel zu verstecken. Wegen der doppelten Mattdrohung (Tg8 oder später eventuell Dd8) muss schwarz weiter Schachs geben, aber nach 45. ... Txc5+ 46. Kd4 Tc4+ 47. Ke5 Kxg7 48. Df6+ war es dann vorbei. Wenigstens eine schöne Partie heute und ein viertelwegs versöhnlicher Abschluss. Zumindest ein gelungener Einstand für Leonardo.

Schwarz-Weiß übernimmt damit die Tabellenführung, wir rücken mit 0 Mannschafts- und 2,5 Brettpunkten auf Platz 2, Platz 3 teilen sich die acht verbleibenden Teams mit null und null. Bis morgen, dann spielen andere, dann ist der Platz in der vorderen Hälfte wohl futsch. Es sei denn, der Landesturnierleiter greift ein und disqualifiziert alle wegen "ist so". Aber auch das hilft nichts: zum Saisonziel "gute Saison spielen" ist ein weiter Weg. Denn auch wenn heute in den Partien genug drin war, um aus einzelnen Stellungen und damit dem Kampf mehr zu holen - verdient wäre das in der Summe nicht gewesen, Bezirksliga geht anders.

[Marten]

 

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