Flotter Zweier

Über Jahre gab es immer wieder das Duell Diagonale-Blankenese in der Bezirksliga - beide Mannschaften waren fest gebucht für die Staffel B, wie auch andere (Wedel zum Beispiel). Nun ist es aber in letzter Zeit gehäuft passiert, dass Blankenese aufgestiegen ist, ohne uns zu fragen, und die Duelle wurden seltener. Darauf dachten wir uns was vom Propheten und vom Berg und sind halt selber aufgestiegen - leider mit zu viel Schwung, sodass wir dieses Jahr wieder nicht zu BlaDia kommen würden. Oder würden wir doch? Denn was die ersten nicht können, das müssen eben die zweiten aus dem Feuer holen - ein Spiel in der Bezirksliga B. Also der Start einer neuen Tradition? Oder würde es so laufen, wie wir es kennen - Dia I gegen Bla I war, obwohl beide Teams immer etwa gleich stark waren, meist eine klare Angelegenheit. Mal so rum, mal so rum.

Wir würden sehen, und wenn ich sage "wir", dann meine ich Dave an 1 gegen Wolfgang Engelhardt (1873), Marten an 2 gegen Maximilian Reuter (1754), Marcel an 3 gegen Volker Schilling (1730), Rainer II an 4 gegen Alfred Manke (US-Unabhängigkeit), Leonardo an 5 gegen Valeriya Kotyk (1661), Jens an 6 gegen Jörg Bartens (1654), Gerd an 7 gegen Uwe Frenzel (1570) und Rainer III an 8 gegen Michael Gutschmidt (1562). Letzterer war der bekannteste Diagonale, herzlich begrüßt - war er doch erst kürzlich hier beim Kampf von Blankenese III gegen Diagonale III. Das waren übrigens seine ersten bedien Mannschaftskämpfe dieses Jahres. Sein letzter Kampf letzte Saison? Keine Punkte fürs Erraten: als Ersatz in der 9. Runde der Stadtliga - Blankenese I gegen Diagonale I. Somit hat er in drei aufeinanderfolgenden Mannschaftskämpfen Bla I-Dia I, Bla III-Dia III, Bla II-Dia II gespielt. Ob es sowas in der Form im Hamburger Schach schon einmal gegeben hat?

Und los ging es, und wie immer war zunächst für den interessierten Beobachter (das soll heißen Armin, der als Fan hinzukam, wenngleich erst ein paar Minuten später) nicht viel zu beobachten. Das erste denkwürdige Ereignis war, als Rainer L gegen 20 Uhr "Schach" sagte - also ansagte. Das einzige, was ansonsten bislang auffallen konnte war, dass offenbar nicht nur wir den Marcel gelegentlich etwas veralbern mögen, sondern auch die Blankeneser. Wir spielten nämlich an allen Brettern mit dem gleichen Material wie wir es auch für die Landesliga neu erworben haben - nur Marcel bekam Figuren, die 1983 wegen Verwarztheit vom SCFEG aussortiert wurden. Sollte Marcel bestraft werden, weil er Marcel ist? Wollten sie nicht, dass Marcel ihre guten Figuren berührt? Stefan Wolff gab hierzu keinen Kommentar ab. Ich habe ihn aber auch nicht gefragt.

Aber wo wir bei Ereignissen waren: der andere Rainer, der der noch nicht Schach gesagt hat, der gewann recht zügig. Zu zügig für mich um all zu viel mitbekommen zu haben (ich musste mich mit einem wild improvisierten Schotten herumprügeln), aber im Retrospekt doch recht suwerän. Und auch Gerd mochte eine kleine Mattdrohung auf g7 aufstellen, die nicht mehr wirklich abzuwehren war, nicht einmal unwirklich. 2:0 - das klingt vielversprechend, schauen wir uns die anderen Bretter doch einmal an.

Dave stand einfach um Längen aktiver und schob seine Figuren auffällig unauffällig gegen die schwarze Rochade. Marten hatte sich aus der Eröffnungsumklammerung befreit und durch einen taktischen Einsteller des Gegners ein Endspiel mit gesundem Mehrbauern und aktiverem Figurenspiel. Marcel rutschte Schritt für Schritt mal wieder in etwas hochtaktisches, dieses mal aber nicht erzwungen, sondern organisch entwickelt, und apropos entwickelt - er sah deutlich besser positioniert aus. Rainer L hatte in einem remislichen Endspiel auf einmal einen Bauern gewinnen können, zwar stand sein Springer zunächst dadurch abseits, aber der ihn dominierende Läufer tat auch nichts als ihn zu dominieren, sodass es kein echter Nachteil war. Leonardo stand solide. Valeriya allerdings auch - hier war nicht viel los. Und Finki hatte eine zunächst bedrückt wirkende Stellung aber mit angehbarem gegnerischen Schwachpunkt, fast so, als hätte er sich das von Niels-Jørgen abgeschaut. Heraus sprang letztlich eine ganze Qualität.

Summa summarum: 2:0 für uns, 5 bessere bis gewonnene Stellungen, eine remisliche. Traditionen wie die hohen Ergebnisse leben manchmal von ganz alleine weiter.

Als wir später in der Kneipe beisammen saßen, um unseren überzeugenden 8:0-Sieg zu feiern, fiel uns aber ein, dass danach einiges anders kam als erwartet. Zunächst saßen wir nicht in der Kneipe (es sei denn, das Vereinsheim der Blankeneser zählt). Dann haben wir - Spoileralarm - nicht 8:0 gewonnen. Wie kam das? Nein, es war nicht nur so, dass Leonardo sein Remis erhielt, es passierte noch mehr - wir sollten in der Tat keine einzige Partie mehr gewinnen können und es begann das Drama der Diagonale II.

Zunächst erwischte es Dave - der Angriff verflachte und er stand zunächst etwas unangenehmer im Endspielbeginn, reparierte das schnell, aber zum einen nicht sein Spieltyp, zum anderen stand der Rest ja gut, dann kann man den halben mitnehmen - 2,5:0,5.

Zweiter war Marcel. Obwohl ich immer noch denke, dass er lange besser stand, war es hochtaktisch - und dann übersieht man mal einen Zwischenzug. Ausrücklich kein Vorwurf, aber eine ärgerliche Null (nein, ich meine nicht Marcel, obwohl der auch ärgerlich war, sondern das Resultat).

Und um die vorderen Bretter leerzubekommen entschied ich mich dann, mein Endspiel zu sicher zu spielen - Reihen halten statt abtauschen und viel zu langsame Eindringmotive zuzulassen. Dann gewann ich einen zweiten Bauern - hatte aber zwei zum Nehmen zur Auswahl, und statt der sicheren 1 durch Txc4 nahm ich mit Kxe5 den falschen und musste auf einmal aufpassen, nicht in Dauerschachs zu geraten. Kaum befreit opferte Maximilian einen dritten Bauern - und auf einmal musste ich aufpassen, nicht mattzugehen, es gab plötzlich ein überraschendes Motiv. Also doch Dauerschach - 3:2.

Dann war Laugi an der Reihe. Zunächst hatte er den entfernten Mehrbauern am Damenflügel noch wunderbar umgesetzt und marschierte auf die Grundreihe zu, Figurengewinn war möglich - da plötzlich kam ein langer Läuferschritt - der Bischof opferte sich für einen Bauerndurchbruch und urplötzlich hatte Blankenese eine Dame mehr. Beziehungsweise nicht, denn das ließ sich Rainer nicht mehr zeigen. 3:3.

Wie Jens seine Mehrqualität nicht verwertete - ich habe es wegen Analysen nicht en Detail mitbekommen. Aber als Mannschaftsspieler gab er alles für eine geschlossene Mannschaftsleistung. Somit 3,5:3,5. Wenigstens behielt Leonardo sein Remis - in einer Partie, die die Remisbreite so wenig verließ, wie ich es auch schon lange nicht mehr gesehen habe.

4:4 also, erster Punkt gegen den Abstieg, mit dem wir eigentlich nichts zu tun haben wollten. Aber das waren schon anderthalb blaue Augen - diesen Kampf nicht zu gewinnen ist schon ein Kunststück, das uns so in der Form nicht zwei Mal gelingen dürfte. Mit dem 2:0 und "alles unter Kontrolle" hatte es etwas vom 4:4 Deutschlands gegen Schweden im Fußball - und nach zwei Drittel der Spielzeit hörten wir einfach auf, da zu sein...

[Marten]

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