Tief im Süden

... wo die Sonne mal scheint, ist es besser, viel besser a-hals man meint. Okay, die Sonne schien nicht mehr (19 Uhr im Märzuar - aber tagsüber war Sonne) und die Tabellensituation sah auch nicht rosig aus - das Südderby Marmstorf III-Diagonale II war auch das absolute Südderby der Tabelle, 10. gegen 9. Aber eines stand fest: nach Beendigung unserer weiten Auswärtsfahrt würde eines der beiden Teams die Abstiegsränge verlassen oder auch nicht. Die Marmstorfer haben tatsächlich einen akuten Brettpunktemangel, aber bislang konnten sie auch noch kein Mal vollzählig antreten.

Das, so viel gleich gesagt, sollte sich heute ändern. Sie kamen alle, Müller, Meyer, Schulze, Schmidt, Lehmann, Hofmann, Becker, von und zu Guttenberg, ach ne, das war die Liste der häufigsten Nachnamen in Deutschland. Beziehungsweise: sie waren schon da, wir kamen, ohne Landesligadave, aber mit Detlef, der den Schwung der dritten von gestern (7½) hoffentlich um sich herum trägt. Und damit hatten wir folgende Paarungen: Marten - jetzt wieder dank chirurgischen Eingriffs mit zugelegtem Zahn gegenüber der Landesliga am Sonntag - gegen Sebastian Müller (1799), Marcel gegen Lutz Meyer (1752, und nein, ich fange nicht schon wieder an), Rainerle gegen Uwe Grove (1678), Leonardo gegen Gerhard Dahle (1635), Michael gegen Stephan Barz (1621), Jens "The Finch" gegen Claus Jark (1597), Gerd gegen Kristin Rosenkranz (1391) und der schlaue Det gegen Susanne Peschke (1584). Marcel erinnerte sich und uns und die Marmstorfer, dass er schon einmal gegen dieselbe gespielt und sie am Schachbrett bezirzt hatte, lang, lang ist es her... Aber nicht ganz so lang, wie uns der einleitende Kommentar des Marmstorfmannschaftsführers Glauben machen wollte, ich denke, die meisten von uns waren schon mal hier. Ich habe schachlich einige Erinnerungen an die Hütte im idyllischen Dorfkern, der ja depperter Weise jetzt zerstört werden soll, da der Schützenhof nebenan (übrigens ehemaliger Spielort des SV Harburg) ja als Supermarkt neu geplant wird...

Aber zurück zum schachlichen. Für den Sachverstand war heute Holger Hebbinghaus zuständig, der sich das ganze ansah und - so viel vorweggeschickt - hoffentlich eine gute Verdauung hat, sonst wird das nämlich Magenkrämpfe geben. Die Gästetribüne wurde vom Armin belegt, der sich dachte, einmal durch den Stadtpark radeln, das geht.

Und dann ging es auch, und zwar los. Das erste auffällige war diesmal nicht, dass Rainer "Schach" sagte (das kam aber später auch noch), sondern dass Gerd und Kristin sich ein nettes 25 Jahre altes etwas beschädigtes Spielmaterial ausgesucht hatten, dass, wie sich später herausstellte, Jeronimo bereits vor einigen Jahren entsorgt wissen wollte. Der Beobachter konnte dabei die schwarze Dame und den schwarzen König kaum unterscheiden, die weißen Türme um so mehr, der eine war etwa doppelt so hoch wie der andere... Das zweite war, dass sich Susanne Peschke Hilfe ans Brett holte - warum der Mannschaftsführer gegen das Vorsagen ("Dada" und "Mama" waren bestimmt Codewörter) nicht einschritt, wird ein Rätsel bleiben... Was war sonst noch so passiert? Ich hatte an 1 eine Schablone aus dem Larsen auf dem Brett und spielte Züge aus einer Schablone aus dem Larsen. Leider gibt es selbst da verschiedene Schablonen, sodass ich fröhlich aus der Eröffnung mit gefühlt Minus 0,7 herauskam. Marcelinho spielte ein zunächst ganz akzeptables System, bis er sich einen schwachen Doppelbauern im Zentrum gönnte, Grund ein falsch berechneter Zwischenzug. Rainer gelangte auf Umwegen in einen sizilianischen Stellungstyp mit aber falscher Rochaderichtung, Leonardo arbeitet daran, der Niels Jørgen der Bezirksliga zu werden und stellt sich erst mal scheinpassiv geschlossen ohne besondere Merkmale und Ideen für den Nichteingeweihten auf, Jens hingegen hat eine angenehme Struktur, bei der der gegnerische a-Freibauer angreifbar ist. Michael hat in der Eröffnung einen Bauern geopfert und hatte gefühlt genau gar keine Kompensation, Gerd hatte einen Bauern geopfert und hatte gefühlt gar keine Kompensation und Detlef hatte.. ach, lest doch bei Gerd und Michael nach, was Detlef hatte.

Äh, Moment, Marmstorf hatte bislang 4,5 Brettpunkte zusammen, heute sah es aus, als würden sie das mehr als verdoppeln - das ist aber nicht der Plan. Eine ordentliche und zwei spielbare Stellungen und fünf Mal Gulpumpf. Zeit, die Ärmel hochzukrempeln und nachzudenken.

Nun begab es sich aber zu der Zeit, dass wir gar nicht mehr zum Nachdenken kommen sollten - das übernahmen die Marmstorfer für uns. An allen acht Brettern hatten wir teilweise sehr deutlichen (1h) Zeitvorteil entwickelt, und zumindest konnten, außer bei Gerd, die Gegner ihren Vorteil nicht ausbauen. Lediglich Detlef hatte nur eine Minute mehr als Susanne, aber dafür auf einmal auch einen Bauern mehr, hiphiphooray. Kristin lehnt ein Remisangebot von Gerd ab, steht mittlerweile auch richtig gut, Rainer lehnt ein Remisangebot von Uwe ab, nach Damentausch ist es auch klar er, der die Initiative hat, Marcel bekommt auch ein Remisangebot - von der Stellung her sofort annehmen, aber er hat ja wirklich die Zeit, sechzig Minuten abzuwarten, was so an den anderen Brettern passieren würde. Jens steht mittlerweile einfach angenehm aktiv, Michael weiter passiv, Leonardo weiter Niels Jørgen. Ich habe mich inzwischen befreien können und stehe deutlich angenehmer, zwar muss ich noch auf die Türme und Läufer achten, die meinen König belagern, aber schwarz hat direkte Schwächen, die ich belagern kann - und dann übersieht Sebastian, der wohl im Jetlag war, eine Gabel, die mir Turm und zwei Bauern bringt. 1:0 aus heiterem Him... 2:0 aus heiterem Himmel, denn auch Uwe ließ Rainer eine Springergabel ausführen. Und da Detlef durch Generalabtausch in ein Bauernendspiel mit entferntem Mehrbauern überleiten konnte, entschied sich Marcel völlig richtig, den Spatz in der Hand zu verzehren.

Leonardo gewann dann auch noch einen Bauern, sodass er weiter nielsjørgte, noch war der endgültige Durchbruch nicht klar, aber das musste gewinnbar sein. Gerd stand hoffnungslos, dann aber stellte Kristin halbzügig eine Figur ein, die Gerd mitnahm, sodass er nur noch sehr, sehr schlecht stand, Michael bekam seinen Bauern zurück, alles läuft für die Diagonale, Detlef verzieht sein Endspiel - aber zum Remis reicht das noch. Eine oberflächliche Analyse sagt "das war trivial einfach gewonnen", eine etwas eingehendere bleibt zwar beim "gewonnen", aber trivial einfach ist anders, tatsächlich reichen die weißen Tempi aus, um selber eine Dame zu bekommen oder nach zwei Schwarztempi für Tausch schnell zurückzukehren - Detlef hätte gewinnen können, aber man musste genau zählen. Naja, 3:1 und zwei gute Stellungen bei Leonardo und Jens müssten doch reichen? Wobei Jens noch nichts mehr hatte, aber nach ewigen Umgruppierungen einfach zeigen kann, dass ein gedeckter c-Freibauer eben immer eine Bedrohung ist, das muss er jetzt durchziehen, da es 4:1 steht, denn Michael hatte auf einmal viel aktivere Figuren und drohte Eindringen in die schwarze Restrochade mit Lc4 und De6 - und während ich ihn noch innerlich schalt, nicht mit Dh4+ schnell mattzusetzen, merke ich, dass sein Df4 genauso schnell mattet, nur anders.

Viel passiert nun nicht mehr, naja, einiges, aber Spannung kam nicht mehr auf - Jens kann einen Damentausch erzwingen, und danach beherrschen seine Läufer einfach das Feld und unterstützen den wanderlustigen c-Bauern, der aber wegen Gegneraufgabe keinen Schritt mehr machen darf, 5:1. Gerd spielte derweil auf Dauerschach, steckte die zurückgegebene Figur wieder ins Geschäft und meinte auch, sein Ziel erreicht zu haben (keine Ahnung, ob es eines gab), sah dann aber einen Phantomsieg und ließ den schwarzen König erfolgreich verstecken - "neben mir hinter mir vor mir über mir gilt nicht ich komme" sprach ein gegnerischer Bauer, und ohne Schachs, mit Figur weniger und einem unaufhaltbaren Freibauern stand es dann 5:2. Und Leonardo gewann einen zweiten Bauern, hatte zwischendurch sogar die sehr bequeme Situation, dass sein Läufer auf c4 gleich beide gegnerischen Springer (c1, c7) dominierte, musste sich aber auf einmal mit einem unerwarteten Opfer herumplagen, das ihn im Effekt aber nur einen Bauern kostete, dennoch hatte Weiß auf einmal einen gedeckten Freibauern auf d6. Ein Verzweiflungsopfer des Gegners schob den zwar noch einmal vor, aber nach dem Rückopfer war dann alles vorbei und Niels Jørgoardo tütete zum 6:2-Endstand ein.

In der Summe also endlich mal ein Sieg, aber der hätte auch anders ausgehen können. Dank der Qualität beider Seiten in beide Richtungen, also ein trotz der Höhe glücklicher Sieg, der hätte klarer sein sollen. Was uns auf einmal auf Platz 6 hüpfen lässt - aber machen wir uns nichts vor, wir hatten am Meisten Mannschaften aus der unteren Hälfte von allen Abstiegskandidaten, wenn wir jetzt nicht anfangen, nach oben zu punkten, spielen wir nächstes Jahr gegen die dritte in der Kreisliga. Da ist noch viel Arbeit. Wobei auch nicht ganz uninteressant ist, dass wir der ersten schon einmal vorsorglich gezeigt haben: Marmstorf ist zu schlagen. Und uns selbst gezeigt haben: Du kannst noch so grützig spielen, manchmal revanchiert sich der Gegner.

[Marten]

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