1. Runde Landesliga Bericht

Aller guten Dinge sind dry

Nun hat also die drytte Saison begonnen, die die Diagonale Sonntags früh raus muss. Kann das so weitergehen? Wir finden, ja, und haben deswegen gemäß unseres Vereinsmottos „Sumus grandissimi, sumus rabidissimi, capemus os plenissime omnum“ natürlich den Aufstieg in die Bundesliga als Saisonziel 2016/17 ausgegeben, befinden uns also in einer Übergangssaison, und da ist eine Mannschaft wie Weiße Dame natürlich ein willkommener Erstrundengegner. Es gab auch andere Stimmen, die was von „wichtige Punkte im möglichen Abstiegskampf“ murmelierten, aber die sind so lange in die Umkleide der Alten Forst eingesperrt, bis sie die Kolikenpolka auswendig singen können.

Letztlich lässt sich aber sagen: wenn die letztjährige Saison irgend einen Anhalt für den Verlauf dieser liefern soll, dann den, dass jeder jeden schlagen kann, und jeder Punkt, den man irgendwo abgreift, eben ein Punkt ist, der einem noch oben genau wie unten nutzen kann. Also ähnlich wie in der einzelnen Schachpartie gilt: erst einmal losspielen und schauen, was so rum kommt, taktische Überlegungen kommen dann, wenn man Strukturen erkennen kann.

Also spielten wir los, und zwar in guter alter Tradition mit einer kurzfristigen Veränderung, nach Daniels Absage am Freitag springte Haschem zu seinem Landesligadebüt ein, das traditionelle Dankeschön gebührt dieses Mal Dir alleine.

Und so wollten wir spielen, sieben Stunden lang (denn die Bedenkzeit wurde verlängert auf einen auf den Uhren nicht direkt einstellbaren Modus, ein Aspekt, der noch Folgen haben sollte, während für die anderen Regelneuigkeiten wie zum Beispiel beim Handyumgang sozialverträgliche Lösungsansätze aufgetan wurden):An Brett 1 Niels Jørgen gegen Aleksandar Trisic (DWZ: 2231, Elo: 2263), an 2 Peter René Mandelbaum (2154/2169) gegen Kuba, an 3 Matthias gegen Jan Ludwig (2083/2077), an 4 Lars Schiele (2077/2124) gegen Martin, an 5 Dave gegen Christian Purniel Umpierre (1933/1962), an 6 Alice Winnicki (1906/2036) gegen Andrei, an 7 Marten gegen Lennert Parnitzke (1789/1792) und an 8 Dustin Tennessee Opasiak (1681/-) gegen Haschem. Rein nach Ziffern waren wir also, speziell an den mittleren Brettern, minimal veraußenseitert. Anpfeifen tat Stanislaw Frackowiak, im letzten Jahr noch unser „Stammschiedsrichter“, dieses Jahr ist es eher die Ausnahme.

Und wie mit den Mannschaftskämpfen ist es mit den Partien, erst einmal losspielen und nach einem Stündel mal schauen, ob man Strukturen erkennen kann. Und ja, das konnte man. Zunächst einmal der Schein, dass das Vorbereitungsduell klar an die Diagonale ging, deutliche Zeitvorteile quer über alle Bretter ausgangs der Eröffnung. Doch der Schein bottich, äh, trog. Im Einzelnen:

Niels Jørgen stand wie in den letzten 317 Berichten schon ruhig und solide und drohte einfach langsam den Gegner umzukippen – wobei man hier berücksichtigen muss, dass Aleksandar in seiner Karriere auch schon 5 oder 7 Züge gespielt haben soll, die den jeweiligen Gegnern Schwierigkeiten machten. Im Moment aber schien es mir etwa einen Anzugsvorteil angenehmer für weiß. Christoph an 2 hatte frühzeitig einen Bauern zur Jobagentur geschickt, belagerte jetzt aber mit seinen Schwerfiguren auf der halboffenen h-Linie die Mandelbaumsche kurze Rochade. Matthias konnte noch in seiner Vorbereitung sein, so genau hatte ich die nicht aufgesogen, die Strukturen waren zwar das, was Dr. Laugwitz immer als „Triumph des Blockadegedankens“ bezeichnet. Aber wenn hier einer entblockt, dann doch der Herr Wasmuth.

Martin an 4 hatte hingegen zwar zunächst seine vorbereitete Variante im Köcher. Hier wurden wir aber gnadenlos auspräpariert, Lars Schiele wich zuerst ab und wusste, was er tun sollte, während Martin das noch herauszufinden hatte. Daves Vorbereitung für diese Runde war ebenfalls für die Tüte, aber was soll’s, nimmt er halt die aus Runde 9 der Vorsaison, und die gewann er ja damals hochsouverän. Andrei stand in einer in etwa vorbereiteten Struktur, aber nicht genau getroffen, entwickelte aber Spielgedanken, das sah gut aus. Bei mir konnten wir zumindest nicht auspräpariert werden, denn ich habe tatsächlich zum ersten Mal in einem Seniorenmannschaftskampf nicht mit 1. b3 aufgeschlagen – war aber nach 3 Zügen dennoch raus, was aber insofern nicht verwundert, als meine Eröffnungsdatenbank die Stellung auch mit Null Vorgängerpartien hat. Aber selber denken am Sonntag Morgen. Und an Brett 8 ging derweil die Post ab – Haschem musste sich in einer hochtaktischen Stellung eines vehementen gegnerischen Angriffs auf seinen im Zentrum hängengebliebenen König erwehren, dafür hatte Dustin aber auch eine Figur ins Geschäft gesteckt, und da Haschem nach 10 Zügen schon 2 Minuten Bedenkzeit verbraucht hatte, hatte er wohl auch die wesentlichen Varianten alle durchkalkuliert. Der Gewinner des Gesamteröffnungsduells war also unklar, aber ich fand unsere Stellungen in der Summe ästhetischer.

Und genau deswegen sollte er als erster fertig werden – Weiß steckte noch eine Qualle hinterher, ließ ein Dauerschachmotiv abblocken und dann war es ein Mehrturm. Nach für uns ungewohnt frühen zwei Stunden war schon eine Partie beendet und wir führten 1:0. Allerdings hatte sich inzwischen auch einiges getan. Nicht an Brett 1 (sicherlich passierte da vieles interessantes für Leute, die vom Schach eine Ahnung haben, aber ich schreibe hier aus der Ich-Perspektive), aber ansonsten: Christophs Angriff schien zu versanden, er vermutete später in dieser Phase zu viele logische Züge statt guter Züge gespielt zu haben, wäre noch zu eruieren. Bei Andrei und Alice wogte es hin und her mit gegenseitigen Motiven und es entwickelte sich eine Winnickianische Mehrqualität, die es mit Cotaruesken Mehrbauern aufnehmen wollte. Daves Vorteil versandete ebenfalls etwas, wohingegen ich langsam einen herausarbeiten konnte und mit Raum- und Bauernstrukturvorteilen (h-Doppel-Isolani bei Lennert) einen gewissen Wohlfühlfaktor zu erkennen meinte. Lediglich Matthias spielte vor sich hin. Ach ja, und Martin spielte bergauf, die gegnerische Vorbereitung war stichhaltiger, und Lars wollte partout den kleinen Vorteil noch behalten, gar ausbauen.

Und Lars Schiele wollte nicht nur, er konnte auch. So versuchte Martin irgendwann einen Trick, der klappte nicht, und dann wurde der Ausgleich zum 1:1 quittiert. Wo wir gerade mit Quitten im Bereich der Zitrusfrüchte angelangt sind: auch Andrei machte inzwischen ein leicht säuerliches Gesicht zur Stellung. Zum einen, weil er in Bio besser ist als ich und weiß, dass die Quitte mit Zitrusgewächsen mal gar nichts zu tun hat, zum anderen, weil er eine einbruchssichere Festung aufgab, um einem Bauerngewinnphantom nachzujagen, das leicht gekontert werden konnte, da Andrei einen „Knick in der Optik“ (Zitat Andrei) hatte und einen Läufer gedanklich ein Feld kontrollieren ließ, das eine ganz andere Farbe hatte. Materiell nach Eiskugeln war das zwar alles noch okay, aber auf einmal kamen verbundene Freibauern für Alice ins Rollen.

Ins Stottern statt ins Rollen kamen aber zu dieser Zeit einige Uhren – bei manchen war fälschlich eingestellt, dass sie nach 30 Zügen umstellen sollen statt nach 40 (wohl eine Fehleingabe von den 30 Bonussekunden), manche wiederum fanden mehr Zeit doof, und so herrschte an einigen Brettern ein leichtes Chaos beim Neueinstellen, was insbesondere Niels Jørgen komplett aus dem Konzept warf, sodass er statt eine gute Stellung durchzuziehen auf einmal ums Remis kämpfen musste.

Es war also mal wieder Zeit für gute Nachrichten, und das will ich dann mal selber übernehmen: nachdem ich langsam aber sicher das Feld komplett zu beherrschen begann (und unsere Uhr neu eingestellt worden ist), war es nur noch die Frage nach dem Ausschalter. Ich entschied mich für eine taktische Variante: erst ein Springeropfer um das Zentrum aufzureißen, dann ein Turmopfer um die schwarze Dame von der Verteidigung abzulenken, mit Drohungen gab es das dann alles plus Zinsen zurück, und nicht nur dürfte DLBBBBBB gegen TTLBB eh schon gut sein, ein Turm spielte von schwarz obendrein nicht mit, ich hatte Mattdrohungen, wegen eines einsam herumstehenden f-Bauern hatte Lennert keine Pattdrohungen – 2:1 für uns.

Und wie in der Deutscherörterung in Klasse 6 immer auf ein „Pro“-Argument ein „Kontra“-Argument folgen soll, so folgt auch hier auf die gute Nachricht eine schlechte: Dave hatte, aus mir nicht ganz klaren Gründen, einen Turm weniger. Letztes Jahr hatte er an gleicher Stelle einen Turm mehr und das erwies sich als ein zu großer Vorteil für Gegenwehr in der Landesliga, und so war es auch dieses Mal, nur eben zu unserem Leidwesen gegen uns. 2:2.

Schauen wir uns zur Kampfhalbzeit mal die verbliebenen vier Bretter an.
Niels Jørgen an 1 würde wohl auf Remis hinauslaufen – und tat das auch spontan. An 3 hatte Matthias inzwischen Mehrbauern, aber im Endspiel mit den ungleichfarbigen Läufern ist das so einfach nicht. Allerdings konnte auch sein König aktiv angreifen, der gegnerische nicht, da gab es diverseste vielversprechende Gewinnideen. An 6 stand Andrei wie bei meinem letzten Bericht: schlecht. Wie Alice an der Umwandlung eines Bauern zu hindern sein sollte, war dem Beobachter verborgen. Hochgerechnet sahen sich also im Moment 3,5 Weiße Damen 3,5 Schrägen gegenüber. Und dann ist da noch Christophs Partie. Er hatte inzwischen nicht nur seinen Bauern zurückgewonnen, sondern sogar noch einen extra draufgeholt – auch wenn es ihm wohl lieber gewesen wäre, der Mattangriff, den er zwischendurch sah, wäre irgendwie echter gewesen.
Alles in allem nicht zuletzt dank der gurkigen Struktur der Bauern eher remislich, aber wie wir aus dem letzten Jahr wissen, spielt Christoph nie Remis, eher lässt er die Zeit ablaufen.

Und das war dann auch die Frage, nachdem sich aus dem hochgerechneten 3,5:3,5 ein reales ergab. Würde Christoph gewinnen? Würde er einen Verlustweg finden? Würde er über seinen Schatten springen und den Punkt in der Mitte durchschneiden? Nun, die Antwort war letzteres – zu gewinnen gab es nicht mehr und so wurde nicht nur die Partie, sondern der gesamte Kampf remis.

Und dieses Remis, es war dem gezeigten Schach durchaus angemessen. Die Punkte kamen zwar mal wieder nicht komplett aus den erwarteten Ecken, aber die Minuspunkte eben auch nicht. Wir müssen jetzt damit leben, und können es auch, auch wenn der Auftakt natürlich schlechter war, als letztes Jahr an gleicher Stelle. Aber danach zeigten wir, dass wir auch Verbesserungen zum Vorjahr zeigen können. Statt einer 90-minütigen Tour „Als ich hier noch studiert habe, war da mal was, lass mal schauen“ bis zum Essen, zückte Dave eine Smartphoneapp, fand ein geeignetes Etablissement direkt um die Ecke, und keine 15 Minuten später hielten wir Karten in der Hand. Ob man Smartphones auch zur Verbesserung des Schachspiels einsetzen kann? Wir werden da nachforschen.

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