Es war das Ende eines lauen Sommerabends in der westhamburgischen

Speckgürtelregion. Die letzten verbliebenen Gastspieler des soeben

beendeten Mannschaftskampfes West-Süd saßen bei einem Bier, und

wunderten sich, wie man in doch an sich gewonnener Stellung einfach

mal einen Großklotz stehen lassen konnte. Allgemeines Kopfschütteln,

und nur noch Mannschaftsführer Martin konnte den Appetit für die

obligatorische Pizza aufbringen.

 

Drehen wir die Uhr zurück, 18:30. Eine hoffnungsvolle ersatzgestärkte

Truppe diagonaler Vögel ist auf dem Weg nach Wedel. Leider alles etwas

chaotisch: Andrei überschätzte die Fähigkeiten der Deutschen Bahn

(Zweigstelle HVV) etwas, Marten musste spontan den Klapperpolo

aktivieren und erst mal tanken, sowie dank Beifahrer Martin den

Reifendruck nachregulieren, Matthias kam auch eher spät, begegnete den

beiden Brettern nach ihm auf der Strecke, und wären keine

Schweigegelder geflossen, so würde hier jetzt ein

führerscheingefährdendes Fahrmanöver erwähnt werden. Alles in allem

waren um 19:00 erst vier Recken vor Ort. Da jedoch drei weitere schon

nach 5 Minuten kamen, und Andrei, der das Spiellokal ca. 30-40 Minuten

später erreichte, ja eh mehr für sein Blitzschach und seinen geringen

Zeitverbrauch bekannt ist, alles kein Grund zur Sorge.

 

Als erstes beendete Jens Finkhäußer seine Partie (gegen Bernd Brade -

1737). Martin durfte begeistert ein 0:1 eintragen (wir sind ja

Gastmannschaft, das ist für uns also schön), wurde dann aber

aufgeklärt, dass der Gegner gar nicht da gewesen sei, und man dann

üblicherweise -:+ schriebe.

 

Knapp als zweiter fertig wurde Marten Holßt, also ich. Ich spielte

gegen meinen alten Konkurrenten Jürgen Nikodem (1929), bestimmt die

zehnte Partie in den letzten 15 Jahren. Dereinst stellte ich gegen ihn

ja auch den Rekord auf, den ich jetzt in der letzten Runde eingestellt

hatte. Diesmal zeigte sich jedoch früh, dass die 8, auch die 10 Züge

übersprungen würden, und nach 62 Minuten war fast alles interessante

an Material abgetauscht. Typisches Sommerschach, in dem es um nichts

mehr geht. Angesichts meiner bisherigen Partien kann man bei diesem

Remis wohl von "bester Saisonleistung" reden, und es stand 1½:½ für

die Gäste.

 

Nun passierte erst mal nicht viel. Matthias Waßmuth an 1 (gegen Victor

Lemzin, 1986) musste für seinen urlaubsbedingt fehlenden Vater in die

Bresche springen. Aus dem Trompowski gelang ihm eine Überleitung in

ein Blackmar-Diemer mit Extratempo, der Was-, äh, Waßmuthsche

Wenigerbauer war also gesichert, und tatsächlich musste sein Gegner

angesichts der voll entwickelten weißen Klötzchen ziemlich viel

grübeln, um nicht komplett überrollt zu werden. Andererseits - ein

Bauer ist ein Bauer und wird von einigen modernen Schachprogrammen

schon mit bis zu 1,0 Bauerneinheiten bewertet.

 

Michael Feßkes Gegner (Wolfgang Schmeichel, 1692) verbrauchte relativ

gesehen noch mehr Zeit als Matthias', die Stellung war jedoch

verhältnismäßig unauffällig. Martin Becker, der in diesem Bericht

gerne "Beßer" genannt worden wäre, spielte gegen Ulrich Timm (1877)

eine Sizilianischvariante mit überdurchschnittlich vielen Damenzügen,

die später in der Analyse einiges an Schärfe offenbarte, für mich zu

diesem Zeitpunkt eher schwierig zu spielen schien. David Hernandeß

(gegen Normert Reimann - 1868, aber längere Praxispause) hatte eine

merkwürdig unverschachtelte Stellung auf dem Brett, die für schwarz

sehr schön, aber nicht ungefährlich aussah. Rainer Laugwitß stand

gewaltig unter Druck, da Patrick Keane (1725) einen unangenehmen

e5-Vorpostenbauern ertauschte, den schwarzen Springer auf e8 zwang und

nun am Königsflügel auffuhr. Andrei ßotaru hatte gegen Wedels

Mannschaftsführer Jan Bartels (1735) nach Reduzierung sämtlicher

Schwerfiguren im Leichtfigurenendspiel die klar passivere Stellung und

einen Bauern weniger, konnte als Kompensation jedoch auf einen

Mehrspringer hoffen.

 

Zunächst geschah das unvermeidliche: Zu Rainers positionellen

Problemen gesellte sich der sehr zügige Abmarsch von Material, sodass

er irgendwann die Uhr anhalten musste, 1½:1½. Er ging dann zusammen

mit Finki, der zwischendurch noch einen im Gemeindehaus wohnenden

St.Pauli-Kollegen besucht hatte, schon mal gen S-Bahn, ich ging gen

Innenstadt, mir einen Döner zu besorgen. Man hat seine Figur ja nicht

von ungefähr.

 

Als ich wiederkehrte (Aytac Kebab, 3,50 Euro, relativ langweilig im

Geschmack) hatte Andrei sich an 5 Feld für Feld vorgeschoben und stand

inzwischen deutlich aktiver, außerdem begann er mit dem Abtausch der

Leichtfiguren. Matthias an 1 hatte zwar haufenweise Potenzial und

schwarz kam immer noch nicht zum entwickeln, aber langsam gingen die

Ideen aus, konkretes für den Bauern kam nicht heran. Martin hatte

inzwischen in einer etwas wilderen Aktion zwei Figuren für Turm und 3

Bauern erhalten, wobei ein Bauer zwingend zurück kommen musste, aber

der gegnerische entfernte a-b-Doppelfreibauer wirkte für die

Betrachter unangenehm. Dave besaß eine Mehrqualle, aber die Stellung

war, im Gegensatz zu meinem Döner eben, mit Alles mit Scharf. Bei

Michael war immer noch nichts wesentliches passiert - er stand

vielleicht etwas aktiver - aber sein Gegner war inzwischen bei 1:53h

für 19 gespielte Züge.

 

Nicht ganz unerwartet führte das dann auch relativ kurze Zeit später

zu einem Sieg Michaels, als er die Stellung verkomplizierte und mit

Turm auf 7.Reihe und marschierendem Bauern zu nerven begann, gab sein

Gegner wegen Restzeitmangels auf, 2½:1½ für die Helden.

 

Andrei zeigte inzwischen ein paar Ideen, wie man ein Endspiel mit

Mehrfigur nicht gewinnt (zum Beispiel in dem man seinen König in der

Ecke lässt und damit das Mehrmaterial nicht demonstriert), obendrein

gab es unter Figurenopfer (und gegnerischer Mithilfe, die wohl nicht

gekommen wäre) ein schönes Mattmotiv mit einer Leichtfigur mitten auf

dem Brett (w: Ba4, b2, c3, Ke2, Le8, 3*B; s: Bc5, Kc4, S, 5*B; Lf7#).

Irgendwann schlussendlich wallte er dann aus Versehen doch noch in

Kommung, und der Punkt wanderte an die Gäste, 3½:1½.

 

Dave hatte inzwischen bei einem ziemlich gut gefüllten Brett den

Gegner provoziert, Wedel hatte eine Freibauernphalanx aus drei

Landwirten auf und 5. und 6.Reihe, Harburg dafür seine Dame nach f2

und einen eigenen Bauern nach e2 geschummelt (wKh1), und konnte nun

mit ein paar Trickmotiven sämtliche weißen Drohungen entschärfen, um

dann noch den Bauerndurchmarsch zu erzwingen, 4½:1½.

 

Martins Gegner hatte inzwischen einen Bauern für vermeintliche zwei

Tempi gegeben, durch einen Überseher den abseitsgestellten Springer

jedoch a tempo und mit weiterem Bauernrückgewinn reaktiviert bekommen

- nun also TLSBBB-TTBBBB. Zwar waren Martins Figuren vorübergehend an

die gegenseitige Deckung und Fesselung gebunden, aber die

Rettungskraft K war unterwegs, eine Auflösung der Stellung in -

wahrscheinlich - Wohlgefallen unabwendbar. Aber egal wer besser stand,

es war noch ein langer Weg, und angesichts des vorbeien

Mannschaftskampfes schüttelte man erst die Köpfe, dann die Hände, und

schon stand es 5:2.

 

Matthias' Gegner hatte inzwischen ein kleines Motiv übersehen, gerade

als eigentlich nicht mehr viel vorwärts ging, Matthias konnte in die

schwarze Königsstellung opfern, gewann so den Bauern zurück ohne dabei

die Initiative abzugeben. Sein Gegner war inzwischen auch bei 4

Restminuten für noch 19 Züge, allerdings ließ Matthias auf der Suche

nach dem endgültigen Sargnagel seinen Zeitvorteil auch entgleiten,

sodass sich irgendwann ein reines Geblitze ergab, in dem Matthias

allerdings klar Oberwasser hatte, bis er dann die oben im ersten

Absatz erwähnte Dame halbzügig stehen ließ. Ein klassischer Dave eben. Sg8xDh6 war schon ein Hammerzug für schwarz. Allerdings sahen beide das Motiv nicht, die Dame zog aus anderen Gründen ab, und so gewann Matthias schließlich eine Figur und einen Turm für nichts und der Gegner gab auf. 6:2.

 

Alles in allem ein glücklicher, aber verdienter Sieg, der sicherlich

um ein, zwei Tore zu hoch... blubberdiblubb. Für uns ist damit jetzt

jedenfalls nach dem verpatzten Aufstieg bei nun 9:7 Mannschaftspunkten

auch rechnerisch die Kreisliga unerreichbar geworden, Wedel (jetzt

7:9) muss noch zittern, aber es müsste schon einiges schief gehen,

damit sie absteigen könnten, und so denke ich, können wir uns auf eine

Neuauflage des ewig jungen Duells in angenehmer Athmosphäre im

nächsten Jahr freuen.

 

Wo steht das Phrasenschwein?