Runde 5 gegen Wedel, wie eigentlich immer (wobei - einmal haben sie eine
Saison Stadtliga gespielt). Klar ist, dass wir wie immer 4:4 spielen
werden, klar ist, dass ich wie immer gegen Nikodem spielen muss, auch
wenn er diese Saison ein Brett tiefer gemeldet war, klar ist auch, dass
es ein netter kollegialer Kampf mit viel Spaß werden wird. Bleiben
eigentlich nur die Fragen: wer macht die Punkte, und gibt es richtig
schöne Partien.


Und, wie nicht anders zu erwarten, Wedel tritt mit zwei Lücken an,
Kollege Nikodem rückt daher an mein Brett vier auf. Nur... Matthias
hatte Geburtstag. Und seine Familie wollte was von ihm. Gerüchte
sprachen von "Kulturveranstaltung" - das ist traurig. Aber vor allem
spiele ich auf einmal an Brett 3, nicht gegen Nikodem... komisch. Außer
Matthias fehlte noch Jens, der auf Championsleaguepfaden in Katalanien
katalierte, dafür trat erstmalig Michael an, der seiner Frau den
Elternabend abschwatzen konnte, sowie letztmalig Rainer Laugwitz in
seinem dritten Einsatz für uns.


Nun, die interessanten Partien: die ersten Kandidaten nach einigen
Minuten waren zum einen Martin, dessen Gegner als weißer ein
Springerpaar auf c6 und a7 parkte, dessen Rückweg aber unklar war - er
fühlte sich aber ganz wonnig in der Position. Dafür stand Martin etwas
beengt - die Kollegen nahmen doch ein paar Felder. Zum anderen Andrei,
dessen erste Züge mich wirklich noch mal interessieren würden, seine
Stellung war das totale Chaos: Schwarz hatte im Prinzip nur den e-Bauern
und beide Springer bewegt (und einen Läufer abgetauscht), Andrei stand
dafür sehr raumgreifend, aber auch sehr offen. Den Angrifsideen der
halboffenen f-Linie und dem Entwicklungsvorsprung stand die Gewissheit
gegenüber, ein Endspiel mit dieser Struktur nie anstreben zu dürfen.
David geriet als weißer in einen schnellen Tausch, schien aber einen
Hauch aktiver und der Gegner hatte einen angreifbaren isoloierten
Zentrumsbauern. Ich war mit einer mir völlig unbekannten Eröffnung
konfrontiert (1.e4 e5, 2.Sf3 Sc6, 3.c3), fand jedoch eine Serie von
offenkundig völlig korrekten "Computerzügen", wie mein Gegner sagte, und
er hatte irgendwann einen angreifbaren isolierten Zentrumsbauern.
Andreas an 5 hatte Läufer gegen Springer, stand aber etwas beengter, der
Kampf um die Kontrolle der offenen c-Linie entbrannte. Michael an 6
verpasste seinem Gegner frühzeitig zwei Doppelbauern, einen davon
isoliert im Zentrum (aber nicht auf halboffener Linie), sowie ein paar
Bonusfelderschwächen und stand klar schöner. Gerd an 7 stand solide ohne
Aufregung, gestand aber ein, sich in solchen Stellungen nicht wohl zu
fühlen - Feuer unterm Hintern und einen Wenigerbauern hätte er lieber
gehabt. Rainer an Brett 8 sah sich zwar einer bedrohlichen Bauernwalze
gegen seine lange Rochade gegenüber, die aber letztlich nicht wirklich
vorankommen konnte, und platzierte seine Figuren auf zwar unnatürlich
passiv wirkenden en, aber sehr schönen Feldern, sodass Schwarz trotz
Raumvorteils überdehnt und unharmonisch wirkte.


Das erste Ende fand die Partie an Brett 5. Niemand sollte die c-Linie
bekommen, so ohne Schwerfiguren, und niemand sollte daher den ganzen
Punkt bekommen. Gerd an 7 stand inzwischen leider sehr beengt, und der
Angriff des Weißen wirkte zwar nicht durchschlagend, aber wie um Himmels
Willen sollten die schwarzen Klötze sich jemals vernünftig aufstellen.
Michael verzichtete leider darauf, einen feldschwachen Bauern einzügig
und a Tempo zu amputieren, und verlegte sich mehr auf den Austausch
seiner Figuren. Martins Gegner nutzte seine Nervspringer, statt sie
gefälligst einzustellen, zum Erwerb von Mehrqualität und -bauern, und
Martins Einschätzung seiner Chancen wurde pessimistischer. Ich entkam
inzwischen dem Druck auf meine Königsstellung und es drohte entweder
totale Verschärfung mit wirrem Materialverhältnissen oder
Generalabtausch mit etwas besserem Endspiel (oder überzeugender Angriff
mit Läuferpaar gegen die weiße Rochade, aber das wollte mein Gegner
offenbar nicht, er spielte das anders). Rainer an 8 verlor langsam etwas
die Souveränität, die er in der Frühphase der Partie hatte, und langsam
kamen die schwarzen Figuren mehr in Wallung.


Die zweite beendete Partie war dann an Brett 7. In gefühlt
ekelerregender Stellung ohne direkt messbare Nachteile bekam Gerd ein
Remisgebot, das er um 20:52 Uhr als Anlass zum Händeschüttel nahm. Nur
weniger Minuten später schüttelte auch Martin die Hand seines
Opponenten, der Anlass war aber ein weniger schöner. 1-2 zwar nun
nominell, aber alles im gewohnten 4:4-Rahmen. Dave stand leicht aktiver,
hatte aber viel tauschen müssen, und Leichtfigurenendspiele hat er lange
keine GM-Lehrgänge mehr besucht, schwer zu gewinnen. Ich hatte einen
Gegner, dem die scharfe Variante nicht geheuer war (das war so ziemlich
die Stelle, an der Fritz dann an meines Gegners Position anders, aber
nach eigener Einschätzung auf Dauer nicht zwingend besser, agiert
hätte), der daher generalabtauschte und ein leicht besseres aber schwer
zu gewinnendes Endspiel übrigließ - mit potenziellen Problemen, falls
ich nicht genug Druck gegen den Isolani bekomme. Andrei stand durchaus
remiswürdig in dem Sinne, dass nicht klar war, welcher der beiden
Spieler nun besser stand. Ansonsten war Remis allerdings die denkbar
unwahrscheinlichste Variante, es sei denn, man einigte sich aus dem
sicheren Gefühl, dass beide damit einen halben Punkt mehr haben, als sie
der Stellung zutrauen. Im Übrigen hatte Andrei (wie auch Dave) die klar
bessere Zeit. Andrei war auch schon um 10 vor da, irgendetwas war heute
anders.


Michael hatte leider nach der vergebenen Chance auf den Mehrbauern etwas
den Faden verloren, die schwarze Bauernstruktur verbesserte sich
zusehends, eher ein schlechteres Endspiel, aber schwer zu verlieren.
Rainers Gegner hingegen bekam auf einmal die komplette Tauscheritis ohne
Not, was mittelfristig einen hoffentlich entscheidenden Mehrbauern für
Rainer in einem Ein-Springer-Endspiel bedeutete. Zwar waren nun 3,5 oder
4,5 Punkte wahrscheinlicher, aber die beendeten Spieler beider Seiten,
wozu inzwischen auch mein Gegner und ich gehörten, da ich wohl zu viel
Respekt vor einem Springereinbruch hatte und verfrüht Remis gab, waren
sich natürlich im Klaren darüber, dass irgend eine der Remispartien
(Rainer mal als gewonnen betrachtet) in die andere Richtung als
Cotaru-Nikodem kippen würde, auf dass der Traditionspflege gehuldigt
werde. Apropos Brett 4 - hier holte schwarz auf einmal eine taktische
Keule heraus, die sehr schwer zu behandeln schien, diverse Gabeln und
Opfer mit Gegenopfer und Tempozüge drohten. Folgerichtig sollte Andreis
nächster Zug über eine Stunde benötigen, aber wenn eine Stellung diese
Zeit braucht, dann diese. "Gut aussehen" war allerdings anders.


Eine Stunde passierte nichts besonderes: Rainer lockte seinen Gegner mit
König und Springer zu seinen verbundenen Freibauern, und gewann so Zeit
zum abräumen - König, Springer, Bauern auf g und h gegen nur K und S,
wobei der schwarze K auf der b-Linie war - die Stellung war klar
gewonnen zu sehen, Michaels Stellung war so schwer zu verlieren, wie man
dachte, Michael gab sich zwar redliche Mühe, aber der Gegner wollte
nicht, sodass es zum Remisschluss kam (zweizudrei) und Dave wurschtlte.
Rainers Gegner resignierte zunächst zunehmend, zog immer schneller, und
resignierte dann auch offiziell, der Ausgleichstreffer. Andrei fand zwar
noch ein paar Tricks, flog aber dann doch auseinander - 3:4. Blieb Dave
mit seinem Endspiel mit besserer Bauernstruktur und L gegen S, aber
inzwischen einem aktiv gewordenen Schwarzen, dem allerdings die Zeit
entfloh.


Nun ist es ja so: Wenn man 3:4 hinten liegt, und in einer stark
remislichen Partie muss die magische Keule herauskommen, die Idee, die
den schwarzen beschäftigt, und bei der er realistische Chancen hat zu
patzen, notfalls auch mit dem Risiko der Niederlage - wen will man da am
Brett sitzen haben? Richtig, Anand. Aber ich meinte jetzt schon aus
unserem Verein? Richtig, Dave. Und genau der saß da.


Nun ist es ja aber auch so: nicht nach vier Stunden und ganz bestimmt
nicht in einem Leichtfigurenendspiel, bei dem keiner der Anwesenden auch
nur den Hauch einer wirklich zündenden, und sei es nur fehlzündenden,
Idee für eine der beiden Seiten hat. Von daher war die Ansage: bis zur
Zeitkontrolle darf der schwarze noch Fehler machen, danach ist notfalls
auch Remis freigegeben. Aber nun wollte auf einmal schwarz nicht mehr -
Daves Versuch einer Stellungswiederholung wurde aus dem Wege gegangen,
es drohte dafür ein Restleichtfigurenabtausch mit dann gegenseitigem
Gedreiecke vor den Einbruchsfeldern. Da war es auf einmal Matt, mitten
auf dem Brett, mit nur zwei Leichtfiguren, dem König und ein paar Bauern
zum Feld bedrohen bzw. Feld nehmen. (w:Ke4, Bf3; S: Kd6, Sc5, Sd5, Be5,
Bg6) Leider, wie den Farben zu entnehmen ist, verlor der falsche
Spieler. Somit fuhren die traditionsfeindlichen Wedelaner unter
Verfluchungen der Heimmannschaft mit zwei Punkten heim, und die einzige
Tradition, die nicht zerbrach ist, dass es ein sehr netter
Mannschaftskampf in freundschaftlicher Athmosphäre war.


Mit numehr 3:7 Punkten muss der Blick nicht mehr nach unten schweifen,
wir sind mitten unten drin. Ab jetzt ist Punkten noch wichtiger. Abstieg
ist keine Option, wir wollen nicht nach Meppen!