Es begab sich aber zu der Zeit, dass die zweiten Herren des Schachklubs Union Eimsbüttel von 1871 e.V. auf die ersten Herren des Schachvereins Diagonale-Harburg von 1926 e.V. treffen sollten. Und dieses Aufeinandertreffen war das allererste - das allererste, das das Ex-Diagonale-jetzt-Union-Mitglied Stefan Wolff als Beteiligten sah - und geschah zu der Zeit, da der Wetterbericht heftiges Gewitter angekündigt hatte. So machte sich auf auch der Berichterstatter gen Hamburg-Haus.


Dort gab es gleich - neben der Parkplatzsuche - das erste Problem: der altbekannte Hintereingang war zu und hatte außen so gar keinen Knauf. Ein netter Unionist öffnete, als er uns sah, dennoch, 100m Fußweg rund um das Haus wären beinahe unzumutbar gewesen, ich bin auch nicht mehr der Jüngste.


Im Inneren angekommen wurden wir begrüßt unter anderem von Birte Zehner, die aber nicht mitspielen sollte - unser Glück, konnte sie doch bis auf Andrei noch jeden Diagonalen in den letzten Jahren um Verstand und Qualität becircen. Noch viel mehr begrüßt wurden wir aber von oben erwähntem Herrn W., der sich an Platz 6 begab mit seinen 1956. Auch sonst gab es einiges an 1900ern (insgesamt 5 Stück) und 1800ern im Aufgebot. Leider hatte Stefan wohl auch unsere Homepage gelesen (Falls Du dieses auch liest: *winkewinke*) und somit war unser Geheimplan, den noch verlustpunktfreien Staffelersten umzuhauen zumindest mal nicht mehr geheim. Schlechte Vorzeichen im Kampf gegen den Abstieg - zwar sind wir momentan 5., aber eben in der Punkteregion des Vorletzten, nicht des Dritten.


Der Kampf begann, und zwar zunächst unvollständig auf beiden Seiten, was sich bald ändern sollte. Wir traten in gewohnt starker Formation an, sieben aus der Stammformation (Feske schichtete Arbeit, Wasmuth senior genoss seine gute Saison im Urlaub) - mussten aber an einem hinteren Brett einen Nachwuchsspieler einsetzen, der noch mehr redet als Andreas C-R und ich zusammen. Und er sollte erfahren, was zuletzt Andreas K erfuhr - Eimsbüttel ist ein heißes Pflaster, gewissermaßen ein Rheumapflaster, für Ersatzspieler. Für Marcel einen Hauch zu heiß, schnell war c7 unter Beschuss und in kurzer Folge kippte Material um. Plompf. Plompf. Plompf.


Aber zugegeben, an den anderen Brettern war derweil auch gespielt worden. Matthias ließ zunächst seinen Königsflügel, der auch näher an der Tür und damit dem Außenraum saß, das schöne Wetter genießen (um vielleicht vorzugreifen, das Gewitter blieb aus), und bewegte sich mehr auf a-d. Dort aber mit Erfolg, Raumvorsprung und einem lecker Angriffspunkt in Form eines isolalierten schwarzen a-Bauern. Martin an 2 hatte bei gegenflügligem Bewegen eine eher ausgeglichene Stellung bei leichtem Zeitvorteil, bis durch f5 leider eine schlechtere Stellung bei deutlichem Zeitvorteil entstand - oder war es ein Opfer?


Dave an 3 gewann früh in der Eröffnung einen Bauern und stand aktiver, musste allerdings einen Laugwitz einstreuen (was immerhin einen Dave verhindert) - Martin hatte einen Ausweg daraus gesehen, aber letztlich schadete es ja nicht, gesunder Mehrbauer und jeder Zug sieht schön aus. Ich selber hatte an 4 in der Eröffnung (mein geliebtes Nimzoindisch in Larsen mit vertauschten Farben) d5 statt c5 eingestreut und sah mich plötzlich damit konfrontiert, lieber Bauern Bauern sein zu lassen, dafür den weißen Königsflügel zu f3, g3, Kf2 und letztlich sogar wieder Sg1 zu provozieren (verlor letztlich auch keinen Bauern). Im Gegenzug drückte er mir ein g6 bei kurzer Rochade auf, obwohl mein schwarzfeldriger Läufer bereits fehlte. In höherem Sinne standen also beide auf Verlust.


Andreis Gegner an opferte eine Figur und holte zum Ausgleich eine schöne Batterie an Figuren gegen seine lange Rochade, spätestens nachdem Da4 und Sb3 permanent Doppel- oder Abzugsschachs gegen den weißen Kc2 anboten, drohten die Kibitze in Tränen auszubrechen. Finki an 6 (gegen Stefan) und Andreas an 7 standen beide irgendwie nicht so richtig schön, ohne dass man es hätte spezifizieren können. Marcel spielte auch noch. Als Zwischenbilanz notierten wir gedanklich also: eine komplett verlorene, zwei eher verlorene, drei eher schlechtere und zwei schöne Stellungen. Es würde also wohl nicht so ein Desaster geben wie 1995 gegen Union III (½:7½), aber unsere guten Brettpunkte im Abstiegskampf drohten zu leiden.


Ganz speziell ein solches, als um zwanzig nach acht Dave die Uhren anhielt. Nein, verloren hatte er die Partie nicht. Nur durch Fesselmotive einen Bauern, wodurch ein Bauernendspiel mit vielleicht leicht aktiverer Position aber ohne rechte Durchbruchsmöglichkeit entstand. Als zweiter wurde Marcel fertig. Martin hatte inzwischen einiges weniger, sein Gegner aber in der Tat schon erhebliche Zeitprobleme (bei noch 1:21h Restzeit für Martin), letztlich, nachdem bereits eine Qualle fehlte, führte positionelles Pech (ein Springer deckte aufgrund Manöver anderer Gründe ein Fluchtfeld vorm Grundlinienmatt) dazu, dass Martin bei einem Gegenspielversuch noch eine Figur gab. Dass er die 40 Züge schafft, sollte der Gegner noch zeigen, aber er zeigte es, und mit Wenigerturm gab es für Martin nichts mehr zu holen. Zwanzig vor zehn, einhalb zu zweieinhalb.


Aber nicht nur das Gewitter draußen blieb aus, auch das an Andreis Brett. Offenbar hatten sich die Kibitze vom schönen Äußeren der schwarzen Stellung blenden lassen, ohne die inneren Werte zu beachten und Andrei stand nicht so schlecht wie wir dachten. Jedenfalls wurde die Stellung immer mehr zu einer Mehrfigur, letztlich sogar mit Freibauern auf e7. Allerdings stand Andrei noch beengt und musste keulen, aber bei (in dieser Saison üblicher) besserer Zeit musste das doch reichen. Mal kurz geschaut, Finki, Andreas und ich standen alle drei eher nicht grandios, aber in der Remisbreite, und Matthias hatte zwar noch nichts mehr, aber seine Stellung war sehr vertrauenswürdig. Auf einmal war statt der Kanterniederlage sogar die Möglichkeit eines ersten Punktverlustes für Union drin.


Als erstes machte Jens Remis. Sein Gegenspiel war zwar nicht überwältigend, band Stefans Kräfte aber, sodass der keinen Sieg mehr sah. Und Union wurde nervös. Ich hatte inzwischen eine in meinen Augen komplett uneinnehmbare Festung aufgebaut (nicht zuletzt aufgrund eines Bauerntauschignoriermotivs, das mein Gegner nicht gesehen hatte), hatte aber gar kein eigenes Spiel mehr. Mein Gegner wollte aber mein vorgeschlagenes Remis nicht annehmen aufgrund der Gesamtsituation. Dennoch wurde es die nächste beendete Partie, und wer die folgende Zugfolge sieht, wird das Ergebnis erahnen auch ohne die Stellung zu kennen (von Remisgebot bis Ende): Nielsen-Holst. 31. ... La6 (R?) 32.Ld1 De6 33.Db2 Kf6 34.Dd2 Kf7 35.Dc2 Kf6 36.Db1 Kf7 37.Lc2 Kg7 38.Dd1 Kf7 39.Dd2 Kg7 40.Dd1 Kf7 41.Db1 Kg7 42.Dc1 Kf7 43.Ld1. Ich musste also primär zählen, welche Stellung schon zwei Mal dran war. Immerhin hatte sich in dieser Partie jede Figur mindestens einmal bewegt.


20 weitere Minuten nutze Andrei um mit ständig wechselnden Fessel- und Überlastungsmotiven mehrere Bauern abzuholen und die schon die ganze Partie eher schwachen Türme seines Gegners noch unglücklicher zu positionieren, dann wollte schwarz nicht mehr. Und auch Andreas' Gegner drohte nach einigen Gewinnversuchen eher noch, die Partie zu verlieren, aber Andreas ließ sich nicht auf (wohl auch eher fragwürdige) Experimente ein und einigte sich. Es blieb Brett 1 und ein Stand von 3:4. Hier gab es zunächst angesichts der allgemeinen Anspannung zwei kleinere Streitigkeiten um Vorgehensweisen im Themenkomplex Zeitnot/Mitschreiben/Mitschreiben lassen, aber alle Beteiligten konnte ohne schwerere körperliche Blessuren selbsttätig am Ende des Abends nach Hause gehen.


Geistig beziehungsweise auf dem Brett hatte Matthias immer noch nichts direkt mehr, aber auf einmal seine Schwerfiguren in einer Batterie aufgestellt und konnte mit seinem Turm eindringen, Frage war nur, ob der Gegner ihn nach b6 oder b7 lassen würde (er konnte nur eines verhindern), und ob er dann noch 3 oder 4 Züge spielen würde. Es wurden b6 und 2 Züge.


Somit brachten wir dem Tabellenführer seinen ersten Punkt im Minus bei, und obwohl die Big Points gegen die Konkurrenz in den letzten Runden ja doppelt zählen und wichtiger sind, kann das nicht geschadet haben. Wir begossen das bei einem Bierchen im Schotthorst, die nicht nur etwas kompromissbereiter gegenüber späten Bestellungen waren und einiges, was "eigentlich nicht mehr ging" ermöglichten, als gewisse Vereine zur Pflege der Kneipenkultur in Wilstorf, sondern auch auf Andreis Antwort auf "hat es geschmeckt?" in Form von "nicht so sehr" interessiert nachfragten, wo das Problem war und dann ungefragt selbsttätig das Essen von der Rechnung strichen. Sehr löblich (das restliche Essen war nach Aussagen der Betroffenen wie der Service sehr gut). Somit ein erfreuliches Ende eines erfreulichen Abends. Und das hatte nur wenig damit zu tun, dass es nun doch nicht gewittert hatte.

[Marten]