Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Platini ausging, dass alle europäische Welt Fußball spielen solle, und diese Europameisterschaft war die allerdreizehnte. So begab sich auf auch Jogi Löw aus Högschdedisziplin auf nach Österreich, was auch immer man da will. Und wir als alte Sesselpupser wollten das nun auch sehen. So weit so fein.


Leider kam uns dabei was quer in Form unserer alten Schachfreunde von Schwarz-Weiß, die auf diesem Termin bestanden, obwohl nach eigenen Angaben die Aufstellung an einem anderen Donnerstag auch nicht besser gewesen wäre. Manch böser Mensch mag nun vermuten, dass auf unmotivierte Diagonalen gehofft wurde, und so ganz unberechtigt war das nicht. Nachdem MFMBs Anfrage und Bitte um Verschiebung abgekanzelt war, war die Frage "was tun nun?". Und der erste Gedanke war in der Tat, in der Kneipe um die Ecke entspannt public zu viewen um nach dem Fussispiel dann zum Schach rüberzuwandern. Wäre zwar nicht komplett rechtzeitig gewesen, aber gereicht für die Stunde hätte es locker. Notfalls hätte man auch in der Pause noch 2-3 Züge machen können. Dann fiel jemandem auf, dass es für SWH ja noch wirklich um den Klassenerhalt ging. Also mussten wir eh aus sportlichen Gründen noch mal ran, und dann natürlich auch in Bestbesetzung, Brett 1-9 waren komplett im Gebäude der Arbeiterwohlfahrt (auch wenn Gerd "auf 9" das Spiel noch zu Ende sah und nachkam - und uns berichtete, dass wir SWH letztlich dankbar sein mussten, diesen Grottenkick des 1:2 gegen die Kroaten verpasst zu haben).


Leider war Martin auf dem Weg von Lüneburg zum Spiellokal in Marmstorf aufgehalten worden, sodass es gleich doppelten Anlass für Schachfreund Decker gab, sich über uns aufzuregen, zum einen, dass nicht die Mannschaft komplett um Viertel vor angetreten war (seit wann gibt es die Regel, die eh nie so galt wie er dachte, eigentlich schon nicht mehr?), zum anderen, dass ich mein Handy anhatte, nachdem Martin mir die Aufstellung durchtelefonierte - VOR dem Spiellokal und VOR dem Spielstart. Zum Ausgleich erwähnte er dann auch nicht, dass Matthias' Gegner an Brett 1 nicht kommen würde, das durfte Rellstab etwas später ansagen. Nun denn, danach war der Kampf in einer für SWH-Dia nachgerade kuscheligen Athmosphäre, heute mal ohne Messerstechereien, dennoch ist es ärgerlich, dass diese Begegnung nicht in der Lage ist, zu einer normalen, gerne auch verstärkt lokalrivaligen Begegnung zu werden, weil einzelne Stressfaktoren immer wieder einen Anlass zum absichtlichen nerven finden. Vielleicht sollten wir mal mit Awo-Leiterin Jonasson ein Wort wechseln? Gegen die anderen sechs Teilnehmer gab es allerdings keine Einwände, zum Teil sogar großes Lob für die Stimmung in Partie und Analyse (Martin wollte seines zum Beispiel ausdrücklich aufgenommen wissen, dass ihm beides viel Spaß bereitete).


Zur Ausgangssituation: Wir waren die letzte Begegnung der Runde, aus irgendwelchen Gründen waren alle anderen Matches in der Woche zuvor abgeschlossen, sodass die Arithmetik am Ende einfach war: Eidelstedt war als Letzter abgestiegen, St.Pauli stand einen Punkt und einiges brettpunktige vor Schwarz-Weiß, bei Remis oder Diagonalensieg wären sie also vorletzte, bei einem eigenen Sieg wäre St.Pauli auf dem zweiten regulären Abstiegsplatz. Unser Ziel aus sportlichen Gesichtspunkten war also ein 4:4, mehr mussten wir für andere Teams nicht erreichen, wobei ein Sieg für wenigstens eine ausgeglichene Bilanz allerdings auch nicht unlecker gewesen wäre.


Nun gut, wir starteten also mit einem 1:0 durch ein +:- an Brett 1 (20:00h), allerdings war das nicht das bequeme Polster, das wir uns erhofft hatten, immerhin waren ja an sich sogar wir es, denen das Remis reichte. Allerdings wurde die Stunde ja auch zum Schachspielen genutzt, und das nicht von allen wirklich gleich effektiv. Weniger effektiv zum Beispiel Martin gegen Rellstab, Dave gegen Decker oder Andrei gegen Schmidt - hier war noch wenig konkretes passiert, ganz passabel spielbare Stellungen für alle sechs Beteiligten. Andreas stand eher einen Hauch schlechter, wenig passiert, aber die Bauernstruktur würde nicht mehr Germany's next Topmodel werden. Ich hatte als Schwarzer schnell bequemen Ausgleich im Freistilinder, zwar kam mein Gegner zu e4, allerdings ich auch zu e5 und sein Ld3 wurde zum Großbauern. Bleiben die Sorgenkinder Michael und Jens. Michael musste sich, nachdem sein Gegner den f6-Springer vom Brett nahm, eines Lxh7-Abzugsmotivs mit gleichzeitig T, S und D gen Königsflügel aufbauend erwehren, und hatte Minusbauern und eine Stellung, die für mindestens einen weiteren Minusbauern zählen konnte. Und Jens stand, äh, nun, wie sagt man es? Grottig. Ja, das war das Wort, das ich suchte. Zwei weiße Schwerfiguren auf der offenen E-Linie fesselten den Le7 an den unrochierten König, derweil Finkis Dame an ihrem Flügel weit vom Geschehen ausgesperrt werden konnte. Summarisch: nicht viel passiert, aber eher 3½:4½ als 8:0.


Einige Zeit lang war nun Ruhe. Jens ging bergab, zwar konnte er die unmittelbaren Probleme lösen, aber mit einem vom K eingesperrten h8-Turm und zwei gespuckten Figuren für einen weißen Turm waren genug mittelbare übrig. Michael konnte auch die unmittelbaren Probleme lösen, hatte aber einfach einen gesunden Wenigerbauern. Andreas bekam aktives Figurenspiel, das inzwischen den Strukturnachteil kompensiert haben dürfte, Martin einigte sich auf Remis gerade, als Rellstab einen - für beide - scharfen Zug einstreute (1½:½), ich entwickelte Angriffsdruck gegen die weiße Rochade und Andrei hatte ein Läuferpaar im Leichtfigurendoppelturmendspiel. Vielleicht konnte es doch noch reichen?


Doch nun brannte es auf einmal an Brett 3. In einer komplizierten Stellung mit beidseitigen Qualitätsgabelideen en Masse sowie einigem an Fesselungen und Pseudofesselungen kam Dave zwar mit Mehrmeertier (Qualle) raus, aber die Stellung war, gelinde gesagt, nicht ästhetisch, inklusive eines Königsflügels der aussah wie der Superschnäppchentisch bei Karstadt am ersten Sommerschlussverkaufsttag um 11 Uhr. Nun brauchten wir wirklich Hilfe durch einiges an Glück, wenn das noch was werden sollte.


Hilfe kam zunächst an Brett 7. Andreas' Gegner fesselte mit seiner Dame Andreas ihm seinen Turm an die Dame - aber nach Txf7+ war es auf einmal die schwarze Dame, die auch nicht gedeckt war. 2½:½ mit Fahrplan "Marten muss gewinnen, Andrei remis, dann können die anderen drei verlieren". Jens war der erste, der dem Fahrplan folgte - 2½:1½. Michael bekam jedoch auf einmal Gegenspiel, die halboffene h-Linie hatte auch ihr gutes, weiß musste auf Grundreihe und die Schwäche h3 achten und fing an, sich ein wenig zu verzetteln. Bis Michael einen Läufer einstellte... Andrei gab inzwischen das Läuferpaar auf, entwickelte aber nach Martins Ansicht Bauerngewinnideen. Das war so spannend, dass Michaels Gegner den Läufer dann netterweise doch nicht nahm, was Michaels Stellung in der Summe doch nicht so schlecht tat.


Nun passierte erst mal eine Weile nicht besonders viel, bis sich dann die Ereignisse überschlugen. Andreis Gegner machte einen Fingerfehler und musste wegen der Berührt-Geführt-Regel dann eine Qualität geben statt einen Bauern zu gewinnen und gab spontan auf. Einerseits schade und bedauerlich, dass die Partie so enden musste, andererseits ist ein regulärer Berührt-Geführt-Sieg gegen Schwarz-Weiß mehr als nur passend. Schade nur, dass es Schmidt war, der mit dem damaligen Kindertheater ja nichts zu tun hatte, andere wären passender gewesen. Sei dem wie dem wolle, 3½:1½. Ich hatte zwischenzeitlich ein Remisgebot meines Gegners abgelehnt, mit Mattangriffsideen und Bauernschlagideen und unknackbarer Herrschaft über die offene f-Linie, aber nun wäre ein Remis natürlich der 4.Punkt, den wir brauchten, also bot ich es einfach mal scherzhaft an. Dank einer Zugwiederholungsschaukel müsste mein Gegner schon einen Bauern für keinerlei Kompensation oder Angriffsabschwächung geben, wenn er das technische Remis vermeiden wollte, so mein Kalkül.


Mannschaftsführer Decker tat natürlich das, was Mannschaftsführer zu tun pflegen, wenn ein Remis den Abstieg bedeutet: er verbot es seinem Mitspieler. Er selbst stand inzwischen auch ganz ordentlich, Dave musste die Qualität zurückgeben und hatte nun einfach ein Endspiel mit Wenigerbauern, Doppelbauern, gegnerischen gedeckten Freibauern - und dann machte Decker gegen ihn selbst remis. 4:2 und unser Saisonziel erreicht. Mein Gegner durfte allerdings weiterhin nicht, sie wollten ja nicht verlieren. Michael am 8.Brett hatte allerdings inzwischen auch einfach nur noch einen gesunden Mehrbauern im Damenendspiel.


Langer Rede kurzes Ende: mein Gegner kam irgendwann noch unter Zeitdruck (<1 Minute pro Zug) und akzeptierte die Punkteteilung, Michaels Gegner spielte noch ein knappes Stündchen weiter ohne irgendwie vorwärts zu kommen und langsam drohte Michael noch einen Bauern abzuholen, bevor er uns mit einem Remis dann ins Schweinske entließ, wo wir noch einen hoben auf uns und auf die Elfmeter für Österreich in der 93.Minute.

Im Nachhinein war es allerdings egal, dass wir SWH in die siebte Liga schossen - zum einen wären sie eh abgestiegen auch bei 8:0, da sie einer der schlechteren Drittletzten gewesen wären, somit hat es St.Pauli auch nichts genutzt, dass wir gewonnen haben, zum anderen ist die zweite der Schwarzweißen, die nach der Wiedereingliederung der Freibauern nicht nur mehr Spieler (3 Teams) sondern auch wieder ein paar Starke Spieler mehr haben, aus der Kreisliga aufgestiegen, sodass wir nächstes Jahr wohl auf alte Bekannte treffen werden. Dann hoffentlich endlich mal ohne Nervbüdel.