Diagonale 1 gegen Schwarz Weiss Harburg 1

Unverhofft kommt oft


Das erste Schachspiel der "Zehner-Jahre" führte Schwarz-Weiß Harburg zu uns, und die bestellte Hundertschaft der Polizei konnte leider nicht zum Schutz kommen, da sie mit der Witterung genug zu tun hatte. Aber um gleich zur Überschrift zu kommen: es passierte nichts. Niemand hat sich angeschrien, keine Prügelei, keine konfiszierten Butterfly-Messer, ein ganz normaler Mannschaftskampf.


Uns fehlte Andreas, als Ersatz bekamen wir einen Rotnichtschopf namens Rainer, aber abgesehen davon waren wir komplett und guten Mutes, die ersten Punkte gegen den Klassenerhalt einsammeln zu können, obschon einige zum Ausklang der Nuller-Jahre ja nicht zwingend in Bestform waren. Und es ließ sich langsam an.


Am unerwartet langsamsten dabei bei Rainer an 8 - zwar bekam er den berühmten Preußen auf das Brett, und spielte seine Antifinki-Variante mit all ihren Schärfen, aber irgendwie schaffte es sein Gegner Hrvat (1614) die Partie so scharf schmecken zu lassen wie einen Unimensatofuklotz. Zwar stand Rainer einen Hauch angenehmer, aber es war nicht die erwünschte Stellung. Andrei mühte sich an 7 mit Szczepanski (1647), bekam aber keinen entscheidenden Durchbruch hin und bekam eine unverlierbare Stellung aufs Brett, die aber stark darum bat, überdehnt zu werden. Jens an 6 hatte gegen Thiele (1883) allerdings früh einen Rülpser abgegeben und musste nun verhindern, dass seine zunächst etwas aktivere Stellung Schritt für Schritt verapelt wurde. Ich durfte mich an Brett 6 gegen Welsch (1796) mit einem Stonewall im Anzug auseinandersetzen, was mich vor allem erst einmal Zeit kostete, wusste ich doch zunächst nicht, wie ich mich aufbauen wollte. Nachdem aber ein früher Bauernverlust von beiden Spielern übersehen wurde, bekam mein Gegner langsam Felderschwächen auf den hellen Feldern und ich konnte meine zunächst etwas gedrängte Stellung zunehmend aktiver gestalten. An 4 spielte Martin gegen Filipovic (1799) und bekam als Weißer eine zunehmend druckvollere Stellung, die nur noch nach dem entscheidenden Durchbruch schrie und virtuelles Mehrmaterial enthielt (ein von b5 und d5 gestützter Bauer auf c6 machte dem sLa8 das Leben zum Beispiel nicht sehr leicht). An Brett drei spielte Dave eine Nicht-wirklich-Dave-Partie in form eines strategischen Positionsverbesserungsringens gegen Schmidt (1865), an zwei durfte Florian gegen Steiner (1880) seine Sophomorensaison einläuten und tat dies sicherlich ganz anständig, während Matthias an eins gegen Decker (1839) den weißen Anzugsvorteil schnell ausglich und selber zunehmend aktiver stand, ohne dabei aber schon einen Mehrturm oder ähnliches zu generieren.


Das Toreschießen begann dann hinten: Rainer hatte keinerlei Restmehraktivität übrig und sah sich in einem Dödeldudeldrömelspiel, ein guter Grund, das zu lassen und zum ½-½ einzunetzen. Kurze Zeit später wurde Finki zunehmend zurückgedrängt und zurückergedrängter, der Gegner begann mit Opfermotiven subtil auf Jens' schwache Grundreihe hinzuweisen und da wollte der Lange nicht mehr und hielt die Uhr an. Auch bei Andrei war wohl nicht mehr viel zu holen, Friede in der Nachweihnachtszeit, und um halb zehn stand es 1-2 für die Gäste. Das war allerdings noch kein Grund zur Sorge, denn Martin stand klar auf Gewinn, und die anderen Bretter sahen zumindest gut aus, irgendwo noch die Remisbreite definitiv verlassen, und nirgendwo Mist bauen, und wir haben das Ding.


Folgerichtig war es auch Martin, der ausglich - ein gegnerisches Quallenopfer konnte das unvermeidliche nur verzögern, die weißen Figuren besuchten den schwarzen Monarchen, und schon nach vergleichsweise kurzer Beobachtungszeit wurde dem Kiebitz klar, dass hier unabwendbar Matt in weniger Zug drohte. Somit Ausgleich. Wer würde nun hervortreten, um der Held zu sein, der den entscheidenden halben Brettpunkt über 50% einsammelt?


Sollte es Matthias werden, der immer aktiver stand und anfangen konnte, kombinatorische Motive aufs Brett zu zaubern? Oder Dave, bei dem Schmidt immer weniger Zeit übrig behielt um eine nicht brennende aber auch nicht einfache Stellung zusammen zu halten? Oder sogar Euer Schreiberling, der nun über beide Flügel rollte, und bei drohendem Materialgewinn nur noch Dauerschachmotive aus der Stellung halten will? Oder am Ende Florian, dessen Partie ich wegen meiner penetranten Doppelzeitnot nicht mehr genau erinnere, die aber sicher schön war?


Die Antwort auf diese Frage lautete "ja". Und zwar in dieser zeitlichen Reihenfolge. Zusammengerechnet also 4-0 Punkte aus den letzten 4 Partien, ein mehr als standesgemäßer 6-2-Erfolg gegen die Heimfelder, bei dem die Punkte eher oben und eher mit den schwarzen Klötzen gemacht wurden, und der uns die Hoffnung, wie immer, noch ein, zwei Runden aufrecht erhalten lässt, dass es eines Tages doch etwas wird mit dem Nichtklassenerhalt. Nur noch 8 Siege bis zur "Perfect Season".

[Marten]