Kuschelathmosphäre bei Paul Gerhardt


Im Herbst waren wir nicht bei der Terminvergabe, und heute war einer der Tage, an denen sich das rächen sollte. Denn die Diagonale hatte zwei Mannschaftskämpfe am selben Termin, zeitgleich mit uns spielte die zweite in der Bezirksliga C ihr Antiabstiegsduell mit Farmsen. Wir wollten hingegen nach dem okayen Saisonstart weiter oben dranbleiben, und mit Schachfreunde kam eine Mannschaft, die nominell in der unteren Hälfte zu verorten ist und sich gerade zuvor eine deftige Klatsche abgeholt hat, wir mussten also mit der Favoritenbürde leben.


Zunächst aber zu den Gegebenheiten: Zwei Mannschaftskämpfe lief erstaunlich gut - zwar mit zwei Brett je Tisch eben etwas kuschelig, aber wir haben schon schlechter gespielt, was das Ambiente betrifft. Lediglich etwas stickig wurde es auf Dauer, was für den Junidoppelkampf Sauerstoffmasken nötig erscheinen lassen könnte. Und wir sollten uns wirklich überlegen, die Verbindungstür zwischen Analyseraum und Spielsaal abzuschließen und die Leute außenrum gehen zu lassen. Kurz die Tür auf wurde doch oftmals störend laut. Aber das sind Details.


Ebenfalls Details waren die von der Oma selbstgestrickten Norwegerpullis in allen Farben des Regenbogens (und einigen, die jeder sich selbst respektierende Regenbogen ablehnen würde), die von den Spielern aus Farmsen über den Laufsteg getragen wurden. Das zwar zwar nicht unser Kampf, aber aufgrund der Sitzordnung in unserem Blickfeld. Ein Grund mehr, Blicke und Gedanken nicht schweifen zu lassen, sondern sich voll auf die eigenen Bretter und Partien zu konzentrieren. Deswegen auch mehr zu den Pullovern und dem Kampf der zweiten in Rainers Bericht.


Zurück also zu unserer Partie. Wir waren klar in der Favoritenrolle - nach unserem Saisonstart und mit besserer DWZ kein großes Wunder. Und um den Aufstieg mitspielen wollen wir auch, denn mit dem Abstieg werden wir realistisch nichts zu tun haben. Wieso allerdings Christian Zickelbein uns in den (lesenswerten) Kurzübersichten auf den Seiten des hamburger Schachverbandes in der Mitfavoritenrolle auf Platz 2 sieht, wird ein ewiges Rätsel bleiben. Da stellt er doch das Licht seiner eigenen Mannschaften HSK 11 und HSK 12 etwas unter den Steffel (das ist der, der sich mal hinter Stoiber versteckt hat), und auch St.Pauli hat - zumindest nach unserer Rechnung - vor der Saison "vor uns gestanden". Vielleicht hat er bei Matthias die Steinzeitelo statt der aktuellen DWZ eingerechnet, vielleicht bei den anderen Mannschaften für den Schnitt die schlechteren Meldungen an 9 und 10 eingemeindet, vielleicht beides. Jedenfalls rein nach DWZ der ersten 8 Bretter sind wir nur Nummer 5, und auch nach dem geglückten Saisonstart gibt meine Prognosetabelle gerade mal Platz 3 aus. Aber so oder so, heute sollte schon gewonnen werden.


So, jetzt habe ich vier Absätze mit viel Gelaber gefüllt, aber noch nichts vom Schach geschrieben. Der Kenner wird den Grund ahnen: vom Labern habe ich mehr Ahnung. Aber nun sind die Ausreden fast vorbei, und nur noch eine kurze Anmerkung, bevor es losgeht. Nämlich die, dass heute zwei Spieler schon vor dem Kampf mit der schlechten Nachricht kamen, krank zu sein und daher gerne schnell ins Remis ablenken würden, nämlich Finki an 6 und Andreas an 8 (wir waren, wie die Gegner, also in Bestbesetzung). Zwar zwei Weißpartien, aber so lange die ersten vier Bretter wie bisher immer im Saisonverlauf bei 100% bleiben würden, würde das ja auch reichen.


Nun wurden die Uhren aber angeworfen, und genau bei Andreas und Finki ging auch zuerst die Post ab. Andreas und sein Gegner spielten abseits jeder Theorie frischen Freistil mit für mich unklaren Zügen (a3?), Finki rannte stramm voran und fragte die gegnerische Dame mal, warum sie sich so früh entwickeln wollte. An den anderen Brettern war so viel nicht los. Andrei an 7 bekam schnell einen schwachen gegnerischen Bauern auf e3, das war angenehm, Matthias spielte ähnlich Andreas Züge, die ich nicht verstand, und wir anderen vier spielten halt so vor uns hin. Vielleicht zu erwähnen, dass Martin natürlich nach gefühlten 1 Zügen seinen Stammbauern auf d5 platzieren konnte. Alles in allem also der erwartete Anfang: viel passierte nicht, aber bissel schöner für uns zeichnete sich ab.


Finki war der erste mit zählbarem, ein Mehrbauer kam heraus, und es ging rapide schnell gen Endspiel. In dem bin ich mir aber nicht sicher, ob der Bauerntausch auf f4 konstruktiv war oder nicht noch Zeit gehabt hätte, und mit Mehrbauern, aber Wenigergesundheit und etwas aktiverer Gegnerstellung kam dann um 20:45h der angekündigte halbe Punkt. Um 21:28 hatte auch Andreas, obwohl ausge(ver)schlafen, ohne dass etwas passiert wäre, dann seinen Plan umgesetzt, und es stand 1:1. Zu diesem Zeitpunkt schienen wir auch gut im Plan zu sein. Bei Matthias an 1 konnte ich die Lage nicht richtig abschätzen, aber alle anderen Partien hätte ich, obwohl nirgends wirklich zwingendes war, lieber mit unseren Klötzen gespielt. Auch wenn mir Fritz später erzählen sollte, dass er meine Stellung eher Minus Zwei fand, ich fand sie okay, und die anderen ja auch, wie mir später mitgeteilt wurde.


Matthias konnte seine Stellung aber wohl auch nicht einschätzen, oder zumindest nicht als gewonnen ansehen, und so sah er sich um 21:53 als Dritter in der großen Remisschiebertradition. Aber inzwischen fing Andrei an, am gegnerischen Nochnichtwenigerbauern zu knabbern, bis er ein Jetztschonwenigerbauer wurde, Dave hatte a-b-verbundene Freibauern mit Turmunterstützung am Start (und ich meine auch einen Kleinklotz mehr) und rollte auf die Dame zu, damit er sie vielleicht doch noch einstellen könnte, Martin hatte den gegnerischen Monarchen zu sich an den weißen Königsflügel eingeladen und machte ihm Angst, Florian stand einfach besser, und der Berichterstatter spielte Murks, musste erst eine Qualität opfern, fand aber eine Falle, auf die der Gegner aber prompt hereinfiel, sodass eine Figur fessel- und abholbar war. Bis auf das Detail, dass auf einmal die schwarze Dame angegriffen war und der Plan nach hinten losging. Die Dame war zwar noch zu retten, die Partie aber nicht mehr, 1,5:2,5 um 22:09h.


Dennoch alles okay, alle vier Bretter standen klar besser, nur bei Martin musste man aufpassen, dass Schwarz nicht Gegendrohungen bekommt, aber wenn man aufpasst, dann bekommt er sie nicht, und Martin schien das im Griff zu haben. Am wenigsten superduper war noch Florians Stellung, und daher bekam er dann von Martin auch die Sicherungserlaubnis für das angestrebte 5:3 und um 22:52h machte er Remis zum 2:3.


Was aber Martin und er nicht beizeiten mitbekommen hatten, war die Entwicklung an Brett 3. Dave marschierte mit seinem a-Bauern unaufhaltsam gen Umwandlung. Leider konzentrierte er sich etwas sehr darauf, statt noch einen Bauern abzuholen und damit dem gegnerischen Läufer entscheidende Felder zu nehmen, und mit weißem Turmopfer drohte auf einmal eine bekannte Remisschaukel (von der Florian und ich noch vor zwei Wochen behaupteten, die gäbe es in der Praxis kaum mal, und nun zwei Mal zumindest als Motiv in den letzten Kämpfen) mit L auf der langen Diagonalen und Tg7+ - Kh8 - Tg?+ (Abzugsschach) - Kh7 - Tg7+ - Kh8 - Tg?+ usw. Damit wären dann bei 3,5 Brettpunkten für die Gegner Martin und Andrei sehr unter Druck gesetzt, aber Martin drohte inzwischen sehr konkret, auch wenn alles noch so mit Schnürband vom Gegner gerade noch zusammengehalten wurde, und Andrei baute zusätzlich zum Endspielmehrbauern (den er mit einem Laugi hätte festigen können) lieber noch Mattdrohungen hinzu.


Aber wer die obige Schaukel sieht, der sieht auch, dass freimachen von h6 das Remis verhindern würde, so sah das auch Dave. Um leider kurze Zeit später in ein Matt hineinzublicken, da nach Kh6 auf einmal noch ein weier Turm auftauchte und somit die Partie sogar noch verlorenging - 5 Züge nach einer klaren Gewinnstellung, sehr schade. Also 2:4, und trotz der zwei Absätze waren zwischen Florians endgültiger Remisannahme und Daves Aufgabe nur 2 Minuten vergangen - es war jetzt 22:54. Leider konnte ja niemand Florians Remiserlaubnis wegnehmen, außer Martin, und der hatte am eigenen Brett genug zu tun, einfach war es nicht.


Aber auch wenn es nicht einfach war, so ließ er sich doch in seiner Partie nicht mehr beirren, und nach wenigen weiteren Zügen merkte der schwarze König nur zu deutlich, dass er nicht Gast am weißen Königsflügel war, sondern Kriegsgefangener. Dennoch blieb es Andrei vorbehalten, den Mattangriff als erster vorzutragen (wozu also Mehrbauern?), weiß wollte um 22:59h nicht mehr, 3:4, Martins Gegner gab sich um 23:25h dann geschlagen. Richtige Spannung kam in diesen Partien nicht mehr auf, das war aber auch ganz gut so.


Also als Favorit ein 4:4, nicht wirklich zufriedenstellend, aber wie immer bei unseren Punktverlusten "nach unten" gilt ja, dass das keine Big Points waren. Obendrein haben wir es Christian Zickelbein gezeigt, jawoll, dass wir gar nicht so stark sind. Okay, auch kein Trost. Insbesondere, da mehr drin war. Nicht nur bei Dave, sondern auch bei Florian und Finki - dazu hätte man aber schon früher wissen müssen, was später passieren würde, um die Remisen nicht zu machen. Meine Null war natürlich auch nicht das optimale Ergebnis, aber nach Fritzalyse habe ich so grottig gespielt, dass ich zumindest das "war mehr drin" nicht sehe. Hilft aber auch nicht.


In der Prognosetabelle sind wir inzwischen von 3 auf 4 zurückgefallen, real sind wir noch 3. Und wenn wir Fischbek mal wieder knacken, ist auch noch was drin. Hätten wir eh gewinnen müssen, der Brettpunkte wegen. Eigentlich ist also nicht viel passiert. Glückauf dann in zwei Wochen gegen St.Pauli, zwar nominell besser, aber mit kapitalem Fehlstart aus dem Aufstiegsrennen erst mal raus.

[Marten]