Unser Star für Eilbek


Die ARD und Pro 7 haben ja beschlossen, dass nach Jahren der
mittelmäßigen Platzierungen (wie zum Beispiel zweiter) dieses Jahr bei
der Diagonale alles besser werden soll. Und trotz eines liegengelassenen
Punktes sind wir ja gut im Rennen und sahen nun das Spitzenspiel als
zweiter auswärts beim ersten (mit einem halben Brettpunkt mehr) auf uns
zukommen. Zeit, sich über die Mannschaftsaufstellung Gedanken zu machen.
Über 4500 Leute haben sich beworben, Stefan Raab (unter dem Pseudonym
Achim Awe) hat die 20 besten ausgewählt, und nach den ersten
Ausscheidungsrunden sind die besten acht verblieben.


Da wäre Matthias Meyer-Landrut an Brett 1, der kleine Dunkelhaarige mit
dem charmanten Lächeln und den eigenwilligen Intonationen, gegen Rolf Puster (2005), Florian Freking an Nummer 2, die hochgewachsene blonde Elfe mit der glockenklaren Stimme, gegen Helge Hedden (2006), Dave Durstewitz an 3, der gelockte Rocker mit Gitarre und Halstuch in der Hosentasche, gegen Christoph Bohn (1822), Martin Taylor an 4, der soulige Glatzkopf karibischer Abstammung, gegen Oliver Leube (1774), Marten Walter an 5, der technisch solide Fachverkäufer mit etwas wenig Bühnenpräsenz, gegen Leon Tscherepanov (1790, 4/4 in der Saison), Jens Braun an 6, die Dorffestpartyröhre mit Krawumm, gegen Tofik Badalov (1739), Andrei Osman an 7, der halbägyptische, etwas mystische mit den eigenen Kompositionen, gegen Hanns Schulz-Mirbach (1700), und Andreas Krueger an 8, der kleine Mädchenschwarm mit dem Holzfällerhemd, gegen Reiner Basteck (1666).


Und nach den ersten einleitenden Worten von HSK-Chef und Moderator
Christian Opdenhövelbein sollte das Casting dann auch beginnen. Wobei
Kritiker anmerkten, dass er bei der Begrüßung einen Kandidaten doch sehr
hervorgehoben hatte, sehr zum nur sehr dezenten freundlichen Spott
seiner Kollegen wie auch der anderen Teilnehmer des Wettkampfes vor Ort
von Schachelschweinen oder SKJE, die parallel im Bezirk liegen.


Los ging es zunächst einmal nicht sehr überzeugend für die wild
zusammengecastete Truppe. Martin versuchte sich an persönlichen Ideen
anderer, und sein Dameninder verlor erst Tempi, wurde dann aber durch
Felderschwächen gewürzt. Nach weniger als einer Stunde wollte man die
Stellung im Geiste schon einmal abschreiben. Jens begann sehr
durchwachsen, schnell wurde seine Fianchettorochade durch g6xf5
aufgepfloppt, aber noch übler lief es am anderen Flügel, dem damigen,
den Weiß aufzurollen begann. Der Berichterstatter, zwischen den beiden
anderen eingequetscht, versuchte auch erst einmal jeden Bauern zu
bewegen, bevor er mit Springerzügen oder Rochaden an die komplizierteren
Feinheiten des Schachs wollte, und stand zumindest nicht mehr
anzugsvorteilig. Andrei bekam am Rande der Hängerliga auch etwas ab -
seine originelle Eröffnungsbehandlung, die zunächst spannend aussah, sah
irgendwann eher nur mehr angespannt aus. Aber, wie Florian sagt, wer
rochiert verliert, und das Verlieren hatte Andrei nach dieser Logik
schnell ausgeschlossen.


Kommen wir nun zur Habenseite, unseren guten Stellungen, nach einer Stunde.


Kommen wir als nächstes zu den weiteren Entwicklungen. Leon Taylor wurde
vorgeworfen, sich an zu persönlichem Songmaterial vergriffen zu haben
("Mein Weg", "Tears in Heaven"). Stellungen mit b6 sollte Martin denn
auch lieber anderen überlassen. Leon Taylor wurde im Casting 6., Martin
Taylor wurde in seiner Partie 2. - am Ende wurde er nach genügend
Fehlern für eine ganze Saison komplett überrollt - und dieses Ende
dauerte gerade Mal Eindreiviertel Stunden. 0-1 um 20:48h, und es sah
nicht so gut aus. Nach vier Weißsiegen in der ersten Schwarzpartie nun
die erste Niederlage für Martin - weiß ist wohl doch die bessere Farbe.


Cyril Krueger hingegen war eben nur schnuckelig, der richtige Wumms
fehlte dann doch. Auch bei Andreas Krueger fehlte er, sodass er deutlich
verfrüht remis machte - bei anständiger Nichtslosstellung bei ansonstem
eher schlechtem Kampfstand hätte der Mannschaftsführer das auf Nachfrage
wohl nicht gewollt. Krueger wurde geteilter 7., Andreas teilte den
Punkt. ½-1½ um 21:13h.


Und langsam bahnte sich auch ein Debakel an. Matthias an 1 stand okay,
Florian an 2 auch, aber da konnte viel umkippen und der Gegner schien
mir mehr Initiative zu haben. Bei Dave an 3 wurde der zunächst gefällige
Druck auf die schwarze Rochade durch einen gegnerischen Bauern auf d3
und Gegenspiel am Damenflügel (Dave meinte später, er wollte halt auf
beiden Flügeln spielen) unangenehm gekontert. Ich hatte vor meinem Auge
schon eine scharfe Verteidigungspartie aufbrausen sehen, sah dann aber
eine kleine Idee, indem ich den notwendigen Zug d2-d4 (mit Öffnung der
e-Linie ohne Rochade) verzögerte (d2-d3), lud ich meinen Gegner zu einem
Springerausfall mit spannendem Opfermotiv ein, der auch kam, und mit dem
vorbereiteten Zugeständnis d3-d4 konnte ich dann seine Figuren etwas
unglücklich stehen lassen - hier war inzwischen Ausgleich bei aber klar
besserer Zeit für mich (0:40 zu 1:50 verbraucht nach 20 Zügen). Finki an
6 stand zunehmend unter Druck und sein von den weißen Läufern ziemlich
schräg angesehener Turm auf f8 drohte zu kippen. Ansage von Florian
"Finki fängt jetzt an zu zaubern". Muss er auch. An 7 war dann beim
Andrei zwar das Material noch gleich, Schwarz war aber komplett
entwickelt und weiß gar nicht. Ärgerlich.


Der kleingewachsene Rocker und Ex-Metaller Christian Durstewitz wusste
ja durchgehend zu gefallen und galt als einer der Favoriten auf die
Teilnahme am Grand Dings de Bums, bis er in der letzten Ausgabe für ihn
farblos blieb und er überraschend "nur" 3. wurde. Dave Durstewitz blieb
letztlich am Ende auch farblos, bei aller Sympathie, und wurde von
seinem Gegner herausgewählt. ½:2½ um 21:43h.


Katrin Walter galt als zwar technisch stark, aber zu sehr auf Sicherheit
bedacht. Die Jury riet ihr, mal eine "Arschbombe" zu probieren. Marten
Walter versuchte das - ein Damenopfer auf h6 sorgte aber nur kurzzeitig
für Aufregung, zu einfach wäre die Dame bei Annahme mit großem
positionellen Vorteil zurückgewonnen worden. Dennoch mein erster !!-Zug
bei Fritz seit der Meisterschaftspartie gegen Andrei. So behielt ich
eine Figur mehr, nahm einen Bauern, noch einen zweiten, und gerade als
ich den dritten nehmen wollte, war die Zeit meines Gegners abgelaufen.
Katrin Walter brachte bestenfalls einen Köpper vom 1er und wurde
geteilte 7., ich gewann aber, aufgeholt zum 1½-2½ um 21:53.


Viel spannender für uns und den Kampf waren aber die Geschehnisse an
Brett 6. Jennifer Braun hatte ja nach eher unauffälligem Beginn mit
Standards als Außenseiterin begonnen, riskierte dann mehr und wurde auf
einmal richtig überzeugend und zog an diversen Favoriten vorbei, die
nicht richtig auf der Hut waren. Ähnliches passierte Jens. Natürlich
hätte weiß zwischendurch einmal den Turm rausoperieren können und fast
alles wäre vorbei gewesen. Natürlich war der Angriff, der auf Florians
prophetische Prognose folgte, nicht wirklich stichhaltig. Aber er machte
dem Gegner Angst, und auf einmal war dann aus der schlechten Stellung
eine gute geworden, aus dem potenziellen Wenigermaterial Mehrmaterial.
Als dann noch in Zeitnot eine Figur einfach eingestellt wurde, wollte
der Gegner nicht mehr. Jennifer Braun wurde am Ende 2., Jens machte es
um eins besser. Nach vier Murkspartien mit Weiß nun ein schöner Sieg mit
Schwarz - Schwarz ist wohl doch die bessere Farbe und 2½-2½-Ausgleich um
Punkt 22:00h.


Und auch ansonsten sah es auf einmal spannend aus. Andrei hatte zwar
immer noch nichts weniger, stand aber weiter murksig. Aber wer weiß,
vielleicht gehen irgendwann irgendwelche Abzug-Allestausch-Motive?
Florian konnte 2 eine Unaufmerksamkeit seines Gegners maximal nutzen und
mit einer Zwischenzugserie bei einem Abtausch 3 Bauern herausholen -
DT6B gegen DT3B waren zu spielen, und trotz passiverer Stellung und
Dauerschachmotiven schien ein Sieg mehr als nur machbar. Und Matthias an
1 hatte inzwischen ein Endspiel, das materialmäßig ausgeglichen war,
aber ganz klar die Initiative und erarbeitete sich strukturellen
Vorteil. 3½-4½? 4½-3½? Hier war viel drin und der Abend konnte lang werden.


Sharyhan Osman traute sich mit eigenkomponierten Stücken an dem
Wettbewerb teilzunehmen und erntete dafür viel Lob, auch als
Songwriterin. Am Ende ließ sie aber nach und musste sich mit dem 5.
Platz zufrieden geben. Andrei Osman komponierte heute auch selbst, aber
Lob gab es weniger. Nur das mit dem Nachlassen stimmte - und die
Abzugsabtauschmotive hätten zum Matt gegen ihn geführt, weswegen er es
dann auch unterließ, weiterzuspielen. 2½-3½ um 22:27h.


Und nun kamen lange anderthalb Stunden. Mannschaftsführer Kahrsch des
HSK (wieder als Non Playing Captain) war die Nervosität gut anzusehen,
mir wohl auch. Christian Opdenhövelbein war sicher, dass sowohl Florian
als auch Matthias ihre Partien gewinnen würden und wir als Sieger von
dannen zögen, auch Finki war optimistisch. Andreas war eher
pessimistisch, ihm gefiel Florians inzwischen erfolgter Damentausch ins
Turmendspiel (T5B gegen T2B) nicht, Mattangriff hätte er bevorzugt,
Turmendspiele sind gerne mal Remis. Der inzwischen als Zuschauer
hinzugestoßene Daniel war begrenzt optimistisch aber auch nicht ganz
sicher. Ich war zwischen Optimismus und Pessimismus hin- und
hergerissen. Matthias an 1 stand auch klar besser, zählbares war aber
noch nicht dabei, und er schien keine Idee zu haben, einzubrechen (ich
hatte mindestens 5, aber ob die gut waren? Mein Favorit immer noch Lb3
und dann Sc4-d6), aber verlierbar war keine der Stellungen. Und die Zeit
verstrich sehr, sehr langsam. Matthias' aber etwas schneller, auch die
von Florians Gegner, hier war klar, wer die Nachteile am Ende haben
würde. Florian hatte einen Bauern gegeben und die Deckung seines
gedeckten Freibauern auf f3 (als schwarzer) verloren, Matthias schuf
dafür einen Randfreibauern (unter Aufgabe eines eigenen hinteren
Doppelbauern bei Abseitsstellung des gegnerischen Springers - materiell
war es noch ausgeglichen, positionell nicht mehr).


Lena Meyer-Landrut war von ihrem ersten Auftritt an haushohe Favoritin
beim Wettbewerb. Mit unkonventionellem Gesang und unbekannter Titelwahl
hatte sie schnell sehr viele Fans (aber auch Gegner, wie das dann so
kommt). Dennoch wurde sie am Ende "Unser Star für Oslo", wie klar, das
weiß man nicht. Aber sie ist mit ihrem Lied "Satellite" everybody's
Darling. Matthias hob leider nicht mehr ab und wurde so zumindest heute
eben nicht everybody's Darling. Um 23:52h stellte er die Gegenwehr
(gegen das Remis) ein, seine Zeit war inzwischen nicht mehr gut, die
Ideen waren weg. 3-4.


Kerstin Freking ist nicht nur ausgesprochen schön anzusehen, sondern hat
auch eine wunderbare Gesangstechnik. Leider brachte sie am Ende ihrer
Teilnahme ein Stück, das ihre Stärken nicht genügend hervorhob und wurde
so nur 4. Florian Freking ist natürlich auch wunderschön anzusehen
(obwohl der Berichterstatter dann doch die wohl etwa einen Kopf größere
Kerstin bevorzugt, no offence meant) und hat sicher eine wunderbare
Endspieltechnik. Aber das Turmendspiel war dann doch auch nicht seine
Stärke. Irgendwann war es Turm und 2 Bauern gegen Turm und Bauer, unter
Bauernopfer konnte er dann umwandeln - natürlich sofort vom gegnerischen
Turm geschlagen, aber der verbliebene weiße Bauer war zu weit vorgerückt
und um 23:59h musste sich dann auch der schwarze Turm opfern, und mit
König gegen König ließ dann der Kampfgeist nach. 3½-4½ der Endstand.


Was ein Kampf. Hochgradig spannend und am Ende unglücklich für uns -
Opdenhövelbein entschuldigte sich beinahe dafür, dass wir verloren
hatten. Aber leider auch verdient - in der Summe haben die HSKler
solider gespielt, und insbesondere Finkis Sieg hat es knapper werden
lassen, als es den Anschein hatte. Aber eben auch unverdient, haben wir
doch an den ersten 7 Brettern herausragend gefightet, um irgendwie den
fehlenden halben Punkt zu holen. Dennoch ging es noch zu acht in den
Feuervogel (Andreas war nach Hause gefahren, aber mit Daniel), wo die
Pizza und das Bier aber irgendwie schal schmeckten.


Ja, ich muss gestehen, ich habe die Deutsche Vorausscheidung zum Grand
Prix de la Chanson d'Eurovison d'European Song Contest verfolgt. Und das
gerne. Wer das nicht hat, tut mich traurig. Oder auch fröhlich, ist ja
Geschmackssache. Ob Lena Meyer-Landrut dann in Oslo für Deutschland
douze points abholen kann, wer weiß es, es ist mir aber nicht so
wichtig. Dass Diagonale aber heute keine quatre-et-demi points geschafft
hat, oder allerwenigstens quatre, das ist schon ärgerlich. Dennoch ist
im Aufstiegsrennen noch nichts vorbei - HSK kann durchaus noch gegen
Fischbek oder SKJE (auch wenn die gerade fürchterlich auf die Omme
bekommen haben) abgeben, und dann haben wir es wieder im Griff. Aber als
erster mit Punktvorsprung steht man besser da als als vierter mit Rückstand.

[Marten]