Das Spiel der Saison! (zumindest bisher)

Der Sport lebt vom Wettbewerb. Das ist uns allen klar. Aber es gibt eben Wettbewerbe und andere Wettbewerbe, und wie wichtig die eingestuft werden, hängt nicht nur vom Preis ab, sondern oftmals auch vom Gegner. Gerade im Mannschaftsduell ist der Sieg gegen den Erzrivalen für viele mindestens so wichtig wie ein Titelgewinn, und so gibt es sie allenthalben, die Clasicos, die Derbys, oftmals lokale solche. Vielleicht gewinnt man nicht jedes Mal den Gesamtwettbewerb, aber wenn man in der Endtabelle vor den Bösen landet, dann ist fast alles verziehen. Barcelona-Madrid. Celtic-Rangers. Solche Wettbewerbe meine ich. Und da gibt es eben auch den Clasico d’Elbo do Sud, Diagonale gegen Marmstorf.

Allerdings kneifen die feigen Knilche vom Feuerteich dieses Jahr, haben sich einfach aus der Liga abgemeldet, weil sie den Atem in ihrem Nacken spürten. Und so empfangen wir zum Saisonauftakt 2015-16 zur Abwechslung die Weiße Dame, anders als die letzten beiden Jahre, in denen wir die erste Runde jeweils bei Weiße Dame gespielt hatten. Aber auch das ist stets ein wichtiges Spiel zur Standortbestimmung, sind „Diagonale“ und „Weiße Dame“ doch traditionell die ersten Namen, die den Experten einfallen, wenn es um die Frage nach den Abstiegskandidaten aus der Landesliga geht. Die Tatsache, dass das seit Jahren so ist, zeigt allerdings auch, was wir von diesen Experten zu halten haben, denn wirklich absteigen tun andere. Also müssen wir unseren Standort anders bestimmen (Google Maps sagt „Alte Forst, Eißendorf“). Denn wo soll die Reise hingehen. Werden wir wie im letzten Jahr nach wechselhaften Leistungen im Mittelfeld landen? Wie vor zwei Jahren nach starken und schwachen Partien um Platz 5 einlaufen? Wie in unserer Debutsaison am Ende bei 9:9 Punkten weder mit Auf- noch mit Abstieg zu tun haben? Oder kommt alles ganz anders?

Für letzteres spricht zumindest, dass die beiden traditionellen Abstiegskandidaten laut „Liga-Orakel“ dieses Jahr gar nicht unbedingt die beiden Abstiegskandidaten sind. Was natürlich heißen könnte, dass sie es jetzt erst recht sind. Oder eben doch nicht. Eigentlich könnte es alles heißen. Aber wir selber sehen uns nicht als solcher, und das wollten wir heute zeigen. Mit einem Aufgebot, das sich gewaschen hatte (Doch! Alle acht Spieler!). Mit Niels Jørgen, der Bank gleich hinterm Eingang, gegen Aleksandar Trisic (2269 DWZ/2301 Elo). Mit Christoph (gegen René Mandelbaum, 2154/2168) und Matthias (gegen Lars Schiele, 2046/2103), die letzte Saison jeweils 9½/7 gemacht haben. Mit Esmat, am Vortag frisch gebackene Schnellschachmeisterin Dänemarks (unsere allerherzlichsten noch einmal dazu) gegen den weißdamigen Neuzugang Vincent Heinis (2068/2085). Mit dem diagonalen Neuzugang Gregor, der seit sechs Jahren keine Partie mit langer Bedenkzeit mehr verloren hat (wo steht Holger eigentlich gerade?) und dieses gegen Christian Purniel Umpierre (1958/1988) verteidigen wollte, mit Thomine, pardon, Dr. Thomine (auch dazu die Gratulationen) gegen Sebastian Kuhle (1936/1977), mit Fabian, der mehr jugendlichen Elan ausstrahlt als Andrei, Dave und ich zusammen genommen, gegen Andrej Martens (1854/-) und mit Martin, über den ich jetzt auch was positives sagen sollte, gut sah er aus heute, gegen Alice Winnicki (1908/1959). Außerdem hatten wir noch Restspekulatius vom Vorjahr und Schiedsrichter Heinz-Werner Szudra vom FC St. Pauli da.

Damit war auch das Drei-Damen-Problem gelöst (eine minimal einfachere Vorstufe zu dem berühmten Acht-Damen-Problem, bei dem es bekannter Maßen darum geht, acht Damen so zu platzieren, dass keine zwei gegeneinander spielen). Aber ein Spielerinnenanteil von knapp 19% liegt doch deutlich über dem Schnitt. Ebenfalls erfreulich: beide Seiten liefen ohne irgendwelche Aufnäher überflüssiger Boulevardzeitungen auf den Ärmeln herum.

Und den Tag seines Lebens erwischt hatte zunächst einmal Onkel Fries Nielsen. Nach 5000 Stunden Anfahrt musste er nur 60 Minuten warten, bis Aleksandar nicht kam, um dann wieder einmal überzeugend gewonnen zu haben. (Allerdings fehlte eigentlich nicht Aleksandar, sondern Jan Ludwig, der sich weggefiebert hatte – gute Besserung). Frau Dr. schien in einer ähnlichen Situation, aber Sebastian kam dann doch noch mit ein paar Minuten Verspätung, sodass alle Partien losgehen konnten. Und nachdem der Berichterstatter Kaffee aufgesetzt hatte, war es eine gute Gelegenheit, noch einmal zu Hause ein Mützel Schnarch einzufangen, so früh passiert ja in der Lali nicht viel. Und wenn doch, können sicherlich die anderen Gäste und Fans, in der Summe Haschimi, Haschimi, Wasmuth der Gerdigere, Hernandez und Laugwitz, Lücken füllen.

Außer natürlich, wenn man es darauf anlegt. Bei meiner Rückkehr wurden schon die ersten Klötze wieder zurückgestellt – René übersah gegen Christoph einen Einschlag auf d6, und auch wenn danach noch einige Züge kamen, so war das doch die Kategorie Vorteil, die Herr Kuberczyk in 3 von 11 Fällen sicher verwertet, so auch heute. Aber noch bevor ich mir das erklären oder zeigen lassen konnte, bewegten sich auch an Brett 8 diverseste Figuren gleichzeitig, was während einer noch laufenden Partie ja nicht so oft gestattet ist. Hier hatte Fabian nach gutem Start sich etwas das Schnitzel vom Ketchup nehmen lassen und willigte lieber in die Punkteteilung ein, als zu viel zu riskieren. Und der Rundblick gab ihm ja auch Recht. 2½:½ hatten wir schon, und nicht alles andere war schlimm.

Okay, die Spekulatius vom Vorjahr, die waren schlimm. Aber zum Ausgleich hatte Gregor einen Traum von einer Stellung – Christian lud ihn zu einem Qualitätsopfer ein, das er selber anders herum berechnet hatte, aber so kamen noch eine zweite Figur und der in der Eröffnung geopferte Bauer für Gregor raus. LS gegen T und selber noch Initiative, das sollte gelingen können. Matthias und Thomine spiegelten einander etwas, Matthias hatte ein Endspiel mit Mehrbauern (Lars hatte irgendwann einen Aussetzer bei einem Befreiungsversuch), Thomine eines mit einem weniger (was dort passierte, weiß ich nicht genau). Allerdings mit dem Unterschied, dass Matthias sofort drohte, mit seinen Figuren unangenehm (für Lars, für Matthias angenehm) in der weißen Stellung herumzufuhrwerken, während bei Thomine ein Doppelturmendspiel stand, das das Potenzial zur Seeschlange lieferte.

Esmat andererseits stand gar nicht schön, ihre Rochade war aufgerissen, es drohten Abzüge, und nicht einmal ein kleines bisschen Material als Kompensation hatte der böse Onkel Vincent ihr gegönnt. Und Martin stand als schwarzer vielleicht einen Hauch aktiver, aber in einem DSL-Endspiel mit gleichen Bauern und demzufolge hoher Remisbreite.

Aber in der Summe, Matthias und Thomine als zusammen 1 Punkt, Gregor als weiteren hochgerechnet, bahnte sich ein Sieg an. Und auch wenn Esmat jetzt aufgab, so wurde es nicht mehr wirklich spannend, denn Lars tat das auch, nachdem Springergabelmotive Wasmuth’sche Qualitätsopfer ermöglichten, die digital ausschalteten. Für Martin ein guter Zeitpunkt, Remis zu geben – Alice hatte keine wirklichen Optionen, und selber mehr zu riskieren wäre eben so geworden, wie das Wort „riskieren“ subtil andeutet. Erster Mannschaftspunkt gesichert.

Gregor war dadurch in der angenehmen Situation, bei unveränderten Materialverhältnissen aber mittlerweile noch Mattangriff jederzeit in ein Dauerschach abbiegen zu dürfen, bevor es zu heiß wird, um den Mannschaftssieg zu sichern, während bei Thomine inzwischen ein Bauer getauscht wurde, sodass es nun ein TT-Endspiel mit 3 gegen 2 gegen uns war. Erledigen wir erst einmal Gregor, der Mattangriff führte zum Matt, 5:2, ein Auftakt, der schon einmal gut war, aber vielleicht kann Thomine ja noch einen halben dazu geben? Nun, die nächsten drei Stunden kommen jetzt in den Zeitraffer, längst leben wir von den Bonussekunden (naja, beide noch schwankend 8-12 Minuten Restzeit dazu), weitere Bauern verlassen das Feld, der e-Bauer auf der 5. Reihe sollte es nun richten. Zwar gelang es Sebastian dann, eines der Turmpaare zu tauschen, und auch den Landmann zum Joggen zu bringen, aber die Remisbreite wurde laut den Experten der Tafelbasis nicht verlassen, Thomines König blockte Sebastians von der kurzen Seite ab. Wobei es schwieriger wurde, in einigen Situationen bedurfte es einziger Züge. Und einer davon kam dann nicht. Schade.

Dennoch mit 5:3 ein erfreuliches Ergebnis. Und da mir beim nachträglichen Zusammensitzen und Fleischfressen im Dubrovnik untersagt wurde zu erwähnen, dass die weißen Damen uns an einigen Brettern durch präsentieren taktischer Chancen auch ein wenig entgegen kamen, kann ich nur sagen: wir haben halt einfach gut gespielt. Als persönliche Niederlage bleibt für mich nur, dass ich nicht einmal meinen Grillteller aufessen konnte, irgendwie waren die Portionen auch schon mal kleiner. Vielleicht bestelle ich nächstes Mal etwas kleineres, wie das Steak La… ach, das sollte ich ja nicht mehr erwähnen. Und dass im Dubrovnik die Damen zuletzt bedient wurden, das geht ja mal sowas von gar nicht.

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