HSK IV-Dia I: Gens una sumus

Wir sind eine große Familie, so das Motto der FIDE. Und wie das manchmal so ist in einer Familie, die kleinen Kinder stehen am Wochenende früh auf und die alten Leute können nicht weiterdösen. So auch bei dem Landesligaspiel zwischen dem SV Diagonale (ein Jungspund aus dem Jahre 1926) und dem großen HSK (1830, fast 100 Jahre älter). Und wenn „jung“ und „alt“ schon diese Zahlen umschreiben, dann hat auch „früh aufstehen“ eine Bedeutung.

Denn nicht etwa eine lächerliche Stunde, wie weiland gegen Diogenes, waren wir früher zu Gange, nein 168. Oder in anderen Worten: um eine Woche verlegten wir den Kampf vor. Der Grund dafür ist wiederum ein familiärer – Andreis Hochzeit stand am ursprünglich angesetzten Wochenende an. Und das hätte uns doch erhebliche Probleme bereiten können, unsere Reihen zu füllen. HSK willigte netterweise und im Familiensinne ein, und schon spielten wir eine Woche früher. Teils verheiratet, teils unverheiratet und teils im Schwebezustand waren heute: Christian und Helge Hedden (2094 DWZ/2141 Elo) an 1, Christoph und noch ein Christoph, nämlich Engelbert (2113/2188), an 2, Matthias und Wolfgang Schellhorn (2056/2144) an 3, Martin und Alexander Baberz (1952/2054) an 4, Andrei und Jakob Leon Pajeken (1958/2118) an 5, Fabian und Torsten Szobries (2029/2073) an 6, David und Thomas Kastek (2007/2094) an 7 und Haschem und Wolf Gerigk (1963/2067) an 8. Eine familiäre Athmosphäre.

Nun ist es aber so, um gleich mal mit den Ausreden zu beginnen, dass der liebe Gott vor die Ehe den Junggesellenabschied gesetzt hat. Und der war nun an welchem Wochenende? Nun, es kam niemand verkatert ans Brett, wir sind schließlich, siehe oben, schon 89 Jahre, da wird nicht mehr so übertrieben gefeiert, nein, verkatert nicht, aber verkatzt. Denn durch die Feierlichkeit erzeugte Gastschlafaktionen führten zur Verbannung von Katzen aus ihren angestammten Räumlichkeiten, was diese die ganze Nacht lautstark beklagten. Einigen war also nicht so viel Schlaf gegeben, wie anderen. Da hätten einige der 168 fehlenden Stunden vielleicht gut tun können.

Aber genug der Ausreden. Da der Berichterstatter heute weitestgehend pflichtenfrei war (kein Spiel, kein Kaffee kochen), betrat er erst nach etwas über einer Stunde das Spiellokal. Und sah gar gräusliches. Nicht nur, dass es bereits ½:½ gegen uns stand (Remis Wasmuth-Schellhorn an 3, Partieverlauf kenne ich nicht, aber so viel kann da nicht verlaufen sein), nein, die Bretter 7 und 8 waren auch eher nicht so wirklich total im zwingenden Sinne als eins zu verbuchen, hier war bereits erheblich vor den üblichen Konditionsproblemen Material abhanden gekommen. Und der Rest? Christian an 1 stand unspektakulär für den ersten Blick, aber strategisch schwierig. Weißvorteil im klassischen Sinne war das jedenfalls nicht. Christoph an 2 hatte mit einem kleinen Eröffnungskniff ein paar Mehrtempi für seinen üblichen Freistilpseudokönigsinder gebastelt, Martin an 4 stand solide, aber mehr eben auch nicht, Fabian an 6 stand auch nicht besser, aber auch nicht schlechter als Martin und Andrei stand nicht nur eine massive Veränderung seines Lebens bevor, sondern auch eine lange Belagerung eines rückständigen Bauern. Es war also in der Zeit, den neu hinzugekommenen Fan mit Zaubereien zu beeindrucken.

Und die Magie der Jugend, sie blitzte auf: sowohl Christoph als auch Fabian holten taktische Ideen heraus, die zumindest schon einmal sehr vielversprechend schienen. David und Haschem hatten für ihre klar verlorenen Materialsituationen erstaunliche Gegenspielansätze. Christian spielte weiter, ebenso Martin, und Andrei stand halt und musste sehen, was passierte. Der Berichterstatter nutzte die Zeit für eine kleine Runde (einem anderen Hobby wollte gefrönt werden) und wurde unter anderem durch das auf dem anliegenden Fußballplatz stattfindende Spiel abgelenkt – hier schien die Heimmannschaft einen kleinen Kniff zu haben, immer wenn der Trainer „Tempo“ oder ähnliches reinbrüllte, wurde quer gepasst, hieß es hingegen „Zeit, ruhig!“, dann kam der Schlag nach vorne. Könnte auch sein, dass die Mannschaft gegen den Trainer spielte, aber dafür war es etwas zu systematisch – zum anderen durch einen, wegen Sonntags natürlich geschlossenen, Second-Hand-Handel für Computerspiele, der in der Auslage alle möglichen Klassiker hatte, und ich meine Klassiker, da stand was von „auf 3 Disketten“ und ähnliches. Den Herren Baberz, Pajeken oder auch Tobianski muss man eventuell erklären, was das heißt, wenn sie nicht historisch bewandert sind.

Als ich zurückkehrte waren dann schon über 2 Stunden gespielt, und einiges an Dampf hatte sich verflogen. Christophs Taktik war wohl sauber, und er hatte gewonnen, wobei die Variante, derentwegen sein Gegner aufgab, ihm gar nicht so mundete, Dame gegen drei Leichte ist nicht so einfach zu gewinnen, auch wenn man noch etwas Initiative und Koordination hat. Aber, so der Schluss der ersten Analyse „irgend etwas anderes hätte da sicher gewonnen, war schon okay“. Bei Fabian hingegen konnte die Taktik gekontert werden und entgegen dem ersten Anschein gab es kein Mehrmaterial, sondern „nur“ ein gut spielbares, aber eben auch schwer symmetrisches Endspiel. David hatte inzwischen die Segel mit der weißen Flagge gestrichen, seine Hoffnungen auf einen Freibauerntrick erfüllten sich nicht, und je mehr abgetauscht wird, desto figuriner ist die Wenigerfigur nun einmal. Haschem wehrte sich noch, aber dass Wolf Gerigk das anbrennen lassen würde, daran durfte doch gezweifelt werden. Andrei drohte unter dem Druck inzwischen zusammenzubrechen, während Christian eine zumindest schon mal nicht mehr wirklich verlierbare Stellung erlangt hatte. Allerdings sind 2% Gewinn und 98% Remis einerseits schon ein Spiel auf 2 Ergebnisse, andererseits nicht das, womit man zwingend den brachialen Hebel holen kann, wenn es denn bedurfte.

Und das schien immer mehr der Fall zu sein, denn Andrei musste ebenfalls eine Niederlage quittieren, und bei Fabian gab es nichts zu holen und es fand ein friedliches Punkteteilen statt. Wobei man das Endspiel sicher noch einmal genauer ansehen kann, zumindest als Lehrmaterial könnte es taugen. 2:3 gegen uns. Und noch drei Endspiele. Das von Haschem wäre als Lehrmaterial nur für eher frühere Trainingsgruppen geeignet, denn nachdem seine Freibauern bequem gestoppt waren, war es mehr „wie verwerte ich Mehrspringer und -bauer gegen einen passiv stehenden Gegner“. Also kurz darauf 2:4. Deutlich und um einiges spannender die beiden anderen Endspiele. Alexander hatte gegen Martin mit einer Turmbatterie Druck auf der h-Linie aufbauen können, Martin nutzte die Gelegenheit aber zum Landwirteverspeis. Alles extrem konkret und daher auch ausführlich (aber beileibe noch nicht zu Ende) analysiert, die Frage war, ob Martin Alexander ein Dauerschach zugestehen musste, oder es durch gutes Hinstellen vermeiden konnte und dann auf mehrere Mehrbauern im Damenendspiel setzen, oder sicherheitshalber sogar selber Dauerschach geben sollte, bevor die gegnerische Dame vom Dauerschach abweichend selber noch Material schluckt und alles abwärts geht. Christian hatte inzwischen einen Mehrbauern, aber keine zwingenden Gewinnwege schrien „juhu, hier bin ich“. Also tat er das, von dem ich oben schrieb, dass er es nicht könne, er holte unter Bauernopfer einen Hebel heraus, um Helge noch eine Chance zu geben, einen entscheidenden Fehler einzustreuen.

Bevor sich das entschied, sah sich Martin allerdings genötigt, die Variante „Schwarz gibt Dauerschach“ zu wählen, da in vielen Varianten, in denen er es auslässt, eben doch auf einmal der Gegner eine Menge abzuholzen droht und dann einfach weiter vorne stehende Bauern hat. Oder eben selber noch immer einen Notausgang im dann weißen Dauerschach haben könnte. Womit Christians Ergebnis noch für die Brettpunkte, aber leider nicht mehr den Mannschaftserfolg relevant war. Spannend war es aber noch, beide Seiten konnten umwandeln, aber wie es dann eben meist kommt, das erste Schach gewinnt, und das gehörte Christian. Somit 3½:4½. Und die beiden letzten Endspiele werden sicherlich noch einiges an Analysematerial liefern – Christians Hebel schien auf den ersten Blick einfach richtig zu sein, Helge machte keinen Fehler, aber es klappte einfach alles. Für Martin sahen wir noch manche Gewinn-, für Alexander aber noch manche Remisidee, und überdehnbar war das im Zweifel auch. Hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, meine momentane Vermutung ist, es war irgendwie gewonnen.

Aber kein Vorwurf an Martin, durchrechenbar war das nicht und extrem riskant. Und einen Punkt wirklich verdient hätten wir wohl auch nicht gehabt. Wir haben zwar anständig gespielt, aber in der Summe war der HSK heute einfach einen Hauch besser und darf damit zu Recht zufrieden sein. Klar, Dave und Haschem haben noch große kämpferische Leistungen gezeigt, aber in der Landesliga ist weggestelltes Material wirklich nur sehr selten noch kompensierbar. Hätte Martin gewinnen können? Hätte Christian überhaupt gewinnen dürfen? Das ist dann irgendwie auch würfeln und Glück oder Pech in der Stellung, und das glich sich hier aus. Christoph agierte gewohnt souverän, Fabian solide, und Andrei zollte den nur 2 Stunden Schlaf Tribut, indem er eben nicht schlecht, aber das Quentchen ungenauer spielte. Matthias frühes Remis hätte vielleicht im Endspiel noch einen ganzen bringen können, aber das war es dann auch.

Dennoch – ordentlich gespielt, gut gekämpft, knapp verloren, das passiert halt mal. Die Laune nachher war also sicherlich nicht euphorisch, aber anständig, als wir im Feuervogel pizzten. Nur dass Fabian inzwischen bei meinen Anekdoten auch schon sagt „die kenne ich schon“, das ist für meine Stimmung nicht zuträglich. Die Diagonale braucht dringend Familienzuwachs, damit ich wieder wen zulabern kann.

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