Remember, remember the ninth of november

Nein, es geht hier nicht um Kanonenpulververrat, auch nicht um Rachezüge, wie Cinematographiephile meinen könnten, sondern nur um Schachzüge. Aber das Datum war schon ein besonderes – 25 Jahre Mauerfall. Heute sollte es uns zum HSK verschlagen – durch Spasseken in der Losnummernzuteilung, die uns die Eilbeker sonst immer in die letzten Runden oder zu uns legten, tatsächlich zum ersten Mal im Vereinsheim des HSK seit dem Landesligaaufstieg.

Und als wir am Sonntag zusammentrafen, und als wir die Häupter unserer Schäfchen zählten, da fiel doch tatsächlich etwas ungewöhnliches auf. Vor uns (beziehungsweise in uns) standen doch tatsächlich genau die acht Spieler, von denen wir am Donnerstag noch davon ausgingen, dass sie spielen würden. Es gab nicht eine einzige kurzfristige Absage. Da meine Chronik nur ins Jahr 1927 zurückreicht, kann ich nicht sagen, ob es so etwas schon einmal gegeben hat, aber ich kann sagen, was Andreas Bourani in diesem Jahr schon bis zum Erbrechen sagte: „Ein Hoch auf uns!“.

Und hier die Liste der Fußballweltmeister: an 1 Niels Jørgen gegen Helge Hedden (DWZ 2117, Elo 2140), an 2 Anja Hegeler (2115/2171) gegen Christoph, an 3 Matthias gegen Bernhard Jürgens (2064/2124), an 4 Wolfgang Schellhorn (2068/2184) gegen Martin, an 5 Andrei gegen Torsten Szobries (2074/2112), an 6 Teodora Rogozenco (1934/1959, frisch von der Jugendweltmeisterschaft in Südafrika) gegen Marten, an 7 Haschem gegen Alexander Baberz (1855/1954) und an 8 Jakob Pajeken (1771/1730, aber was heißt das bei Elfjährigen?) gegen Said. Und während die Duellanten an Brett 5 noch schnell die Herkünfte ihrer jeweiligen Namen (rumänisch beziehungsweise polnisch-litauisch) austauschten, und die Schiedsrichter der verschiedenen Partien (HSK II spielte parallel) unterschiedliche Anweisungen zum Handyverfahren in den Raum hineinverwirrten, nutze ich die Zeit um nachzurechnen, dass die Bretter 6-8 der HSK-Mannschaft zusammengenommen jünger sind als irgend ein Spieler unserer Mannschaft mit Ausnahme von Christoph (okay, Haschem könnte auch sein, da müsste man wohl Tage abzählen).

Und nach all der Vorrede konnten wir dann auch endlich losspielen. Unsere Ansage „Der HSK hat dieses Wochenende schon genug Brettpunkte geholt“ (die Bundesligamannschaft hatte gerade mit 6½ und 7½ gewonnen) stand. Unsere Vorbereitung stand mal wieder nicht, also mussten wir wirklich spielen. Und das führte an den Brettern 6 und 8 schnell zu großen Grübeleien – Teodora kannte meine Variante im Nimzoinder nicht, die ich spielte in der Hoffnung in ähnlichen Strukturen wie Dave letztes Jahr, als er gegen die selbe Gegnerin souverän gewann, zu landen, und versenkte erst einmal 20 Minuten in einen Zug, den dann ich wieder nicht kannte; gleichzeitig holte Jakob gegen Said im Italiener einen Zug heraus, den ich in meiner früheren, jetzt aber auch schon 20 Jahre alten, Italienischpraxis auch noch nicht gesehen hatte, sodass auch jener junge Mann gegen seine Gewohnheiten Zeit benötigte.

Die eigentliche Eröffnungssensation spielte sich jedoch an Brett 1 ab. Nein, es war kein klassisches taktisches Feuerwerk, was dort lichterloh brannte, aber es war eben deutlich weniger ruhig, als wir es von Niels Jørgen kennen. Vermutlich hat er sich doch unserem Vereinsmotto „Unus ignis quis vir“ angepasst. Und dann stand es 1:0 für uns – Matthias packte eine Taktik aus und schwarz hatte die Wahl zwischen „mit Figur weniger mattgesetzt werden“ oder „mit Turm weniger mattgesetzt werden“ und entschied sich für „Uhr anhalten“. Ein überraschendes Ende nach 2 Stunden (Teodora und ich waren schon im etwa 8. Zug). Aber vielleicht ein guter Zeitpunkt für eine erste Bestandsaufnahme:

Niels Jørgen hatte gegen Helge noch keine entscheidenden Akzente gesetzt, aber da wenigstens etwas auf dem Brett loszusein schien, erlaube ich mir die Aussage, dass ich auf den ersten Blick lieber seine Farben übernommen hätte. Christoph stand so, oh, er hat Remis gespielt. Bleibt bei 100%. Die Partie war noch nicht vorbei, aber er begann für das Weiterspielen Unwohlgespenster zu sehen. Martin stand angenehm aber entgegen gewisser Steaks „Lady“ nicht ohne drübergestreuten Pfeffer, Andrei hatte auf völlig anderen Wegen eine fast identische Struktur zu meiner letztjährigen Partie gegen Großhansdorf erreicht und bekam ein Remisgebot, das er aber wegen der wie schon gesagt klar besseren Stellung per ordre de Mufti Matthias ablehnen musste. Ich hatte die wenigen Züge genutzt, alle entwickelten Figuren abzutauschen, sodass meine verbliebenen Kämpferinnen und Kämpfer auf der Grundreihe Kriegsrat halten konnten, während Teodoras Klötze verstreut im Zentrum waren. Haschems Stellung hatte beiderseitige Chancen, mit vielleicht leichten Vorteilen für Alexander. Und Said hatte sich auf eine Art und Weise aus der unbekannten Eröffnung geschlängelt, dass man die Partie für ihn nach 10 Zügen aufgeben wollte – vielleicht objektiv nicht verloren, vielleicht schon, aber in jedem Fall einfach nur grausam fürs Auge, Bauerninseln überall, wenn die Bauern nicht schon weg waren.

Ich zog jetzt im vollen Bewusstsein einen Doppelfragezeichenzug, da ich nur noch (mindestens) Doppelfragezeichenzüge sah, und entschied mich für die Grausamvariante mit dem meisten Material für mich. Erwartungsgemäß ging es schnell bergab, insbesondere, da ich einige taktische Motive nicht einmal in der Berechnung hatte, wie zum Beispiel „Wenn Teodora eine Figur rausnimmt, ist sie nicht mehr auf dem Brett“ – meine Gedanken waren mehr von „Drohung ist stärker als Ausführung“ und sie nimmt mir nichts weg geleitet. Ausgleich zum 1½:1½. (Anmerkung: meine Aufzeichnungen zeigen mir gerade, dass das chronologisch bereits vor Christophs Remis passiert war, aber ich werde den Bericht da nicht mehr ändern.)

Was war inzwischen passiert? Niels Jørgens Vorteil manifestierte sich langsam (oder war objektiv noch nicht da, wer weiß das schon?), Martins Stellung war weiterhin beiderseits von Angriffsideen geprägt, aber unser Mann drohte mehr, Andrei ließ leider einen digitalen Ausschalter aus und es ging langsam bergab (allerdings stand er noch deutlich über der Wasserkante), Haschem geriet mehr und mehr in Rückenlage, dafür kämpfte sich Said noch einmal ran und fing an, statt suizidal nur noch normal schlecht zu stehen. In der Summe also spannend. Auch wenn jetzt an Brett 8 „nur noch normal schlecht“ zur Null reichte und wir in Rückstand gerieten.

Als nächster wurde Martin fertig: nach einem ausgelassenen Gewinn (der sich abwer erst in der Analyse zeigte) hatte er bei beidseitig knapper werdender Zeit ein Remisgebot, das ihm von Matthias genehmigt wurde. Und kurz darauf konnten wir an Brett 1 auch ausgleichen. Zwar war Niels Jørgen kurzfristig Material abhanden gekommen, aber das hatte wohl weniger mit Unaufmerksamkeit zu tun als mehr damit, dass er seinen c-Bauern immer weiter vorschieben wollte, und auf einmal ließ sich nicht mehr verhindern, dass er den letzten Zug seiner Landwirtkarriere machen würde – 3:3.

Es blieben Andreis besseres Endspiel und Haschems inzwischen verlorenes Endspiel, denn ihm war taktisch eine Figur abhanden gekommen. Da allerdings Jakob etwas passiver stand, waren hier durchaus noch Tricks für die praktische Partie im Angebot. (Stunden später, in denen Hoffen und Bangen eifrig Wiener Walzer tanzten) Andrei macht Remis, sein besseres Endspiel war aber auch inzwischen ein eher schlechteres – zu passiv angesetzt. Und Haschem konnte zwar noch lange nerven, letztlich ließ sich Jakob aber die Butter nicht mehr vom Brot nehmen.

Letztlich also ein 3½:4½, die knappste aller knappen Niederlagen. Und an einigen Brettern war bequem mehr drin (Martin, Andrei). Aber dennoch definitiv nicht unglücklich sondern hochverdient. Das Bild quer durch die Mannschaft war nicht das, was in dieser Liga gefragt ist. Die Bretter 6 und 8 waren ein Totalausfall, und würde es nicht Geld kosten, hätten wir sie frei lassen können. Der Rest hat individuell zwar okay gespielt (und ja auch gegen das 0:2 oben noch einen Gegenpunkt setzen können), aber aus Sicht unserer eigentlichen Stärke, der mannschaftlichen Geschlossenheit, war das nichts. Alle drei Remispartien hatten Angst (an Brett 5 mehr als es zum ablehnen gezwungen war, als am Ende), gute Stellungen zu spielen, weil man sie ja versemmeln könnte. Hier war der Spatz in der Hand mehr als die Taube auf dem Dach, das Individuelle über dem Mannschaftlichen, die Angst größer als das Vertrauen in eigene Stärken – die wir ja trotz allem irgendwo haben. Nur brauchen wir, als eher unterdurchschnittliche Mannschaft, immer mal wieder auch Taubenjäger, sonst verlieren wir vielleicht nicht mehr so hoch wie gegen Diogenes, aber wir verlieren.

Und das wäre schlecht, denn nach einem Drittel der Saison stehen wir auf einem HSV-igen Tabellenplatz. Und es ist nicht völlig unwahrscheinlich, dass es drei Absteiger geben wird. Und die anderen „Außenseiterteams“ haben im Gegensatz zu uns schon gut gepunktet, sodass die anderen Mannschaften „unten drin“ besser als wir aufgestellt sind, sich da rauszuziehen.

Es heißt also, sich auf alte Stärken zurückzubesinnen, über den Kampf zum Spiel zu finden, notfalls dem Gegner den Rasen kaputtzutreten (bei Königsspringer nächste Runde ist es glaube ich Grand, aber den kriegen wir auch zerpflückt, wenn wir nur wollen) und wieder mehr als Einheit aufzutreten. Von daher erwarten wir auch, dass unser Vorstand voll hinter dem Trainer steht und ihm das vollste Vertrauen ausspricht. Muss er auch, denn Jonny kann ja nur mit dem Material arbeiten, das vor Ort ist. Und aus Pappmaché ein verkehrssicheres Flugzeug bauen, das kann dauern.

Wenigstens haben wir noch die 25 Jahre Mauerfall. Das ist vielleicht doch noch ein wenig wichtiger.

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