Deine blauen Augen machen mich so sentimental
Die Physik definiert Druck als die senkrecht auf eine Fläche wirkende Kraft pro Flächeneinheit. Das Deutsche Institut für Normung weiß obendrein, dass Druck die Wiedergabe einer textlichen respektive bildlichen Darstellung in beliebiger Anzahl durch Übertragung von Druckfarben beziehungsweise färbenden Substanzen auf den Bedruckstoff mittels einer Druckform sei.
Bei uns hingegen hatte ein übermotivierter Ex-Schachwart auf der Jahreshauptversammlung festgestellt, dass wir zum hundertjährigen Jubiläum alle Mannschaften in sehr guter Ausgangsposition hatten und es doch schön wäre, gerade in diesem Jahr mit jeder Mannschaft eine Staffelsiegerplakette zu bekommen.
Die dritte und die zweite Mannschaft haben bereits geliefert und ihre jeweiligen Staffeln gewonnen. Und wir? Wir von der ersten stehen ja auch sehr gut da. Zwei Runden vor Schluss zwei Punkte Vorsprung auf Wedel und Union, ein auf dem Papier nicht überwältigendes Restprogramm, das las sich gut. Ein Unentschieden würden wir uns in jedem Fall leisten können, vielleicht sogar deren zwei, immer in Abhängigkeit von den anderen Ergebnissen.
Gegner in der vorletzten Runde war Blankenese 3. Und im Gegensatz zum Spiel gegen Wedel 2 mussten wir nicht ganz so tief in die Ersatzspielerliste schauen. Zwar fehlten Haschem und Stefan, aber mit Rainer V und Detlef war für punkteträchtigen Ersatz gesorgt.
Und auf ging’s. Später auch ab, aber ich greife mir vor. Das in unterschiedlichem Tempo – an Brett 3 hatte Marten seinen Gegner Bijan Tarbiat (1724) mit einer Nebenvariante im Schotten offensichtlich so überrascht, dass dieser erst einmal 30 Minuten in Zug 5 versenkte. Gut, kurz darauf werde ich Martens Stellung lieber nicht beschreiben, es könnten Kinder mitlesen, somit hatte sich die investierte Zeit für Weiß gelohnt.
Währenddessen spielte Tareq gegen Wolfgang Engelhardt (1875) so, wie Tareq spielt, während Andrei gegen Gerhard Kraft (1622) eine typische Andreistellung auf das Brett zauberte. Das war zumindest nicht ganz so schlecht. Stamm-Rainer J hingegen stand früh unschön gegen Lennart Scherz (1651), dafür hatte Ersatz-Rainer V bereits eine angenehme Stellung gegen Dominik Kofert (1416), ebenso Ersatz-Detlef gegen Tristan Kofert (1325). Und auch Martin und Tobias hatten einige Züge vollzogen (gegen Michael Gutschmidt, 1585, respektive Bahaa Hashem, 1696), ohne die Stellung komplett einzustellen.
In der Summe ein Mannschaftskampf: hier stehen wir gut, da stehen wir schlecht, und dort drüben normal ausgeglichen. Und wer sich die Zahlen oben angesehen hat, der wird erkennen, dass wir von der DWZ her deutlich favorisiert waren – knapp 170 mehr im Schnitt, würde sich das auf den Brettern zeigen? Das ein bisschen bessere Spiel akkumuliert Kleinstvorteile, bis die Partie kippt?
Natürlich kam es stattdessen wie immer diese Saison: gegen die Starken spielen wir stark und gegen die vermeintlich Schwächeren tun wir uns schwer. Favorit können wir also nach all den Jahren als Außenseiter in höheren Ligen hier immer noch nicht. Zwar gewann Detlef eine Qualität und hatte eine Stunde Zeitvorsprung, ebenso standen Martin und Tobias ganz nett, aber Rainer J verlor schon einmal, Tareq rettete sich so gerade ins Remis in einer zumindest schwierigen Stellung und Marten stand immer noch auf dem Acker, auch wenn der Gegner den Ausschalter nicht drücken wollte. Rainer V schließlich hatte auf einmal alle gegnerischen Figuren mitten in seiner Rochade stehen und musste die Dame geben – wenngleich gegen zumindest rechnerisch nach Eiskugeln ausreichendes Holz.
Allerdings will ich auch einmal etwas Positives schreiben: Musik kann Menschen glücklich machen.
Zurück zum Mannschaftskampf. Nein, ganz so schlimm war es nicht. Rainers komplett unklare Stellung wurde zum Remis, da Dominik eine Zugwiederholung erzwang. Andrei hatte zwar einen Mehrbauern, aber dieser war doppelt und auch hier gab es kein Vorankommen, also ebenso Remis. Davor und danach spielten Tobias und Martin doch ein wenig ihre höhere Stärke aus – Tobias gewann durch ein Fesselungsmotiv eine Figur, Martin erreichte mit einem Opfer einen überwältigenden Angriff. Wir führen also 3,5:2,5 und Detlef hat doch eine Qualle mehr? War das nicht der Sieg?
Nein, denn Detlef hatte, vom Mannschaftsführer zuvor durch ein Remisverbot zu Aktivität gezwungen, inzwischen irgendwie drei Bauern weggegeben und der Gegner marschierte mit seinen vom Läufer unterstützten verbundenen Freibauern lustig los. Diese könnte man dann nur noch mit einem Turmopfer aufhalten. Und Marten stand immer noch auf Verlust, nicht mehr so offensichtlich in einem materiell ausgeglichenen Endspiel, aber dank Durchbruchsmöglichkeiten der Königsflügelmajorität eben doch.
Und nun hatten wir genau das Glück, das wir in dieser Situation wirklich brauchten. Spielerisch war nichts mehr zu gestalten, aber beide Gegner fanden die richtigen Züge nicht, und auch wenn sie die Partien nicht wegstellten und sie gewonnen blieben, kamen doch keine Fortschritte. Bis Detlef und Marten jeweils bei starkem Zeitdruck der Gegner Remisangebote bekamen, die natürlich sofort angenommen wurden. Das waren zwei blaue Augen, die Det und Marten da davontrugen, und in der Summe ein 4,5:3,5.
Ein glücklicher und letztlich unverdienter Sieg. Neben Martin und Tobias war hier hauptsächlich Caissa entscheidend, das Spiel gestaltet wurde meist eher von den Blankenesern. Nehmen wir aber. Zum einen bleibt uns ja auch nichts anderes übrig, als das korrekte Spielergebnis anzuerkennen, zum anderen war es ein Riesenschritt in Richtung Staffelmeisterschaft. Da Wedel einen Punkt abgegeben hatte, haben wir nur noch Union als Konkurrenz. Diese müssen erst einmal ihre letzten zwei Spiele gewinnen, aber selbst wenn wir dazu noch unser letztes Spiel verlören, könnte es für uns noch reichen, denn wir haben sogar ein paar Brettpunkte mehr.
Besser wäre natürlich ein eigener Sieg, gerne auch souverän herausgespielt als Favorit. Aber das können wir ja offenbar nicht. Wir sollten uns nur keinen Druck machen …

