100 Jahre Diagonale! Ein Jubiläum mit Schach, Freunden und Zukunft
100 Jahre? Dann fangen wir mal vorne an
1926 war Harburg noch eine eigenständige Stadt und hatte mit Hamburg noch nicht allzu viel am Hut. Der Harburger Stadtpark war gerade im Entstehen, und in der Stadt wurde kräftig gebaut und modernisiert. Harburg war inzwischen eine wichtige Industriestadt mit Hafen, Werften und zahlreichen Fabriken und natürlich mit jeder Menge Menschen, die dort lebten und arbeiteten. Ein Jahr später war es dann schon wieder vorbei mit der Eigenständigkeit: Harburg wurde gemeinsam mit Wilhelmsburg zur Großstadt Harburg-Wilhelmsburg vereinigt.
Und irgendwo in dieser Zeit dachten sich ein paar Menschen offenbar: „Wenn sich hier schon so viel verändert, können wir ja auch noch Schachvereine gründen.“ Damit legten sie die Grundsteine für den SV Diagonale und den Barmbeker SK, und den Grundstein für 100 Jahre Schachgeschichte.
Und weil man 100 Jahre Schachverein am besten mit Schach feiert, haben wir am 19.09.26 genau das gemacht, was Schachspieler eben so machen: Schach spielen, fachsimpeln und natürlich reichlich darüber reden.

Vor dem eigentlichen Schachspiel war natürlich auch einiges an Vorbereitung nötig. Getränke wurden besorgt, 26 Bretter aufgebaut und alles für den langen Schachtag vorbereitet. Ein ganz besonderer Hingucker war dabei das verführerische Kuchenbuffet von Kirsten, inklusive einer eigens zum Jubiläum gebackenen 100-Jahre-Marzipantorte.

Geplant war am Nachmittag ein gemeinsamer Freundschaftskampf an 26 Brettern, eine Partie mit 60 Minuten Bedenkzeit pro Spieler. Mitmachen konnte wirklich jeder, ganz unabhängig von Spielstärke oder Erfahrung. Eigentlich sollte es um 15:00 Uhr losgehen. Doch der Hamburger Verkehr hatte offenbar andere Pläne: Wie so oft sorgte er dafür, dass etliche Teilnehmer vor den Elbbrücken im Stau standen. So trudelten die Spieler nach und nach ein.
Am Empfang nahm Dave die Namen für den Freundschaftskampf auf. Als kleine Begrüßung gab es für alle ein All-inclusive-Bändchen und als Erinnerung an den besonderen Tag einen 100-Jahre-Pin als Souvenir. Beides wurde eigens von unserer Designerin Johanna entworfen. Nachdem schließlich alle eingetroffen waren und Rainer alle begrüßt hatte, konnte es endlich losgehen: Bretter und Kuchen wurden freigegeben!

Schachmatt und Kuchensatt
Im Mittelpunkt stand dabei natürlich nicht nur das Ergebnis, sondern vor allem der Spaß am Schach und die Begegnung der Mitglieder beider Vereine. Aufgrund einiger kurzfristiger Absagen und Nichtkommer mussten wir zwar auf ein paar Bretter verzichten. Dafür gab es tatkräftige Unterstützung aus anderen Vereinen sowie durch Freunde und Eltern. So kamen immerhin 24 besetzte Bretter zusammen, und die sorgten für reichlich Betrieb und eine entsprechend lebendige Atmosphäre.

Das Spitzenbrett, André Bigalke (BBK, 2072) gegen Tareq Syed (DIA, 1974), wurde live übertragen, im Raum auf einem großen Monitor und dank Peter Schneider vom Barmbeker SK sogar weltweit im Internet. Vielen Dank dafür!

Als guter Gastgeber und unverbesserliche Künstlernatur verzichtete Tareq allerdings darauf, seinen Gegner bereits im 10. Zug mattzusetzen. Mit 9…Sc3+! statt 9…Sg3+? wäre das Matt unabwendbar gewesen. Stattdessen entschied er sich offenbar dafür, einen Jackson Pollock auf die Leinwand zu bringen. Das Bemerkenswerte daran: Weder Tareq noch sein Gegner bemerkten das verpasste Matt, auch nicht bei der anschließenden Analyse. Und offenbar entging die Möglichkeit auch den schachkundigen Zuschauern im Raum. Jedenfalls sprach ihn anschließend niemand darauf an. Die Partie wurde in lichess importiert, wo sie interaktiv nachgespielt werden kann: https://lichess.org/VM1jpOzt
An Brett 2, Martin Becker (DIA, 1974) gegen Jörg Rahn (BBK, 2040) endete die Partie im Remis. Das wurde aber nicht einfach zur Kenntnis genommen und das Brett abgeräumt. Nein, die Partie wurde noch lange und intensiv analysiert. Natürlich nicht nur von Menschen. Auch die Engine musste noch einmal ran. Denn nach 100 Jahren Vereinsgeschichte kann man schließlich nicht einfach akzeptieren, dass eine Partie remis ist. Man muss erst einmal überprüfen, ob die Maschine vielleicht anderer Meinung ist.

Brett 3 war den beiden Vorsitzenden vorbehalten, Alf-Tomas Epstein (BRK, 1744) gegen Rainer Jonasson (DIA, 1840). Und was sollten zwei Vorsitzende schließlich anderes spielen als das Königsgambit? Nach entsprechender Eröffnungstheorie und vermutlich noch mehr vereinsinternem diplomatischem Fingerspitzengefühl endete die Partie folgerichtig mit Remis.
Alle weiteren Paarungen und Ergebnisse findet ihr hier
Besonders erwähnenswert: Auf Seiten der Diagonale gingen gleich neun Kinder und Jugendliche an den Start. Und die Nachwuchsspieler zeigten, dass sie nicht nur zum Mitspielen gekommen waren: Yuxuan und Ron konnten ihre Partien gewinnen, Ray holte ein Remis. Eine schöne Bilanz für unseren Nachwuchs und ein weiterer Beleg dafür, dass die Zukunft der Diagonale am Brett bereits kräftig mitmischt.

Während die ersten Partien bereits nach knapp zehn Minuten beendet waren, nutzten andere die vollen zwei Stunden Bedenkzeit aus. Dazwischen blieb genügend Gelegenheit, sich am inzwischen deutlich kleiner gewordenen Kuchenbuffet zu bedienen und sich mit anderen auszutauschen. Und wer gerade nicht am Brett saß, fand schnell Gelegenheit, sich mit den vielen anderen Dingen zu beschäftigen.

Am Ende mussten wir uns mit 7,5 : 16,5 geschlagen geben. Angesichts der teilweise deutlichen DWZ-Unterschiede war das Ergebnis keine große Überraschung, aber darum ging es an diesem Tag auch nicht in erster Linie. Viel wichtiger war der gemeinsame Spaß am Schach, die vielen netten Begegnungen und die Gelegenheit, alte Kontakte zu pflegen und neue Freundschaften entstehen zu lassen.
Zwei Vorsitzende und ein Grußwort
Auch die offiziellen Worte durften natürlich nicht fehlen. Beide Vorsitzenden sprachen zu den Gästen.
Den Anfang machte Alf-Tomas Epstein, Vorsitzender des Barmbeker SK. Dabei übernahm er kurzerhand sogar die Rolle des Vorsitzenden des Hamburger Schachverbands: Dessen Grußwort lag zwar vor, der Verfasser war jedoch leider verhindert. Auch das ist typisch Schach: Wenn ein Spieler fehlt, braucht man einen Ersatzspieler und wenn ein Vorsitzender fehlt, nimmt man eben einen anderen Vorsitzenden.

Anschließend hielt unser Vorsitzender Rainer Jonasson seine Rede. Hätte er die komplette Vereinsgeschichte von 100 Jahren in Echtzeit erzählt, wären vermutlich rund 100 Minuten zusammengekommen. Glücklicherweise wurde die 100-jährige Vereinsgeschichte mit einem Faktor von 15 komprimiert. Oder, um im Schachbild zu bleiben: Die Engine hatte ordentlich Rechenpower und lieferte die kompletten Varianten einfach 15-mal schneller.
Burger, Blitz, Begegnungen
Nach den Reden wurde dann auch ordentlich aufgefahren und gemeinsam gefeiert. Die alkoholfreien Getränke wurden nun um Bier und Sekt ergänzt, und vor der Tür warteten bereits die Burgerjungs mit ihrem Foodtruck auf hungrige Gäste. Burger und Pommes fanden jedenfalls schnell ihre Abnehmer.

Es wurde gegessen, getrunken, geplaudert und natürlich auch immer wieder mal geblitzt und Tandem gespielt. Mit dabei waren auch Partnerinnen, Partner und Familien, sodass aus dem Schachturnier endgültig ein richtiges Vereinsfest wurde.

Überhaupt zeigte sich an diesem Tag: Schach mag ein ruhiges Spiel sein, ein Schachverein kann dagegen ausgesprochen lebendig sein.
Die Zukunft sitzt schon am Brett
Bei aller Freude über 100 Jahre Vereinsgeschichte war für uns aber etwas anderes besonders wichtig: das Bild, das die Diagonale an diesem Tag abgegeben hat. Viele Jugendliche. Viele Eltern. Viele neue Gesichter. Und vor allem: Menschen, die offensichtlich Spaß daran haben, dabei zu sein.
Einige unserer Jugendlichen konnten beim Freundschaftskampf sogar sehr überzeugende Siege einfahren. Da merkt man als etwas älterer Schachspieler: Die Zukunft sitzt bereits am Brett. Und sie spielt möglicherweise schon besser als man selbst. Diese Entwicklung war keineswegs selbstverständlich. Gerade während der Corona-Zeit und auch danach gab es Sorgen. Der Vereinsabend wurde leerer, es kamen weniger Menschen, und irgendwann stellt sich auch bei einem Verein mit 100 Jahren Geschichte die Frage: Wie geht es eigentlich weiter? An diesem Jubiläumstag haben wir darauf eine ziemlich gute Antwort bekommen: Es geht weiter. Die Diagonale lebt. Sie wächst wieder.
Die Jugend kommt. Eltern kommen mit. Neue Mitglieder kommen dazu.
Und auch sportlich gibt es im Jubiläumsjahr allen Grund zur Freude: Alle drei Mannschaften konnten ihre Staffeln gewinnen. Für einen 100 Jahre alten Verein ist das nicht nur eine schöne Bilanz, sondern vor allem ein ziemlich gutes Zeichen dafür, dass die nächsten Kapitel bereits geschrieben werden.
100 Jahre und eigentlich erst ein Zwischenstand
Vielleicht ist genau das das Schöne an einem Schachverein: Er lebt nicht von seinem Gründungsjahr, nicht von Pokalen und auch nicht allein von dem, was vor 50, 80 oder 100 Jahren einmal passiert ist. Ein Verein lebt davon, dass heute Menschen zusammenkommen.
Davon, dass jemand einem Kind erklärt, warum der Springer eben nicht geradeaus ziehen kann. Dass nach einer Partie noch zwei Stunden über einen einzigen Zug diskutiert wird. Dass Eltern ihre Kinder zum Training bringen. Dass ein Spieler nach einer Niederlage trotzdem am nächsten Donnerstag wiederkommt. Und dass man sich auch nach 100 Jahren noch an ein Brett setzen kann und sagt:„Komm, wir spielen eine Partie.“
Deshalb war unser Jubiläum eigentlich gar kein Rückblick. Es war ein Zwischenstand. 1926 haben Menschen angefangen. 2026 sitzen hier wieder Menschen am Brett. Und wenn wir vieles richtig machen, sitzen hier irgendwann im Jahr 2126 die nächsten Generationen. Vielleicht wird dann noch die eine oder andere Partie von heute analysiert. Vielleicht gibt es dann keine Schachuhren mehr. Vielleicht spielt künstliche Intelligenz gegen künstliche Intelligenz.
Aber hoffentlich sitzt dann immer noch jemand daneben und sagt: „Jetzt erklär mir doch noch mal, warum dieser Zug remis ist.“
Und wahrscheinlich wird dann trotzdem wieder jemand die Engine anschalten. 😉
In diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch zum 100. Geburtstag, liebe Diagonale!
Auf die vergangenen 100 Jahre, auf die nächsten 100, auf viele Jugendliche, viele Eltern, viele neue Mitglieder und viele spannende Partien.
Denn eines hat uns dieses Jubiläum gezeigt: Es geht nicht darum, jede Partie zu gewinnen. Entscheidend ist, dass die nächste Partie wieder stattfindet.
Dave/Martin

































