Nach eins kommt zwei

Diese Bezirksligasaison hat eine Besonderheit im Spielplan: fast alle Mannschaften spielen direkt nach dem Match gegen Wedel 1 gegen die Zweitvertretung desselben Vereins.

So auch wir. Wahrscheinlich sind die armen Zweitwedeler stets mit den Rachegelüsten der Gäste konfrontiert, die sich für die niederschmetternden Ergebnisse gegen die Kollegen revanchieren wollen. Aber so sind wir nicht – wir haben ja letzte Runde gegen Wedel 1 gewinnen können, kein Grund für Rache. Zumindest nicht auf unserer Seite.

Und da in den Berichten beider Mannschaften zum besagten Spiel Diagonale 1-Wedel 1 fast schon erschreckende Einigkeit in der Bewertung praktisch aller Partien, Kipppunkte und sonstiger berichtenswerter Dinge herrschte, wollen wir schauen, ob wir das nicht auch heute hinbekommen können:

Pünktlich um 19h fand sich die extrem gutaussehende und außerordentlich wohlriechende, möglicherweise sogar sündhaft schmackhafte, Acht der Diagonale beim Spiellokal „Mittendrin“ in Wedel ein. Engelsgleich betraten sie den Saal, bestaunt von nahezu der kompletten Nachbarschaft. Man spricht von Opfergaben.

Wobei die Acht eventuell nicht ganz die waren, die Wedel erwartet hatte. Hatten wir gegen Wedel 1 noch fast Bestbesetzung, so fehlten heute gleich vier Spieler aus der Stammmannschaft, und tendenziell eher vordere. Ersetzt wurden sie durch die „Stammersatzspieler“ David und Jens, auch Nicolas bekam nach seinem starken Auftritt gegen St. Pauli einen weiteren Einsatz, und abschließend durfte Gregor sein Bezirksligadebüt geben, in der Hoffnung, dass er seine 92% Punktausbeute aus der Kreisklasse auch weiter oben bestätigen könnte. Wedel 2 dagegen spielte an Brett 1 mit dem an 1 Gemeldeten und an Brett 8 mit der nominellen Nummer 8. Dazwischen wegen einer a-Nummer ein wenig schief, aber eben sehr stark besetzt. Das waren sie auch aus gutem Grund: nicht nur würden sie ihrer ersten Mannschaft helfen wollen, ihre theoretische Aufstiegschance zu behalten, indem sie dem Tabellenführer (uns) ein bis zwei Beine stellen, auch für sie selbst geht es ja im engen unteren Tabellenmittelfeld um jeden Punkt gegen den Abstieg.

Wie bei der freundschaftlichen Beziehung der beiden Vereine nicht anders zu erwarten, gab es ansonsten auch dieses Mal keine ernsthafte Schlägerei. Zumindest werden wir das weiterhin gegenüber Schachverband und Polizei so behaupten, wenn man uns fragen sollte.

Zum Anpfiff war Wedel ansonsten noch nicht ganz vollzählig – nicht nur Gäste finden hier offenbar keine Parkplätze – aber das legte sich nach wenigen Minuten.

Die ersten Partien waren auch relativ schnell zu Ende, nach 90-120 Minuten hatten sich zunächst Robert Law und Marten an Brett 2 auf Remis geeinigt. Marten kam gut aus der Eröffnung und übernahm mit Schwarz die Initiative und lehnte daher das erste Remisgebot noch ab. Dann aber überdehnte er etwas, musste viele Abtäusche zulassen und erkannte leichte Strukturprobleme bei sich selbst. Deswegen war er nun einverstanden, auch zu Roberts Freude, dem am Folgetag eine anstrengende Dienstreise bevorstand.

An Brett 7 bestätigte Nicolas seine starke Leistung aus dem St.-Pauli-Spiel. Er eroberte gegen Peter Brakelmann konsequent Raum, Läuferpaar und die einzige offene Linie und hatte viel Druck auf dieser. Befragt von einem gegnerischen Bauern entschied sich dann ein Läufer für ein schönes taktisches Ablenkungsmotiv, das aber wohl einen Zug später noch stärker gewesen wäre. So löste sich im Endeffekt alles auf und nach Generalabtausch verblieb ein hochremisliches, weitgehend symmetrisches Endspiel, das beide Spieler auch so einschätzten, weswegen es erst einmal 1:1 stand.

An Brett 4 spielte Rainer einen Spanier zunächst recht passiv, nur um dann doch mit Springermanövern vorwärtszureiten. Irgendwo verhoppelte er sich und die Stellung wurde unangenehm. Bevor er langsam ausgedrückt würde, übersah er daher lieber ein taktisches Motiv und spielte fortan mit Wenigerfigur. Beziehungsweise tat es nicht, da er dem Wedeler Schachfreund Kai Durchfeld die Verwertung absolut zutraute und ihm die Hand schüttelte.

An Brett 8 war Gregor gegen Wedels Mannschaftsführer Nico Jürgens sehr solide zu Gange und spielte eine gute Partie. Bis er die jedem Schachspieler bekannte Situation hatte, in der er erkannte „Ich darf jetzt nicht den Springer ziehen. Der Springer wird genau hier gebraucht, wo er jetzt steht. Woanders stünde er auch schön, aber das muss warten, vorerst muss der Springer genau hier bleiben.“ – die logische Konsequenz dieses Gedankenganges kennen wir alle, hier und heute kostete sie einen wichtigen Zentrumsbauern. Nico hatte also nicht nur einen Bauern mehr, sondern auch ein starkes Terzett aus c-, d- und e-Bauern, das schon einmal mit leichten Dehnübungen für das zu erwartende Vormarschieren beginnen konnte. Letztlich brach leider für Gregor alles zusammen. Der Gegner war zwar heute schlicht besser, aber wir haben gesehen, dass Gregor auch in der Bezirksliga mithalten kann.

Wie schon gegen Wedel 1 waren also vier Partien relativ zügig durch. Damals stand es dabei hingegen 2:2 mit vier guten Stellungen. Und heute? 1:3 für den Außenseiter gegen uns. Und die Stellungen? Waren auch nicht so gut wie letztes Mal. Was allerdings genauso lief wie in der Vorrunde, war mein mehrfaches Verzählen beim Material und die daraus resultierende Versorgung des Mannschaftschats mit Fehlinformationen.

Wobei es auch nicht völlig katastrophal war: Tareq hatte an Brett 1 gegen Jan Bartels eine Art Königsinder mit Weiß angesetzt und rannte am Königsflügel los. Jan, auch nicht ganz neu im Geschäft, wusste indes, wo er in so einer Situation zu kontern hatte. Alles ziemlich kompliziert, im Zweifel gefiel mir Tareqs Stellung besser. Weniger gefiel mir dafür, dass ich Zweifel hatte.

An Brett 3 hatte Stefan gegen Patrick Keane eine fuchswilde Stellung. Vielleicht sogar hyänenwild. Turm und Bauer spielten gegen Läufer und Springer, wobei der Läufer zumindest vorerst ausgesperrt war und ein paar Züge benötigen würde, bevor er seine Wirkmacht entfachen könnte.

David hatte an Brett 5 gegen Alexander Klinkow bereits früh eine Schwäche erzeugt und einen Bauern gewinnen können und danach gezeigt, dass er und ich doch Partien unterschiedlich anlegen. Wäre ich damit vorerst zufrieden gewesen und hätte meine Struktur stabilisiert, so setzte er weiterhin auf Vormarsch.

An Brett 6 hatte Jens abschließend in einem Endspiel gegen Wolfgang Schmeichel eine Qualität mehr. Das war zumindest bequem spielbar, aber auch noch nicht ganz trivial gewonnen. Wie Jens berichtete, wurde er in der letzten Partie der beiden von Wolfgang im Betriebsschach gefoppt. Sicherheitshalber verbot ihm der Mannschaftsführer deswegen für heute das Gefopptwerden.

Also eine deutlich bessere, eine leicht bessere und zwei völlig unklare Stellungen. Im Mittelwert ein 4:4, womit wir nicht würden zufrieden sein dürfen, da wir dann potenziell von Ausrutschern von Union im Meisterschaftsrennen abhängig wären.

Der erste Aufreger passierte dann an Brett 3. Unter Druck stehend versuchte Patrick den genannten Läufer zu aktivieren, zog ihn aber einfach auf a5, ein Feld, auf dem der weiße Turm g5 ihn einfach schlagen konnte. Leider war der Job des Turmes aber am Königsflügel und so übersah Stefan das. Ich muss hier fairerweise erwähnen, dass es mir lange Zeit genau so ging. Patricks Läufer war jetzt aber stattdessen aktiv, wobei er nicht den Gewinn suchte, sondern das ungleichmäßige Material zurückgab, sodass ein Bauernendspiel vier gegen vier entstand.

Die zweite große Veränderung an Brett 1. Hier hatte Jan einen Turm auf ein Feld gezogen, auf dem er einfach angegriffen werden konnte. Zurückziehen ging nicht ohne vollständig zu zerfallen, also deutete Jan die Situation in ein Opfer um. Und in der Tat, für die Qualität bekam er sehr bedrohliche Bauern auf d3 und d4. Ja, das sind Doppelbauern, aber sie stützten Leichtfiguren, die wiederum Tareqs Kohorte daran hinderten, die Bauern abzufangen. Für beide Seiten bedrohlich.

Der Blick wendet sich nun wieder auf Jens an Brett 6, der sich komplett weigerte, die natürlichen Züge zu spielen, die ich aus dem Ärmel geschüttelt hätte. Stattdessen hatte er es geschafft, mit seinem Turm in die gegnerischen Bauern einzudringen. Das würde wohl einfach werden und es wurde sogar noch einfacher, weil Wolfgang es genau so sah. 2:3.

Zurück zu Brett 3: Bauernendspiele sind zwar eine Stärke von Stefan, aber wo nichts zu holen ist, da ist eben nichts zu holen. Somit ein Remis. 2,5:3,5.

David stand derweil noch immer besser, jedoch ein klitzekleines Bisschen verknotet und der Gegner hatte stets Motive, in seine Rochadestellung einzudringen. Das war durchaus unklar. Deswegen wurde Jans Remisangebot an Brett 1 zum allgemeinen Amusement auch nicht von Tareq, sondern zur Zeitersparnis direkt vom Mannschaftsführer abgelehnt. Ja, es bestand eine nicht zu unterschätzende Verlustgefahr, aber die Chance war hoch, dass Verlust oder Remis auf dasselbe hinausliefen.

An Brett 5 folgte nun eine Sequenz, die ich inkonsequent fand. Ein schwarzes Qualitätsopfer auf f3 war als Maßnahme für Gegenspiel sehr nachvollziehbar, aber ich hätte danach mit Sargnagel f3 und Mattangriff gerechnet, statt mit Setzen auf Davids schwachen Läufer. Nachdem sich dann alles Mattmaterial abgetauscht hatte, stand David mit Bauern und Qualität im Endspiel besser. Es bedurfte zwar noch etwas der Entknotung, aber schließlich erzwang David auch noch das Entstehen eines Freibauern, der dann einen Schritt machte. Sehr souverän zum Ausgleich.

Das war aber auch notwendig, denn abschließend erzwang Jan gegen Tareq das Remis, Mannschaftsführer hin oder her. Der darf zwar Remisen ablehnen, aber eine dreimalige Wiederholung ist eine dreimalige Wiederholung ist eine dreimalige Wiederholung, wie die Regeln sagen. Am Ende also ein 4:4.

Es ist festzuhalten: ein letztlich gerechtfertigtes Unentschieden. Wir hatten zwar in dem Läufereinsteller an Brett 3 die offensichtlichste Möglichkeit, mehr zu holen, aber es wäre dann sehr glücklich gewesen. Auch wenn es nominell Erster gegen Vorletzter war, war es ein Match absolut auf Augenhöhe und Wedel hat sich das Verlassen der Abstiegsränge ohne Wenn und Aber verdient. Auf unserer Seite haben die vier Reservespieler stark gespielt, auch wenn es bei Gregor nicht für Zählbares gereicht hat, und eher die Stammspieler nicht das Erwartete oder Erhoffte liefern können, sodass die Ausrede von der Ersatzschwächung auch nicht überzeugen kann. Stefans Partie nehme ich hierbei aus der Wertung, ohne Analyse habe ich keine Ahnung, ob er sehr stark oder sehr gurkig gespielt hat.

Dankenswerterweise für uns hat sich die durch dieses Ergebnis entstandene Notwendigkeit eines Stolperns von Union gleich am nächsten Tag erledigt, sodass wir im Moment sogar zwei Punkte Vorsprung haben (und tatsächlich wieder Wedel 1 der stärkste Konkurrent ist), aber um das nach Hause zu bringen, müssen wir die letzten beiden Runden mehr bieten. Dann aber hoffentlich mit mehr Stammspielern, nicht zuletzt, weil Jens und David nicht mehr als Ersatz einsatzberechtigt sein werden und uns ihre Punkte fehlen werden.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …